Zur Kampagne

Türkei: Kein klarer Kurs pro Solar

1,1 Megawatt Photovoltaikpark von IBC Solar im türkischen Eskişehir. Doch der Solarmarkt am Bosporus kommt bisher nur sehr langsam in Schwung. (Foto: IBC Solar)
1,1 Megawatt Photovoltaikpark von IBC Solar im türkischen Eskişehir. Doch der Solarmarkt am Bosporus kommt bisher nur sehr langsam in Schwung. (Foto: IBC Solar)

Trotz Rekord­sonnen­einstrahlung und Ausbau­ankündigungen kommt der türkische Solarmarkt bisher nur langsam in Fahrt. Bürokratie, Import­beschränkungen, eine zu wenig ambitionierte Energie­wende­politik sowie die angespannte politische Situation hemmen die Investitionen am Bosporus.

12.04.2017 – Mit einer jährlichen Sonneneinstrahlung von 2.737 Stunden hat die Türkei das höchste Solarpotenzial in ganz Europa. Auf fünf Gigawatt möchte die türkische Regierung die installierte Photovoltaikleistung bis zum Jahr 2023 ausbauen. Ende 2015 waren jedoch nur Solarstromanlagen mit einer Gesamtleistung von 248 Megawatt in Betrieb. Im vergangenen Jahr nahm der Zubau mit rund 570 Megawatt zwar Fahrt auf. Verglichen mit den 3,5 Gigawatt an neuer fossiler Kraftwerksleistung, die im Jahr 2016 ans Netz ging und einer gesamten Kraftwerkskapazität von 78 Gigawatt, ist dies allerdings eher bescheiden.

AKW im Erdbebengebiet

Zudem setzt die türkische Regierung auch massiv auf neue Kernkraftwerke. Vor zwei Jahren begann trotz massiver lokaler Proteste der Bau des Atommeilers in Akkuyu in einem Erdbeben gefährdeten Gebiet an der Mittelmeerküste, 150 Kilometer westlich der Großstadt Mersin. Bauherr und Betreiber ist der russische Staatskonzern Rosatom. Insgesamt vier 1.200 Megawatt Reaktoren sollen dort bis zum Jahr 2022 ans Netz gehen. Vier weitere Atommeiler sollen in der Stadt Sinop am Schwarzen Meer von einem japanisch-französischem Konsortium von Mitsubishi und Engie (ehemals GDF Suez) gebaut werden. Als dritter Standort ist Igneada, unweit der Grenze zu Bulgarien, im Gespräch.  

Giga-Solarprojekt soll es richten

Mit der Ausschreibung für einen 1.000 Megawatt Solarpark in der Region Karapinar in Zentralanatolien erregte die türkische Regierung jüngst international Aufmerksamkeit. Alle Komponenten müssen lokal produziert werden, um die heimische Produktion voranzubringen. Den Zuschlag erhielt Ende März ein türkisch-südkoreanisches Konsortium (Kalyon Enerji, Hanwha Q-Cells) mit einem Gebotspreis von 6,99 US-Cent pro Kilowattstunde. Die Solarzellen und -module sollen in einer eigenen Fertigung mit einer Jahreskapazität von 500 Megawatt hergestellt werden. Für diesen Sommer kündigte das türkische Energieministerium jüngst eine weitere Gigawatt Ausschreibung an.

Abschottung vom Weltmarkt

Gleichzeitig limitiert die türkische Regierung die Einfuhr von Solarmodulen und schottet sich vom Weltmarkt ab, um die heimische Produktion zu fördern. Seit Juni vergangenen Jahres werden Modulimporte hoch besteuert und Ausnahmegenehmigungen und Importlizenzen sind nur sehr aufwendig zu bekommen. Zusätzlich traten am 1. April Antidumpingzölle für chinesische Solareinfuhren in Kraft. Über 90 Produzent der in der Türkei verwendeten Solarmodule stammen jedoch bisher aus dem Ausland, weil die rund 18 kleineren türkischen Hersteller in punkto Qualität und Preis nicht mithalten können. Eine Bonuszahlung beim Einspeisetarif für lokal gefertigte Komponenten (domestic content) änderte bisher an dieser Strukturschwäche wenig und läuft seit Jahren weitgehend ins Leere.

Überbordende Bürokratie

Gleichzeitig tut die Regierung wenig, um Solarprojekte zügig voranzubringen. Für den Bau von Photovoltaikparks mit einer Leistung mit mehr als einem Megawatt sind aufwendige und teure Lizenzen erforderlich. Eine Ausschreibung aus dem Jahr 2013 war 15-fach überzeichnet, doch bisher wurden nur zwei Projekte einer Leistung von 12 Megawatt genehmigt und realisiert. Die meisten größeren Anlagen wurden deshalb bisher in dem lizenzfreien Markt mit einer Leistung von weniger als einem Megawatt gebaut und oft zu größeren Solarparks kombiniert. Nun sollen jedoch auch für diese Anlagen zusätzliche Beschränkungen eingeführt und die Netzgebühren um das Fünffache erhöht werden, wie Arda Kristaporyan berichtet, der bei Jinko Solar für das Türkeigeschäft zuständig ist. Auch deutsche Firmen wie IBC Solar, die seit Jahren in der Türkei aktiv sind, stöhnen unter der Flut von Vorschriften und nötigen Lizenzen für Solarprojekte.

Klarer Energiewendekurs fehlt

Analysten wie Lara Hayim von Bloomberg New Energy Finance, sehen deshalb in den hohen bürokratischen Hürden und den häufigen Änderungen der Regularien ein wesentliches Hemmnis für das Wachstum des türkischen Solarmarktes. „Die Türkei hat bisher noch keinen klaren politischen Kurs für den Ausbau der Photovoltaik gefunden“, sagt Cem Gözmen, Verkaufsleiter der Solarsparte bei Schneider Electric. Auch Mert Önerem von Accia Renewable Investment in Istanbul mahnt eine engagiertere Energiewendepolitik der türkischen Regierung an.  

Negative Auswirkungen der Säuberungswelle

Dazu kommen negative Auswirkungen der politischen Säuberungswelle nach dem Putschversuch im vergangenen Juli. So wurde einigen Solarfirmen aufgrund angeblicher Unterstützung der Gülen-Bewegung die Lizenz entzogen, darunter auch ein Unternehmen, das mit dem deutschen Projektierer Belectric kooperierte, berichtet Önerem. Auch der Rauswurf von Beamten bei türkischen Regulierungs- und Genehmigungsbehörden, denen unterstellt wurde, etwas mit dem Putschversuch im vergangenen Juli zu tun gehabt zu haben, hatte negative Auswirkungen. Dies habe zu zusätzlichen Verzögerung bei Genehmigungen für Solarprojekten geführt, berichtet Michael Volz, Geschäftsführer von Solmotion, der seit 2015 am Bosporus unterwegs ist. Mittlerweile habe sich dieser personelle Engpass allerdings wieder ausgeglichen, weil neue Mitarbeiter eingestellt worden seien. Hans-Christoph Neidlein

   

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel

  1. Eitel Heck 01.05.2017, 12:04 Uhr
    In der Türkei gibt es sicherlich gute Bedingungen für
    -effiziente Solarthermikraftwerke( hohe Sonneneinstrahlung),
    -Geothermikraftwerke(Erdbebenzone),
    -vielleicht Gezeitenkraftwerk am Mittelmeer,
    -vielleicht Wasserkraftwerke in den zahlreichen Gebirgsregionen.
    Das wäre eine Aufgabe für die neu gewählte Präsidialdemokratie. .

Ihr Kommentar zum Thema

(wird nicht veröffentlicht)

max 2.000 Zeichen

Meinung der Woche

Braucht es ein Bedingungsloses Grundeinkommen?

Die Riege der Unterstützer für die Idee eines Bedingungslosen Grund­ein­kommens wird immer länger: Unternehmen, politische Entscheidungsträger, Philosophen… plädieren genauso für ein Umdenken wie die Aktivisten einer neuen sozialen Bewegung. Und ja, wir brauchen eine andere Bewertung von Erwerbs-, Sorge- und ehrenamtlicher Arbeit – angesichts der  

Dr. Katharina Reuter
Geschäftsführung
UnternehmensGrün e.V.

Umfrage

Die Mehrheit der Deutschen steht einer CO2-Abgabe offen gegenüber. Ist das der richtige Weg?