Hürden für Sektorenkopplung abbauen

Auf der „Dialogkonferenz Sektorenkopplung“ des BEE am 28. September in Berlin wurden in Arbeitsgruppen Vorschläge zur Überwindung der Hemmnisse für eine verstärkte Sektorenkopplung diskutiert. (Foto: H.C. Neidlein)
Auf der „Dialogkonferenz Sektorenkopplung“ des BEE am 28. September in Berlin wurden in Arbeitsgruppen Vorschläge zur Überwindung der Hemmnisse für eine verstärkte Sektorenkopplung diskutiert. (Foto: H.C. Neidlein)

Der Erneuerbaren-Verband BEE möchte aufzeigen, wo es sich lohnt Barrieren für Sektoren­kopplung abzubauen. Denn nur der optimierte Einsatz erneuer­barer Energien im Strom-, Wärme-, Verkehrs- und Industrie­sektor ermöglicht eine Dekarboni­sierung. Nun legte der Verband erste Ergebnisse einer Studie vor.

04.10.2017 – Ohne einen deutlich verstärkten Einsatz erneuerbarer Energie in allen Bereichen droht Deutschland die Klimaschutzziele zu verfehlen. „Die Sektorenkopplung ist der Schlüssel für eine effiziente Transformation des Energiesystems hin zu einer erneuerbaren und CO2-neutralen Versorgung“, so der Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) Dr. Peter Röttgen. „Mit den richtigen Weichenstellungen wie der Umstellung des Abgabensystems können die Sektoren Strom, Wärme, Mobilität und Industrie sinnvoll verknüpft und die Versorgungssicherheit gestärkt werden“, unterstreicht er. Auf diese Weise kann beispielsweise die Zwischenspeicherung von Energie, der sektorenvariable Einsatz von Bioenergie oder die Flexibilisierung des Stromsystems zur Einbindung schwankender Einspeisung vorangebracht werden.

Sektoren zusammenführen

„Wir haben den Eindruck, dass noch nicht wirklich klar ist, was Sektorenkopplung eigentlich alles bedeutet“, betonte Röttgen. Derzeit fokussiere sich die Diskussion noch zu einseitig auf zwei Fraktionen, nämlich eine All-Electric-Strategie oder eine reine Gas- und Wasserstoff-Welt. „Beide haben ein Stück weit recht, doch gerade durch die Zusammenführung dieser Positionen und die Einbeziehung effizienter und erneuerbarer Wärmeerzeugung können zentrale Fragen der Energiewende angegangen werden“, so der BEE-Geschäftsführer. Entscheidend sei, ab sofort die Maßnahmen in die richtige Richtung zu lenken, auch wenn nicht jede letzte Detailfrage des künftigen Energieversorgungssystems schon entschieden werden muss. Wie kann eine extreme Jahreshöchstlast vermieden werden? Wie kann eine vollständige Energieversorgung mit Erneuerbaren erreicht werden? Wie kann die Versorgung auch bei einem knappen Angebot gesichert werden?

Rechtliche, finanzielle und technische Barrieren

Vergangenen Donnerstag präsentierte der Verband im Rahmen der „Dialogkonferenz Sektorenkopplung“ erste Ergebnisse der Studie „Das gekoppelte Energiesystem – Vorschläge für eine optimale Transformation zu einer erneuerbaren und effizienten Energieversorgung“ der Institute Fraunhofer IWES und E4Tech. Im Kern geht es vor allem darum, Maßnahmen zur Kopplung von Sektoren aufzuzeigen, die eine geringe Markteingriffstiefe aufweisen, aber gleichzeitig eine große Wirkung entfalten. Als grundsätzliche Anforderungen an die Sektorenkopplung sieht der Studienleiter von E4Tech Malte Jansen: Flexibilität auf Abnehmer- und Erzeugerseite, eine Vernetzung der Energiesysteme, Speicherkapazitäten, neue Regelungsarchitekturen und neue Anreizmodelle und Preissignale. Als Hemmnisse identifizierte er vor allem rechtliche und finanzielle, aber auch technische Hürden. So sieht er beispielsweise fehlende Anreize durch Netzentgelte, einen unzureichenden regulatorischen Rahmen für Speicher, Belastungen mit Steuern, Abgaben und Entgelten, hohe Transaktionskosten, keinen Zugang zum Absatzmarkt oder eine geringe technologische Marktreife.

Elektroautos an Bürgerwindparks tanken

„Die Hürden sind in der Praxis noch hoch“, sagt Herman Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE). Als Beispiel nennt er einen Windmüller, der eine Stromertankstelle an seinen Windpark anschließen wollte, um überschüssigen erneuerbaren Windstrom möglichst effizient vor Ort nutzen zu können. Doch dies war nicht möglich, weil er nicht für den Stromvertrieb zugelassen war und er musste die E-Tankstelle wieder schließen. „Wir haben viele Bürgerenergieprojekte im Bereich Windenergie, bei denen eine hohe Motivation vorhanden ist, in Elektromobilität zu investieren. Nichts läge näher, als dass Elektroautos direkt an Windparks getankt werden dürfen, doch dies wird durch die geltenden Rahmenbedingungen abgewürgt“, kritisiert Albers. Stattdessen würden weiterhin auf Kosten aller Tarifkunden Windparks in Zeiten von Netzengpässen abgedreht.

Power-to-Gas unwirtschaftlich

Auch beim Biogas gibt es Barrieren für eine sinnvolle sektorenübergreifende Verwendung, wie Horst Seide, Präsident des Fachverbandes Biogas, verdeutlicht. Der Landwirt betreibt über sein Unternehmen Kraft & Stoff Dannenberg eine Biogasanlage im Wendland, die unter anderem mit Resten aus dem Gemüsebau betrieben wird. Sie „füttert“ mittlerweile sechs regionale Biogas-Tankstellen. Das restliche Biomethan speist er ins Gasnetz ein. Das bei der Biogasproduktion anfallende CO2 könnte er eigentlich auch für eine eigene Power-to-Gas-Anlage nutzen und damit überschüssigen Strom aus Windparks in Norddeutschland zusätzlich in Biomethan umwandeln und einspeisen. „Doch das rechnet sich nicht“, berichtet Seide. Denn der Strom, den er hierfür bräuchte, ist aufgrund der hohen, fixen Umlagen- und Abgabenbelastung zu teuer. „Wir brauchen dringend eine Flexibilisierung“, unterstreicht er. „Wenn das Netz voll ist, sollten EEG-Umlage und Netzentgelte entfallen und dafür, wenn wenig Strom vorhanden ist, erhöht werden“, so Seide.

„Wir sind bereit zu investieren“

Dies ist auch eine der Kernforderungen der Studie von IWES und E4Tech. Auch wird vorgeschlagen, die Netzentgelte in eine Infrastrukturabgabe umzuwandeln, die CO2-Steuer in eine Stromsteuer zu überführen und die Doppelbelastung von Letztverbrauchsabgaben für Speicher abzuschaffen. Wichtige Hebel, um die Sektorenkopplung voranzubringen sieht die Studie auch in einer beschleunigten Markteinführung von Wärmepumpen, einer Differenzierung der Stromdirektnutzung im Wärmebereich, eine Erhöhung des erneuerbaren Anteils bei der Kraft-Wärme-Kopplung sowie bei der Fern- und Nahwärmeversorgung.

„Wir sind bereit zu investieren, doch die Politik muss Barrieren abbauen“, schreibt jedenfalls BWE-Chef Albers einer neuen Bundesregierung ins Stammbuch. Hans-Christoph Neidlein

   

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  1. Eitel Heck 10.10.2017, 20:53 Uhr
    Die Sektorenkopplung zur Sicherung einer kontinuierlichen Stromerzeugung mit fluktuierenden Windstrom ist aus meiner Sicht ein Langzeitprogramm und eine Herkulesaufgabe.
    Ich bin der Auffassung, dass eine Stromerzeugung mit 100 % erneuerbare Energien mit dem Schwerpunkt Windkraftanlagen nicht lösbar ist.
    Bei Windkraftanlagen muss weiterhin beachtet werden, dass sie nach 20 Jahren Betriebszeit abgebaut, entsorgt und dann wieder aufgebaut werden, wobei die zur Entsorgung anstehenden Rotorblätter noch als Sondermüll bewertet werden.
    In dem Zeitraum von 20 Jahren werden andere Kraftwerke nicht abgebaut und entsorgt, sondern rekonstruiert. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Auffällig ist, dass die Windkraftanlagen erweitert werden, aber im Nachhinein die bereits vor über 15 Jahren mit der Inbetriebnahme der ersten Windkraftanlagen erkennbaren Probleme auf der Grundlage von Studien oder nachträglichen Forschungsaufgaben gelöst werden sollen.
    Dabei wird die Energiewende begleitet mit einer Flut kaum noch lesbarer Studien.
    Die durch die fluktuierende Windstromproduktion, insbesondere durch Stromüberschüsse, hervorgerufenen Netzengpässe führte 2015 und 2016 zu zusätzlichen Kosten von ca. 1 Mrd. Euro pro Jahr, die über die Netzentgelde auf die Stromverbraucher umgelegt wurden.
    Ich gehe davon aus, dass 2017 ähnliche Kosten entstehen.
    Nun wurden Maßnahmen festgelegt, duch höhere Auslastung der Bestandsnetze die Kosten um 200 Mio Euro pro Jahr zu senken.
    Die großen Stromautobahnen von Nord nach Süd sollen 2025 fertiggestellt werden. Der Windstrom bleibt bei den Stromautobahnen aber weiterhin wetterabhängig.
    Ich habe die Hoffnung, daß die neue Bundesregierung zur Energiewende ein technisch-ökonomisches Fazit zieht unter Beachtung des Jahresgutachtens der Wirtschaftsweisen und auf der Grundlage der Technologieoffenheit andere klimafreundliche Stromerzeugungstechnologien mit hohen Jahresstromvolllaststunden eine Chance erhalten.

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