Stromsee oder Seenplatte?

Stromsee
Wie funktioniert das eigentlich mit dem Strom? Gerne verwendet man zur Verdeutlichung das Bild vom „Stromsee“. (Quelle: Michael Hüter)

Wie funktioniert das eigentlich mit dem Strom? Vermischen sich Kohle-, Atom- und Grünstrom? Gerne verwendet man zur Verdeutlichung das Bild vom „Stromsee“: Doch die Energieversorgung der Zukunft lässt sich besser mit einer Seenplatte vergleichen.

15.09.2010 – Modell „Stromsee“: Millionen Stromkunden schöpfen aus einem großen See, der von Kraftwerken mit Strom beliefert wird – mal aus Kohle oder Nuklearbrennstoffen erzeugt, mal aus Wind oder Biomasse. Dabei ist für den einzelnen Kunden nicht zu erkennen, aus welchen Quellen sein Strom kommt. Es kann Atomkraft oder Windenergie sein – am Ende fließt immer nur Strom aus der Steckdose. Was gerne als Argument herangezogen wird, dass der Bezug von Ökostrom nichts bringen soll, da beim einzelnen Kunden dann ja keine grünen Elektronen ankommen. Wichtig ist in der Energiewirtschaft aber die Bilanz: Ein Anbieter von Ökostrom hat dieselbe Menge Strom in den See einzuspeisen, wie seine Kunden zeitgleich entnehmen. Den einzelnen sauber eingeleiteten Wassertropfen kann man zwar nicht einem Kunden zuordnen, doch das Wasser ist „sauberer“ geworden, weil Strom aus Erneuerbarer Energie in den See geflossen ist.

Ganz anders sieht die zukünftige dezentrale Stromversorgung aus, die sich, wie NATURSTROM-Vorstand Dr. Banning seit Jahren ausführt, besser mit einer „Seenplatte“ vergleichen lässt. Dabei sind die Seen untereinander durch Flüsse und Kanäle verbunden. Die Großkraftwerke der Energiekonzerne sorgten in der Vergangenheit dafür, dass die Seen aus einer Richtung geflutet und jeder entnommene Tropfen so wieder aufgefüllt wurde. Nun aber entstehen an den einzelnen Seen viele kleine Kraftwerke, die aus Sonne, Wind oder Biogas Strom erzeugen. Sie speisen die Energie lokal ein, welche ohne Umwege zum Verbraucher vor Ort gelangt. Gerade im ländlichen Raum wird insofern der Zufluss von Strom aus den Großkraftwerken behindert, ja es kommt bei starken Winden und gutem Sonnenschein sogar zur Umkehrung der Flussrichtung, so dass ein See komplett mit sauberem Wasser gefüllt ist und die Mehrproduktion in die benachbarten Seen abfließt. Kein Wunder also, dass die alten Energiekonzerne inzwischen zu allen Mitteln greifen, um die ungehinderte Einleitung ihres Kohle- und Atomstroms durchzusetzen – wie viel Dreck sie damit in den See spülen und dass damit die Einleitung des sauberen Ökostrom behindert wird, das interessiert die Konzernlenker wenig.

Das Bild von der Seenplatte zeigt: Die Bewohner eines kleinen Sees könnten Ihre Energieversorgung sogar autark organisieren. Doch der Aufwand dafür ist im Normalfall zu groß, Autarkie ist unökonomisch. Stattdessen kann man aber möglichst viel vor Ort selbst produzieren und über eine Anpassung der Nachfrage an das Angebot eine möglichst hohe Deckung erreichen, damit bleibt dann auch der Großteil der Wertschöpfung in der Region. So etwas bedeutet Verhaltensänderungen und muss unterstützt werden von der Entwicklung zu den „smart-grids“, den intelligenten und sich selbst steuernden Netzen. Die dann noch verbleibenden Differenzen werden mit den Nachbarseen ausgeglichen. Am ausgefeiltesten ist das Modell, wenn ein Bürger in seiner eigenen Immobilie eine Photovoltaikanlage oder eine Kraft-Wärme-Kopplungsanlage betreibt, dann wird der Kunde zum „Produzent“ und „Konsument“ in einer Person. Ingo Leipner

   

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Keine Kommentare gefunden!

Ihr Kommentar zum Thema

(wird nicht veröffentlicht)

max 2.000 Zeichen

Meinung der Woche

Kafkaeske Solarpolitik: Einmal Audi vernichtet

In der Solarindustrie haben in den letzten sechs Jahren rund 81.000 Beschäftige ihre Arbeitsplätze verloren. Bitter ist das nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die deutschen Stromverbraucher.  

Thomas Seltmann
Experte und Autor für Photovoltaik

Umfrage

Beim Dieselgipfel wurden weitere 500 Millionen für Kommunen vereinbart, um die Stickoxid-Emissionen aus dem Autoverkehr zu senken. Reicht das?