Roland Stulz, Geschäftsführer der Novatlantis, will den schonenden Energie- und  Ressourcenverbrauch auch kuturell verankern.

Herr Stulz, wie sehen die Ergebnisse zwölf Jahre nach dem Start zu einer 2000-Watt-Gesellschaft aus?
Eigentlich war das ursprünglich ein Projekt der Hochschule, und der Bund beschloss das Modell im Rahmen unseres Energieprogramms Schweiz zu übernehmen und darin zu verankern. Das Projekt Energiestädte ist mittlerweile auch ein europäisches Programm für Frankreich und Deutschland, ungefähr 500 Städte nehmen daran teil.

Einmal gibt es die gesetzlichen Vorgaben. Welche Rolle spielt die Bürgerbeteiligung?
Die Bürgerbeteiligung funktioniert unterschiedlich, es gibt z. B. eine Anlaufstelle für Beratung und Meinungsaustausch, die ich leite. Der Schweizer  Architekten- und Ingenieurverein hat Normen entwickelt, in denen festgelegt wird, wie ein Gebäude 2000-Watt-gerecht geplant und realisiert wird; auch Planungsinstrumente für die Quartiersentwicklung sind vorhanden, darin ist auch die Bürgerbeteiligung wieder abgebildet.

Wie werden die Aktivitäten der Bürger in das Modell integriert?
Die Bürgerbeteiligung läuft föderalistisch, jede Stadt geht ihren eigenen Weg. Das hat sich bewährt, in der Zwischenzeit sind es 50 Städte aber auch private Investoren, die sich das Modell zum Ziel gesetzt haben, wöchentlich kommen Kommunen dazu. An Bürgerinitiativen gibt es viele Beispiele, Basel war Pilotregion. In der Schweiz gibt es ja quasi eine Volksabstimmung zu jeder neuen Straße; in Zürich wurde u.a. abgestimmt, ob die Stadt das 2000-Watt-Modell und den Atomausstieg in der Gemeindeverfassung verankern soll – und mit 76 Prozent angenommen, das ist enorm. In Solothurn hat ein Unternehmer die Watt Watchers gegründet – man kann hier auf freiwilliger Basis seinen Energieverbrauch selbst kontrollieren. Das ist eine Stärke des Modells: Jeder Ort kann sich nach den lokalen Gegebenheiten entwickeln. Das ist vielleicht auch typisch schweizerisch, dass jeder das Rad nochmal neu erfinden will.

Stößt das Modell auch außerhalb Europas auf Interesse?
Ich war häufig in den USA, Kanada, Lateinamerika und China eingeladen, um über unser Modell zu berichten. Wir haben das ISCN Programm gestartet, rund 100 Unis weltweit machen da mit. Man trifft sich jedes Jahr zum Austausch über Modelle nachhaltiger Entwicklung auf dem Campus, die dann als Vorbild für weitere Projekte stehen sollen.
Wichtig nach 12 Jahren 2000-Watt-Gesellschaft ist es vor allem, nun von der technokratischen Sichtweise auf die Fragen des sog. Lifestyle überzugehen – wir müssen Modelle für einen verantwortungsvollen Lebensstil gemeinsam mit der Bevölkerung entwickeln, und das im kulturellen Bewusstsein manifestieren.

Wie kann das konkret aussehen?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Die Stadtverwaltung Zürich startet jetzt etwa im Internet einen Dialog für die 2000-Watt-Gesellschaft, dort sollen lokale Wirtschaftsvertreter diskutieren. Wir kriegen unendlich viele Anfragen, „Was soll ich jetzt im Alltag dafür tun?“, darauf müssen wir Antworten entwickeln. Entweder packen wir es jetzt an, oder es tut irgendwann richtig weh. Die Schweiz hat einen brutal hohen Lebensstandard, den Ressourcenverbrauch haben wir zum großen Teil dabei noch ausgeklammert: Wir haben keine Schwerindustrie und importieren viel. In Europa sitzen wir aber Alle im gleichen Boot. Allerdings stehen wir viel besser da als die USA, wir waren es immer gewohnt, mit beschränkten Ressourcen zu leben. Die Amerikaner schöpfen aus den Vollen – jetzt fahren sie damit an die Wand. Wir sehen die notwendige Veränderung dagegen auch als eine wirtschaftliche Chance.

Herr Stulz, herzlichen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte Nicole Allé.

   

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