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Pflanzenschutz durch Nützlinge statt Gift

Nicht nur der Mensch hat Interesse an Äpfeln. (Bild: © Marit Peters / pixelio.de)
Nicht nur der Mensch hat Interesse an Äpfeln. (Bild: © Marit Peters / pixelio.de)

Biologische Pflanzenschutzverfahren wirken sanft und verursachen keine Vergiftungen ihrer Umwelt. Um sie richtig einzusetzen, brauchen Landwirte jedoch das nötige Wissen – und mehr Zeit als für eine chemische Behandlung. Dennoch ist die natürliche Schädlingsbekämpfung auf dem Vormarsch.

22.07.2014 – Schlupfwespen, Nematoden oder Milben leben seit Jahrhunderten in Symbiose mit ihrer Umwelt und können bestimmte Pflanzensorten schützen. Viele Insekten und Würmer bekämpfen Schädlinge und Krankheitserreger mit einer hohen Selektivität – ohne ihre Umwelt zu gefährden. Setzt ein Landwirt Nützlinge ein, kann er die Menge chemischer Pflanzenschutzmittel reduzieren oder sogar ganz auf sie verzichten.

In den vergangenen zehn Jahren hat der gezielte Einsatz nützlicher Krabbler und Kriecher auf dem Feld und im Gewächshaus je nach Kultur mehr oder weniger stark zugenommen. Zu den biologischen Pflanzenschutzmitteln zählen neben zahlreichen Wurm- und Insektenarten auch Insektenviren, Bakterien, Pilze, Naturstoffe und Pheromone. „Die Anwendung biologischer Verfahren hat seit der letzten Erhebung im Jahr 2003 in einigen Bereichen deutlich zugenommen, es ist aber noch viel Luft nach oben“, resümiert Johannes Jehle, Leiter des Julius Kühn-Instituts für Biologischen Pflanzenschutz.

Müssen biologische Mittel zugelassen werden, scheitert die Einführung in die Praxis meist an den hohen Zulassungskosten, da die Produkte aufgrund ihrer selektiven Wirkung nur für einen kleinen Markt ausgelegt sind. Offensichtlich ist laut JKI-Institut aufgrund der Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre, dass biologische Verfahren ein Mehr an Beratung benötigen. Chemische Pflanzenschutzmittel werden einfach auf die Pflanzenkultur aufgebracht und töten unerwünschte Insekten ab – was sie sonst noch abtöten oder schädigen, und ob Rückstände an den Pflanzen verbleiben, die in die Nahrungskette gelangen, wird schlichtweg nicht detailliert ausgewertet. Für den Einsatz biologischer Pflanzenschutzmittel hingegen sind ein tieferes Verständnis ihrer Wirkungsweise und ein Interesse an Ökologie unabdingbar. Das Personal in den Betrieben muss entsprechend geschult werden. „Hier sollten weitere Anreize geschaffen werden, dass sich diese Situation in den kommenden Jahren verbessert. Dann könnte sich der biologische Pflanzenschutz in Deutschland besser etablieren“, so Jehle.

Pestizide – schon in kleinen Mengen schädlich

Auch aus Sicht des Umwelt- und Verbraucherschutzes wäre dies wünschenswert. So hat das EU-Joint Research Center, ein Forschungszentrum, das im Auftrag der EU-Kommission arbeitet, vor kurzem festgestellt: Chemikaliencocktails schädigen Fische, Frösche und Algen auch dann bereits maßgeblich, wenn sich ihre Konzentrationen innerhalb der von der EU zugelassenen Werte bewegen. Die in der Studie untersuchten Gemische setzen sich aus 14 bzw. 19 Chemikalien zusammen. Dazu zählten neben Arzneimittel, Phthalaten und Schwermetallen auch verschiedene Pestizide. So wurden beispielsweise die Giftstoffe in Fischembryonen wiedergefunden. Froschembryonen wiesen nach Kontakt mit dem Chemiecocktail Entwicklungsstörungen auf und der Große Wasserfloh, der zu den Krebstieren zählt, zeigte Lähmungserscheinungen. Die Autoren der Studie schreiben als Fazit, dass Europa die Einschätzung von Umweltrisiken durch Cocktaileffekte dringend aktualisieren müsse. Vorsorgemaßnahmen zur Vermeidung von Umweltschäden müssten auch dann umgesetzt werden, wenn einzelne Giftstoffe in scheinbar harmlosen Konzentrationen vorlägen. Für Umweltschützer ist diese Aussage wenig überraschend.

Kaum erforscht ist indes, welche Auswirkungen Pestizidrückstande bei regelmäßigem Verzehr auf den Menschen haben. Meldungen über Pestizide im Gemüse oder Tee sind so häufig zu lesen, dass sie Verbraucher kaum noch überraschen. Eine Metastudie der Universität Newcastle teilte immerhin jüngst mit: Biolebensmittel enthalten weniger Schadstoffe. So ergab die Analyse unter anderem, dass in Nahrungsmitteln aus konventioneller Landwirtschaft doppelt so viel Cadmium angereichert ist. Die Wissenschaftler vermuten, dass Pestizide die Pflanzen aufnahmefähiger für das Schwermetall machen, das in Düngemitteln der herkömmlichen Landwirtschaft enthalten ist. Weiteres Ergebnis war, dass Biogemüse und -obst mehr gesunde Inhaltsstoffe wie Antioxidantien und Vitamine enthält. Das Forscherteam unter der Leitung des Agrarwissenschaftlers Carlo Leifert hatte 343 Studien ausgewertet und die Inhaltsstoffe von biologisch und konventionell angebauten Feldfrüchten verglichen. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin „British Journal of Nutrition“ veröffentlicht.

Gleichgewicht statt Ausmerzung

Biologische Pflanzenschutzverfahren wiederum wirken sanft und verursachen keine Vergiftungen ihrer Umwelt. Ein weiterer großer Vorteil ist, dass Schädlinge gegen sie keine Resistenzen bilden. Im ökologischen Landbau hat ihr Einsatz zugenommen und sich in etlichen Bereichen fest etabliert. Und auch in Gewächshäusern gewinnt er an Bedeutung: Hier wurden beispielsweise im Jahr 2010 auf einer Fläche von 2.750 Hektar Schlupfwespen gegen Blattläuse oder Weiße Fliegen und auf 1.800 Hektar Raubmilben gegen Spinnmilben ausgebracht. Im Freiland werden weitaus weniger biologische Verfahren verwendet, dann allerdings auf wesentlich größeren Flächen. So nutzen Landwirte die Schlupfwespe Trichogramma in großen Mengen auf Mais zur Maiszünslerbekämpfung. Das Apfelwicklergranulovirus wird mittlerweile auf rund 30 Prozent der Apfelanbaufläche zur Bekämpfung der Obstmade eingesetzt. Fest etabliert ist auch die Verwirrtechnik mit Pheromonen – natürlich vorkommenden Botenstoffen zur Informationsübertragung, die beispielsweise auf ein bestimmtes Insekt wirken. Auf Weinanbaufläche werden diese sehr häufig gegen den Einbindigen und den Bekreuzten Traubenwickler und auf Apfelanbaufläche gegen den Apfelwickler eingesetzt.

Nicht alle „Schädlinge“ werden von ihren vom Menschen absichtlich ausgebrachten Gegenspielern vernichtet. Biologischer Pflanzenschutz hat auch nicht zum Ziel, alle Schädlinge auszumerzen, sondern er soll ein natürliches Gleichgewicht herstellen. Nicht zuletzt der großflächige Anbau einer einzigen Pflanzenart, also einer Monokultur, begünstigt häufig das unnatürlich starke Vermehren einer zugehörigen Insektensorte – sprich „Schädlingssorte“. Entscheidet sich ein Landwirt für natürliche Schädlingsbekämpfung, muss er das ökologische Gleichgewicht und die aktuellen Entwicklungen auf seinem Feld stets im Blick haben – und bei Veränderungen wissen, was zu tun ist. Dies ist weitaus zeitaufwendiger als der Einsatz chemischer Mittel – und erfordert mehr Verständnis der natürlichen Prozesse. Manchen Biobauern allerdings macht genau dies Freude. Rebecca Raspe

   

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