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Ressourcensegen und Ressourcenfluch

Die Katse-Talsperre am Malibamatšo in Lesotho, südliches Afrika. (Foto: Christian Wörtz / Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5)
Die Katse-Talsperre am Malibamatšo in Lesotho, südliches Afrika. (Foto: Christian Wörtz / Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5)

Der Gastgeber der Klimakonferenz Marokko ist auf dem Kontinent führend im Bereich Solarenergie. Laut IEA könnte Afrika bis 2030 seine Erneuerbare Energieversorgung um 25 Prozent steigern. Doch finanzielle Unterstützung fließt in Mega-Kraftwerksprojekte, von denen die Bevölkerung nicht profitiert.

10.11.2016 – Etliche Industrieländer haben im Rahmen der Pariser UN-Klimakonferenz rund 10 Mrd. US-Dollar für den Ausbau Erneuerbarer Energien-Anlagen in Afrika zugesagt. Deutschland trägt den größten Anteil mit drei Milliarden Euro bis 2020, auch Frankreich, die USA, Großbritannien, Kanada, Japan, Italien, Schweden und die Niederlande sollen sich finanziell beteiligen. 53 der 54 afrikanischen Staaten haben die Beschlüsse des Pariser Klimagipfels mitgetragen.

Der Kontinent hat viel aufzuholen – rund 600 Millionen Menschen haben in Afrika keinen Zugang zu Strom und leben auch deshalb in Armut. Ziel des Afrika-Projekts bis 2020 ist es zunächst, zusätzliche 10 Gigawatt an Erneuerbaren Energien zu installieren. Bis 2030 werden ambitionierte 300 Gigawatt Kapazität angepeilt. Noch sieht es beim Ausbau Erneuerbarer auf dem afrikanischen Kontinent mager aus. Die Entwicklungsländer fordern aber nicht nur Unterstützung beim Ausbau der Erneuerbaren Energien, sondern auch finanzielle Hilfe bei der Bewältigung der bereits vorhandenen Folgen des Klimawandels – wie Dürre, Trockenheit, Bodenerosion oder Überschwemmungen.

Ressourcen sind im Überfluss vorhanden

Afrikas Länder verfügen mit über die besten Ressourcen für Erneuerbare Energien weltweit. Da die Kosten für Erneuerbare-Technologien weiterhin sinken, heißt es in der IEA-Studie, wäre das nun der geeignete Zeitpunkt, das Energiesystem zu transformieren und gleichzeitig auszubauen. Für die einzelnen afrikanischen Länder gelte es nun, die Rahmenbedingungen für einen Ausbau zu schaffen. Dezentrale und netzunabhängige Lösungen sind gefragt, um den Zugang zu Energie auch in entlegenen und armutsgeprägten Regionen möglich zu machen.

Ein riesiges Potenzial bietet auf dem sonnenreichen Kontinent die Solarenergie. Innovative dezentrale und netzunabhängige Lösungen auf der Basis sauberer Energienutzung könnten die traditionellen Kochstellen mit Petroleum oder Holzkohle massiv reduzieren, die Bewässerung auf den Feldern von Kleinbauern sichern und Gesundheits- und Bildungseinrichtungen mit erneuerbarem Strom versorgen.

Ressourcensegen und zugleich –fluch

Doch die Ambitionen einzelner Regierungen sind ganz unterschiedlich und viele setzen auf die große Wasserkraft. Den einst vom kongolesischen Diktator Mobutu initiierten Wasserkraftwerken Inga I und II folgt Inga III mit einer Gesamtleistung von 6,5 Gigawatt. 2014 hatte die Weltbank 73 Millionen US-Dollar für Maßnahmen zur Verfügung gestellt, welche die ökologischen und sozialen Schäden des Projekts beschränken sollen.

Die NGO International Rivers berichtet aber, dass solche Maßnahmen bislang nicht erkennbar seien. Die Demokratische Republik Kongo leide, wie viele afrikanische Staaten, unter dem sogenannten Ressourcenfluch. Große Armut und der hohe Reichtum an Rohstoffen wie Uran befeuerten immer wieder bewaffnete Konflikte. Obwohl fast 90 Prozent der kongolesischen Staatsbürger keinen Zugang zu Elektrizität hätten, soll die gewonnene Energie aus dem Staudamm v. a. exportiert oder an die Uranminen des Landes geliefert werden. Ähnlich ist die Situation im Sudan. Der 2009 eröffnete Merowe-Staudamm gilt als eines der umstrittensten Kraftwerksprojekte. Durch das steigende Wasser mussten Tausende von Menschen vom fruchtbaren Niltal in die trockene Nubische Wüste umgesiedelt werden, berichtet afrika.info.

Mit Solarenergie gegen die Landflucht

Strom ist in Afrika nicht nur Mangelware sonder zudem teuer, fossile Brennstoffe dominieren. Von Großprojekten wie den riesigen Wasserkraftwerken profitieren Konzerne und Diktatoren, jedoch nicht die Bevölkerung. Micro-Grids, also kleine Stromnetze, halten Jobs auf dem Land und verhindern so die Abwanderung in die Städte: Die Urbanisierung Afrikas schreitet in einem unheimlichen Tempo voran. Doch die Regierungen investieren vor allem in die Stromnetze der urbanen Zentren und nicht im ländlichen Raum.

Für Erneuerbare Energien-Projekte stehen zwar finanzielle Fonds wie etwa der Entwicklungsfonds AREF(African Renewable Energy Funds) bereit, doch Mikroprojekte werden dadurch nicht finanziert. Dafür müssen Kleinunternehmen und NGOs einspringen, die etwa kleine Solaranlagen, Kleinwasserkraftprojekte o. ä. anbieten. Gerade die dezentrale Stromversorgung durch Erneuerbare Energien in ländlichen Gegenden benötigt Unterstützung: Anlagenbetreiber brauchen Planungssicherheit seitens der Regierungen, etwa feste Einspeisetarife sowie ausgebildete Partner vor Ort.

Das Ziel des kleinen Unternehmens Africa GreenTec ist es bspw. Afrikas erstes nachhaltiges und soziales Schwarmkraftwerk zu bauen und zu betreiben, um in der Sub-Sahara mehrere tausend Dörfer mit erschwinglichem, erneuerbaren Strom zu versorgen. Über Crowdfunding werden die mobilen Solarkraftwerke finanziert.

Aus Desertec wird Noor

Der Solarindustrie-Verband des Mittleren Ostens (MESIA) geht davon aus, dass dieses Jahr Solar-Projekte mit 2.020 Megawatt ausgeschrieben werden, insbesondere in Ägypten und Marokko. Großangelegte Projekte mit Sonnen- und Windenergie werden mittlerweise realisiert. Vom Scheitern des groß angelegten und von den Industrieländern initiierten Mega-Projekts Desertec, das Solarenergie aus Nordafrika auf den europäischen Kontinent im großen Stil liefern sollte, blieb nun der marokkanische Solarpark Noor. Er soll der größte der Welt werden und Strom für 1,3 Millionen Menschen aus vier Solarthermischen Kraftwerken liefern. Marokko könnte damit noch zum Elektrizitätsexporteur werden. Bis 2020 will Marokko 42 Prozent seines Energiebedarfs aus Erneuerbaren Energien decken. Der Nachbar Algerien ist dagegen beim Export von Erdöl und mittlerweile auch beim Fracking mit an der Weltspitze.

Strom statt Waffen

Das Africa Progress Panel (APP) rät in seinem 2015 veröffentlichten Bericht Power, People, Planet: Seizing africa’s Energy and Climate Opportunities zu einer völligen Abkehr von fossiler Energie, um eine Klimakatastrophe für die Erde abzuwenden. Das APP hält aber fest, dass die derzeitigen internationalen Finanzierungsmechanismen eine Energiewende in Afrika nicht unterstützen würden.

Bei der Afrikanischen Entwicklungsbank glaubt man aber, dass das Problem durch eine Umschichtung der Steuereinnahmen und andere Verteilung des Bruttoinlandsprodukts gelöst werden könnte. Ganz Afrika könnte laut Präsident des Panafrikanischen Parlaments „in weniger als zehn Jahren vollständig an das Stromnetz angeschlossen sein“, berichtet EurActiv Frankreich. Die 54 Staats- und Regierungschefs der Afrikanischen Union einigten sich nun auf die Schaffung einer afrikanischen Stromversorgungsbehörde, die in Afrika Projekte für den Ausbau des Stromnetzes finanzieren und koordinieren soll.

Europa sollte sich an dieser Energiewende beteiligen. Doch während laut Pariser Klimaschutzabkommen die Industriestaaten Afrikas Energiewende unterstützen sollen, werden weiterhin neue Kohlekraftwerke in Afrika gebaut.

Laut World Coal Association ist Südafrika der siebtgrößte Kohleproduzent weltweit, 90 Prozent der Stromversorgung werden durch Kohlekraftwerke gedeckt, 5 Prozent aus Atomenergie. Die Atomlobby treibt den Bau von Atomkraftwerken in etlichen Staaten Afrikas voran. Von Seiten der Bevölkerung gibt es Protest gegen die Bedingungen im Kohle- und Uranabbau, die Rodung von Wäldern, Zwangsumsiedlungen und gegen eine Politik, die vor allem den Regierungen und Industrieländern nützt und statt Strom Waffen liefert, um deren Energieversorgung zu sichern. Frankreich bspw. bezieht den Großteil des Urans für seine Atomkraftwerke aus Afrika, vor allem im Niger, und sichert seine Uranminen auch mit dem Einsatz von französischen Soldaten. Nicole Allé

   

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