Uranatlas 2026: Zwischen Wettrüsten und Abhängigkeit

Ziviler Deckmantel, militärische Ziele: Der Uranatlas 2026 beleuchtet die toxischen (Alt)lasten der Atomkraft und warnt vor der untrennbaren Verflechtung von Atomenergie, nuklearer Aufrüstung und geopolitischer Abhängigkeit.
05.03.2026 – Uran ist der Grundstoff für Atombomben und Atomstrom. Der aktualisierte Uranatlas 2026 zeigt den gefährlichen Weg des Urans in die Atomkraftwerke auf. Die Herausgeber – Nuclear Free Future Foundation (NFFF), Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Rosa-Luxemburg-Stiftung, Umweltstiftung Greenpeace und .ausgestrahlt – kritisieren den fortlaufenden Abbau von Uran und Ausbau der Atomkraft.
Atomkraft befeuere ein neues globales Wettrüsten und zementiere geopolitische Abhängigkeiten – auch von Russland. Die Herausgeber des Uranatlas 2026 appellieren gemeinsam an die Bundesregierung, sich für nukleare Rüstungskontrolle und Abrüstung einzusetzen.
Rohstoff für Strom und Bomben
Uran wird seit den 1930er Jahren abgebaut, bis in die 1970er zum größten Teil für militärische Zwecke. Zivile und militärische Nutzung der Atomkraft sind untrennbar miteinander verwoben. Weltweit gibt es 12.241 Atomsprengköpfe in neun Ländern und 406 aktive AKWs in 31 Ländern. Von den weltweit 65 im Bau befindlichen Reaktoren entstehen 63 in Staaten, die bereits über Atomwaffen verfügen oder eng mit diesen kooperieren.
Abgereichertes Uran, eigentlich Strahlenmüll, wird teilweise als Rohstoff deklariert und für Munition genutzt. Weltweit modernisieren nicht nur alle Atomwaffenstaaten ihre Arsenale und Trägersysteme. Es bestehe die große Gefahr, dass weitere Staaten Atomwaffen herstellten, mahnen die Herausgeber. So baut etwa die Türkei ihr erstes Atomkraftwerk. Das Projekt ist ökologisch bedenklich und wirtschaftlich unsinnig. Strebt das Land jedoch den Bau von Atomwaffen an, ergäbe sich ein anderes Bild.
„Wir sind überzeugt, dass zu einer langfristig effektiven nuklearen Abrüstung auch der Ausstieg aus der Atomenergie gehört. In Deutschland müssen wir diesen Ausstieg noch vollenden, indem wir die Urananreicherung und die Produktion von Brennelementen beenden. Gerade jetzt, da öffentlich über europäische Atomwaffen mit deutscher Beteiligung spekuliert wird, wäre dies ein wichtiges Zeichen für Abrüstung und eine friedliche Zukunft mit erneuerbaren Energien.”“, sagt Angelika Claußen, Co-Vorsitzende der Ärzteorganisation IPPNW.
Europa nutzt am meisten Uran
Die EU ist Anfang 2026 mit 98 laufenden Reaktoren die weltweit größte Uranverbraucherin. Der Brennstoff wird vollständig importiert, eigene Uranbergwerke gibt es nicht mehr. Großer öffentlicher Widerstand macht den erneuten heimischen Abbau auch in Zukunft unwahrscheinlich.
Der EURATOM-Vertrag verpflichtet die EU nach wie vor zur Förderung der Kernkraft. Gleichzeitig ist Atomkraft in der EU-Taxonomie als ökologisch nachhaltig eingestuft, was Finanzierung und Förderung neuer Projekte begünstigt. Besonders im Fokus stehen Small Modular Reactors (SMR), deren Wirtschaftlichkeit ebenso in Frage steht wie die der herkömmlichen Reaktoren.
Abhängig von Russland
Trotz des Krieges gegen die Ukraine wurde der Atomsektor Russlands bisher – im Gegensatz zu anderen Energieexporten wie Gas und Öl – nicht sanktioniert. Der russische Staatskonzern Rosatom ist weiterhin ein zentraler Akteur auf dem europäischen Markt. Derzeit sind noch immer 19 Reaktoren in der EU – u.a. in Tschechien, Finnland und Ungarn – vollständig auf russische Brennelemente angewiesen. Zwar bietet der US-Konzern Westinghouse Alternativen an, doch auch dieser muss Uran importieren. Rosatom hat seinen Einfluss in den vergangenen Jahren dabei weiter vertieft. So kooperiert der russische Staatsatomkonzern im niedersächsischen Lingen mit der französischen Framatome, um Brennelemente herzustellen.
„Atomkraft schafft große geopolitische Abhängigkeiten. Russland nutzt über seinen Staatskonzern Rosatom alle verfügbaren Hebel, um seinen politischen Einfluss zu vergrößern“, sagt Bernd Riexinger, Vorstandsvorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung. So baue Rosatom nicht nur in Ägypten das erste AKW mit vier Meilern, sondern habe mit 18 weiteren Staaten Atomabkommen zum Bau von Atomkraftwerken geschlossen, obwohl die wenigsten überhaupt die technische Infrastruktur besäßen, um den Strom eines Großkraftwerks nutzen zu können.
Koloniale Strukturen
Kontrolliert wird der weltweite Uranabbau zu 80 Prozent von nur fünf Konzernen. Historisch gesehen ist Kanada der größte Uranförderer, gefolgt von den USA, Russland, der DDR und Australien. Seit 2009 fördert Kasachstan das meiste Uran, Informationen zum Abbau dort gibt es jedoch kaum. Uran wird fast gänzlich in autokratischen Staaten abgebaut – und besonders häufig auf indigenem Land. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Rund 70 Prozent des weltweiten Urans stamme vom Land indigener Völker.
„Uran wurde und wird zu großen Teilen vom Land Indigener in Kanada, Australien, Niger und den USA oder in autoritären Staaten wie Kasachstan und Russland abgebaut. Uranbergbau schädigt die Lebensgrundlagen in den jeweiligen Regionen massiv und verstößt gegen die Menschenrechte“, kritisiert Horst Hamm von Nuclear Free Future Foundation.
Für mehrere afrikanische Länder zeigt sich bei der Uranproduktion ein ähnliches Muster. Das Uran wird verhältnismäßig kostengünstig abgebaut, einzelne Firmen machen große Gewinne, während das Land arm und auf radioaktiv verseuchtem Abraum sitzen bleibt. Aus dem Niger wurden etwa bis 2024 etwa 158.472 Tonnen Uran mit einem Gegenwert von aktuell fast 24,5 Mrd. US-Dollar exportiert. Zurück blieben rund 20 Millionen Tonnen radioaktiver Abraum, offen um die Minen gelagert. Die Hintergrundstrahlung ist um bis zu 200-fach erhöht. Auch das Trinkwasser ist vielerorts deutlich über empfohlenen Werten belastet. Doch weder in Afrika noch in Australien sind Bergbaufirmen gesetzlich auch nur zu einem Mindestmaß an Sanierung verpflichtet.
Uranbergbau hinterlässt dauerhaft toxische und radioaktive Altlasten
Bei jedem Schritt der nuklearen Kette fällt verstrahlter Müll an – vom Abbau über die Aufbereitung und Anreicherung, zu Brennelementen in Reaktoren, bis zur Wiederaufbereitung und am Ende, dem Atommüll. Schon der Abbau produziert riesige verstrahlte Restmengen, sogenannte Tailings, die langfristig radioaktiv kontaminieren.
Um den Rohstoff Uran aus den gängig vorkommenden Erzen abzubauen, müssen große Mengen an Material verarbeitet werden. Bei 0,1 Prozent Urangehalt pro Tonne bleiben 999,9 kg Abfall zurück, der die Umgebung potenziell auf Jahrtausende kontaminiert. Betreiber und Industrie verweigern laut dem Atlas häufig Transparenz über Herkunft und Risiken.
Gesundheitsschäden beginnen vor dem Reaktor
Uran ist ein instabiles, radioaktives und chemotoxisches Schwermetall. Bergleute sind Fein- und Grobstaub voller strahlender Partikel sowie mit Radongas belasteter Luft ausgesetzt. Durch kontaminierte Kleidung, Wasser oder Nahrung können auch assoziierte Menschen von der Strahlungsbelastung betroffen sein.
Die Risiken sind wissenschaftlich nur dünn belegt, Folgeerkrankungen ähneln sich jedoch über Kontinente hinweg. Die sogenannte Wismut-Kohortenstudie des Bundesamts für Strahlenschutz mit rund 59.000 erfassten Beschäftigten in der nuklearen Produktionskette belegt einen Anstieg der Lungenkrebsrate um 50–70 Prozent sowie mehr als 7.000 strahleninduzierte Todesfälle. Weiterhin konnte ein Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und dem Krebsrisiko beobachtet werden.
Endlagerung bleibt ungelöst
Bisher ist Finnland das weltweit einzige Land mit einem Endlager für Altlasten. In der Vergangenheit wurden radioaktive Abfälle teilweise im Meer verklappt, in Fässern im Ozean versenkt und auf Inseln vergraben. Analysen deuten darauf hin, dass an vielen dieser alten Lagerstätten Strahlung austritt, doch die Kosten für Bergung und Lagerung wären immens. Die Atomindustrie will für die Entsorgung nicht verantwortlich gemacht werden. Global warten rund 420.000 Tonnen hochradioaktiven Abfall auf eine sichere Endlagerung. jb




















































