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Deutschland wird Klimaschutzziele eklatant verfehlen

Beim Ausbau Erneuerbarer Energien und beim emissionsfreien Verkehr muss sich die nächste Bundesregierung richtig ins Zeug legen um die Klimaziele eventuell noch zu erreichen – bis 2020 wird es zu knapp. (Foto: Nicole Allé)
Beim Ausbau Erneuerbarer Energien und beim emissionsfreien Verkehr muss sich die nächste Bundesregierung richtig ins Zeug legen um die Klimaziele eventuell noch zu erreichen – bis 2020 wird es zu knapp. (Foto: Nicole Allé)

Setzt Deutschland seinen Kurs unverändert fort wird es einer aktuellen Studie zufolge die selbst gesetzten Klimaschutzziele 2020 deutlich verfehlen. Gründe lägen im Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, Verkehr, Kohleverstromung und dem Ölpreis.

08.09.2017 – Laut der aktuellen Analyse der Denkfabrik Agora Energiewende würden im Zieljahr 2020 voraussichtlich 50 Millionen Tonnen mehr CO2 in die Atmosphäre geblasen als es der Projektionsbericht der Bundesregierung vorhersage. Die Klimaschutzlücke sei also deutlich größer als bislang gedacht, stellt Agora-Chef Patrick Graichen anlässlich der Studienergebnisse fest. „Der Projektionsbericht geht von veralteten Annahmen aus. Die tatsächliche Entwicklung in etlichen für den Treibhausgasausstoß relevanten Bereichen wird deutlich unterschätzt.“

Statt der zugesagten Treibhausgasminderung von 40 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 1990 wird Deutschland laut Studie mit den bisher beschlossenen Maßnahmen nur rund 30 Prozent erreichen. Der Projektionsbericht der Bundesregierung war von 33,7 bis 37,5 Prozent ausgegangen. „Die neue Bundesregierung wird daher kurzfristig nachlegen müssen, will sie zumindest noch in die Nähe des 2020-Klimaschutzziels kommen.“ Graichen fordert ein Sofortprogramm, wie es allerdings bereits 2014 beschlossen wurde.

Fossile Energien werden weiter subventioniert – die Energiewende kommt nicht voran

„In allen Sektoren sind die Emissionen höher als bislang offiziell prognostiziert, da mehr Kohle verstromt wird, mehr Pkw und Lkw auf den Straßen fahren, die Industrie stärker wächst und in Gebäuden weiterhin mit Ölheizungen geheizt wird“, halten die Studienautoren fest. Die Preise für Kohlendioxid-Emissionsrechte, Heizöl, Diesel, Gas und Benzin seien niedriger als unterstellt. Ein günstiger Ölpreis führe im Gebäudebereich dazu, dass immer noch mit Öl geheizt werde, Ölkessel werden nicht ausgetauscht; im Automobilbereich werden CO2-intensivere Autos gekauft und gefahren, der SUV-Markt boomt – mit oder ohne Dieselskandal. Im Bereich der Stromerzeugung laufen die fossilen Kraftwerke mehr als in den Modellrechnungen angenommen, allen voran die Kohlekraft, während parallel die stromintensive Industrie weiter wächst.

Thema Klimaschutz im Wahlkampf? Fehlanzeige!

Klimaschutz spielt jedoch im derzeitigen Wahlkampf kaum eine Rolle, lediglich Grüne und teilweise Linke wollen mehr Anstrengungen für den Klimaschutz; Die Grünen fordern vor allem den Kohleausstieg und einen Umstieg auf fossilfreien Verkehr. Die künftige Bundesregierung wird wohl Entscheidungen zur Zukunft der Kohle fällen müssen –bis 2050 sollen die Emissionen um bis zu 95 Prozent sinken. Agora fordert nun eine grundlegende Kurskorrektur in der Energie- und Klimapolitik, direkt nach der Bundestagswahl. Die kommende Bundesregierung sollte im Koalitionsvertrag ein Sofortprogramm „Klimaschutz 2020“ verankern.

Zum Klimagipfel in Bonn mit viel CO2 im Gepäck

Die Regierung klammere sich an rückständige und schädliche Technologien wie die Kohleverstromung und Verbrennungsmotoren, kommentiert Fachbereichsleiter Klimaschutz und Energiepolitik beim WWF Deutschland Michael Schäfer die Studienergebnisse. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im TVDuell behauptet, wir bräuchten den Diesel um die Klimaziele zu erreichen. Es widersprach ihr keiner, weder die Journalisten noch Rivale Martin Schulz. „Dem widerspricht jetzt sogar das Umweltbundesamt“, so Schäfer. „Mit dem Diesel lassen sich die Klimaziele sicher nicht retten, wohl aber mit einem Kohleausstieg.“ Das müsse flankiert werden vom Ausbau der Erneuerbaren, der Steigerung der Energieeffizienz im Gebäudesektor und einem Systemwechsel bei der Mobilität.

Beim bevorstehenden Klimagipfel im November in Bonn COP23 könnte es mit den jetzt vorliegenden Zahlen und Fakten für das „Vorbildland“ Deutschland erst mal peinlich werden. na

   

Forum

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  1. Christian Wrobel 08.09.2017, 21:21 Uhr
    Nun, Hr. Heck, das ist typisches VWL-Sprech, wenn man eigentlich gar nichts ändern will. Außer natürlich, gar keinen Klimaschutz mehr zu betreiben.

    Es gibt eine einfache Lösung des Problems: eine einheitliche co2-Abgabe auf alle fossilen Energien! Eine kleine Abgabe von bereits 20 EUR/ Tonne co2 würde bereits wahre Wunder bewirken (s. z.B. GB im letzten Jahr). Mit den Einnahmen könnte gleichzeitig die EEG-Umlage gesenkt werden. Ein win-win-win-Szenario sozusagen ... und ein marktwirtschaftliches noch dazu! Denn was wäre "marktwirtschaftlicher", als die fossilen Energieträger mit ihren wahren Kosten zu belasten?! Dabei wären die 20 EUR noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Die wüssten wir erst, wenn gar keine co2 emissionen mehr ausgestoßen werden dürften! Und davon sind wir noch weit weg.
  2. Eitel Heck 08.09.2017, 10:33 Uhr
    Der Artikel weist darauf hin, dass Deutschland die Klimaziele verfehlen wird.
    Es wird auf die Aussage der Bundeskanzlerin im TV-Duell hingewiesen, dass wir Diesel zur Erreichung der Klimaziele brauchen.
    Über diese Aussage habe mich als TV-Zuschauer auch gewundert.
    Die im Artikel dargestellten Forderungen von Bündnis 90/ Die Grünen sind aus meiner Sicht nicht die Lösung der Klimaziele.
    Ich verweise auf folgendes:
    Am 28.8.2017 übergab der Chef der Wirtschaftsweisen, Prof. Schmidt, der Bundeskanzlerin das Jahresgutachten mit dem Wunsch eines ökonomisch sinnvollen Umsteuerns bei der Energiewende.
    Die Kosten für die Energiewende laufen bereits aus dem Ruder, aber noch ist der Weg zu einer vollständigen Umstellung der Energiesysteme sehr weit. Mit der bisherigen planwirtschaftlichen und kleinteiligen Vorgehensweise kann die vollständige Energiewende nicht ohne riesige Wohlfahrtsverluste gelingen.
    Um künftig starke Kostenanstiege zu vermeiden und dennoch Fortschritte bei der Energiewende zu erzielen, müsste die Politik viel stärker auf die Arbeitsteilung zwischen Technologie, Branchen und Regionen setzen, also auf eine marktwirtschaftlich organisierte Energiewende.

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