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Europas neue Sonnenbatterie

Noch nicht real, aber so könnte es aussehen: Ein CSP-Turmkraftwerk in Tunesien. (Foto: TuNur)
Noch nicht real, aber so könnte es aussehen: Ein CSP-Turmkraftwerk in Tunesien. (Foto: TuNur)

Um Desertec ist es mittlerweile ruhig geworden. Dennoch könnte Solarstrom aus Afrika bei der Vollversorgung mit Ökostrom hierzulande weiterhin helfen. Das Projekt TuNur will rechnerisch 2,5 Millionen Haushalte in Europa versorgen. Vor allem könnte es zuverlässig und nach Bedarf sauberen Strom liefern.

01.06.2017 –Die Wüstenstadt Ouarzazate liegt mitten im Herzen Marokkos. Diverse Filmstudios residieren rund um die Stadt; einige Szenen der HBO-Serie Game of Thrones wurden hier gedreht. Außer Sand gibt es landschaftlich nicht viel zu sehen. Doch neuerdings wachsen Solarfelder auf dem staubigen Boden. Zehn Kilometer nordöstlich der Stadt entstehen derzeit vier Solarfelder mit verschiedenen Technologien aus Photovoltaik- und Solarwärmekraftwerken, letzteres abgekürzt CSP.

Der Noor-Komplex soll ab 2019 insgesamt 580 Megawatt leisten, so der Plan des Königreichs. Denn Marokkos Ziele sind ambitioniert: Bis 2030 sollen Ökostromanlagen mindestens 52 Prozent des Strommixes liefern. Die Vision, Wüstenstrom von Afrika nach Europa zu transportieren, ist nicht neu. Desertec nannte sein Erfinder, der Physiker Gerhard Knies, das Vorhaben. In den letzten Jahren ist es ruhig geworden um das Vorhaben, nachdem Konzerte wie Siemens und Bosch Ende 2012 aus der Initiative ausgestiegen sind. Aber die Idee lebt weiter.

Der Sonnenstrom fließt verlustarm über Malta nach Italien

Unter anderem im Kopf von Kevin Sara, Geschäftsführer von TuNur. Die private Planungsgesellschaft aus London mit tunesischen und europäischen Teilhabern will in zwei Bauphasen insgesamt 2,5 Gigawatt Leistung für Europa bereitstellen. In einer ersten Phase des Projekts sollen Sonnenkraftwerke mit 250 Megawatt Leistung gebaut werden. Hochspannungsgleichstromübertragungen (HGÜ) transportieren den Strom relativ verlustarm bis zum europäischen Inselstaat Malta. „1,6 Milliarden Euro wird die erste Phase nach unseren Schätzungen kosten“, sagt Sara. Die CSP-Kraftwerke sollen jährlich 1.000 Gigawattstunden Sonnenstrom aus Rjim Maatoug in Südtunesien nach Europa bringen. Das entspricht genug Energie, um 250.000 Haushalte zu versorgen.

Von Rjim Maatoug aus soll auch die zweite Projektphase den Strom nach Europa bringen. „Die zweite Trasse ist mit 2,25 Gigawatt aber deutlich leistungsfähiger – und damit zu stark für das süditalienische Stromnetz“, erläutert Sara und ergänzt: „Wir haben einen geeigneten Einspeisepunkt nördlich von Rom ausgemacht und die Reservierung der nötigen Kapazität gesichert.“ Der Strom wird über 600 Kilometer HGÜ-Seekabel und weitere 600 Kilometer an Land allein in Tunesien transportiert. Strecken, die in Nordeuropa unter Wasser und in China und Brasilien über Land längst gebaut wurden und technisch ohne Probleme betrieben werden. Das zweite Projekt soll demnach zusätzliche 9.000 Gigawattstunden nach Europa bringen. Genug um insgesamt rechnerisch 2,25 Millionen Haushalte in Europa zu versorgen.

Solarturmkraftwerke auf dem Vormarsch

Bei der CSP-Technologie geht Sara davon aus, dass sich Solartürme gegen Felder mit Parabolrinnen durchsetzen. Ausgemacht ist das nicht, aber das Potenzial zur Kostensenkung sei einfach höher und die eingesetzten Heliostaten-Spiegel bei der Turm-Technologie erreichten höhere Temperaturen mit den gebündelten Strahlen im Receiver. Ein weiterer Vorteil ist, dass eine Trockenkühlung über eine Luftzufuhr den Wasserbedarf enorm reduziert. Und auch das Argument der lokalen Wertschöpfung befindet sich auf Seiten der Türme. Da einfachere Materialien eingesetzt werden, könnte ein deutlich höherer Anteil von bis zu 60 Prozent vor Ort produziert und von einheimischen Arbeitern eingebaut werden. Die aktuelle Marktentwicklung scheint Saras Einschätzungen zu bestätigen: Bei Ausschreibungen in China für ein Gigawatt CSP-Leistung setzte sich bei 9 von 20 Projekten die jüngere Technologie der Solartürme durch. Aber auch eine Kombination von verschiedenen Technologien kann Sinn machen: Der spanische Abengoa Konzern betreibt den Solarturm Atacama 1 in der gleichnamigen Wüste in Chile. Der Solarturm mit 110 Megawatt Leistung steht neben einem Photovoltaikpark mit 100 Megawatt. Der Clou: Die Anlage ist aufgrund eines eingebauten Flüssigsalzspeichers grundlastfähig und liefert Strom für 24 Stunden am Tag. Der Wert für einen zu einer vereinbarten Zeit gelieferten Solarstrom ist für das Stromsystem unbestreitbar höher als kurzfristig fluktuierender Sonnen- oder Windstrom.

Planbarer Strom stabilisiert das Netz

Doch wie soll dieser Mehrwert beziffert werden? Das US-amerikanische Forschungszentrum NREL kommt in einer Studie von August 2014 zu folgendem Schluss: Bei einem steigenden Anteil von erneuerbaren Energien am Strommix erhöht sich der Wert von CSP-Kraftwerken mit einem flüssigen Salzspeicher für das Stromnetz. Bis zu einem Drittel Ökostromanteil sei der Wert verglichen mit reinen Photovoltaikanlagen mit zusätzlichen 5 US-Dollarcent zu bewerten. Bei 40 Prozent Erneuerbarer im Netz steigt er demnach sogar auf 6 US-Cent, errechnet NREL-Forscher Mark Mehos.

Diesen Wert gilt es gegen die Kosten abzuwiegen: In der Anfangsphase schätzt TuNur-Chef Sara, liegen die Erzeugungskosten für das TuNur-Projekt bei circa 85 Euro pro Megawattstunde. Die Kosten der Hochspannungsleitungen nach Europa werden aber in den finalen Stromabnahmepreis einbegriffen sein. Mit den neusten Entwicklungen in der Übertragunstechnologie, sogenannten Ultra-HGÜ-Trassen, wird TuNur diese zusätzlichen Kosten laut eigenen Angaben minimieren können. Denn nur so könne sichergestellt werden, dass Gestehungskosten und Transport des Stroms in Europa mit Alternativen aus Offshore-Windanlagen und PV-Anlagen plus Batteriespeichern wettbewerbsfähig seien. Der weitere Ausbau von CSP weltweit werde auch die Kosten für weitere Projekte von TuNur senken.

Ein direkter Vergleich mit Photovoltaikpreisen ohne Speicher scheidet für Sara aus, da ein solches Kraftwerk keine gesicherte Stromlieferung garantieren kann. Zum Vergleich: Eine kombinierte Ausschreibung in Frankreich aus Photovoltaikanlagen mit Batteriespeichern aus 2016 liegt bei 204 Euro. Offshore ist allerdings eine zunehmend stärker werdende Konkurrenz. Die Bundesnetzagentur bezuschlagte Mitte April bei einer Ausschreibung drei von vier Projekten ohne Einspeiseförderung. Sie sollen nach 2021 in Betrieb gehen und erhalten eine Betriebszusage für 25 Jahre. Allerdings: Die Netzanschlusskosten der Parks werden trotzdem vom Stromverbraucher in Deutschland bezahlt. Aus diesem Grund kam es wohl zu diesen historisch niedrigen Werten.

Ökostromimporte von Drittstaaten anrechenbar

Eine Anschlusszusage des italienischen Netzbetreibers für die erste HGÜ-Leitung liegt laut Angabe der Planer von TuNur bereits vor. Es gebe derzeit laufende Gespräche mit verschiedenen Regierungen, auch mit dem deutschen Wirtschafts- und Energieministerium. Eine Idee wäre, dass der Wüstenstrom nur zu einem bestimmten Zeitfenster fließen darf, beispielsweise zwischen 8 Uhr am Morgen und 23 Uhr am Abend. Wann der Strom bereitgestellt wird, ist verhandelbar und richtet sich auch nach dem Bedarf in Deutschland. Aber das Wort Stromimporte hört man wohl in Berlin nicht gern.

Dabei hat auch die Bundesregierung beim Klimagipfel in Marokko im November 2016 die sogenannte SET-Roadmap unterzeichnet. Das ist eine Vereinbarung zwischen Marokko, Deutschland, Spanien, Frankreich und Portugal, um die Rahmenbedingungen für den Export von erneuerbarer Energie von Marokko nach Europa zu erarbeiten. Bis zum 23. Weltklimagipfel in Bonn Ende des Jahres soll daraus ein Abkommen werden, haben die beteiligten Landesregierungen vereinbart.

Auch das Projekt in Tunesien könnte davon profitieren. Bis dato befindet sich das Projekt in der Planungsphase. Es geht nun darum, den Markt für Stromimporte zu öffnen und Stromlieferverträge abzuschließen. In gut zwei Jahren wird die Finanzierung abgeschlossen sein, hofft Kevin Sara. Danach beginnt die Bauphase. Für das Projekt spricht auch, dass keine weiteren Stromtrassen auf dem europäischen Festland benötigt würden oder Versorgungsengpässe in Süddeutschland entschärft werden könnten. In fünf Jahren könnte dann der erste Strom von Afrika nach Europa fließen. Die Version von Gerhard Knies, an die Siemens, Bosch & Co. nicht mehr glauben konnten, wäre dann Realität. Niels Hendrik Petersen

   

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  1. Rolf Test 24.07.2017, 10:15 Uhr
  2. Philipp Test 24.07.2017, 09:00 Uhr
  3. Eitel Heck 01.06.2017, 09:31 Uhr
    Ein hervorragender Artikel.
    In einigen Kommentaren habe ich bereits darauf hingewiesen, dass die fast unbewohnte Sahara-Wüste in Nordafrika sich als Standort für Solarikraftwerke zur Stromversorgung von EU-ländern anbietet.
    Nach dem Vorbild der deutsch-norwegischen Energiepartnerschaft(Seekabel Nordlink) müsste ein Seekabel durchs Mittelmeer gebaut werden.

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Experte und Autor für Photovoltaik

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