Wettlauf in der Arktis: Deep Arctic Expedition erforscht bedrohte Tiefsee-Ökosysteme

Mit dem Tiefseeroboter Holly dokumentiert ein internationales Forschungsteam am Louise A. Boyd Seeberg eine unbekannte biologische Vielfalt. Die Ergebnisse liefern wichtige Daten im Wettlauf gegen die industrielle Ausbeutung der arktischen Tiefsee.
28.05.2026 – Ein internationales Forschungsteam der Deep Arctic Expedition von Greenpeace untersucht derzeit die weitgehend unerforschten Ökosysteme am arktischen Mohns Ridge zwischen Norwegen und Grönland. Sie erkunden eines der Gebiete, das in Zukunft für den umstrittenen Tiefseebergbau freigegeben werden könnte. Ziel ist, Daten über seltene und teils noch völlig unbekannte Spezies sammeln und damit fundierte Argumente für die Errichtung von Meeresschutzgebieten liefern. An der Expedition nehmen neben Wissenschaftlern der Senckenberg Gesellschaft auch Fachleute der Universitäten Uppsala und Bergen sowie des Nationalmuseums für Naturwissenschaften in Madrid teil.
Einblicke in die arktische Fauna am Louise A. Boyd Seeberg
Mithilfe des modernen Tiefseeroboters Holly konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Tiefen von 600 bis 2.900 Metern eine breite biologische Vielfalt nachweisen. Im Zentrum der Untersuchungen steht der Louise A. Boyd Seeberg, an dem das Team eine Fülle an unterschiedlichen Schwämmen und Korallen dokumentieren hat.
Norwegische Forschende hatten an dieser Stelle bereits Ende des vergangenen Jahres im Rahmen des Projekts MAREANO ein ungewöhnlich dichtes Vorkommen von Bambuskorallen gefunden. Die Expedition will nun herausfinden, wie weit sich dieser marine Lebensraum tatsächlich erstreckt, welche Arten dort genau leben und wie das Beziehungsgeflecht der Organismen vor Ort funktioniert. “Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue, welche Vielfalt des Lebens in der Tiefsee selbst auf kleinstem Raum zu finden ist – und was es noch alles Neues zu erforschen gibt“, sagt die Tiefseebiologin Anne-Nina Lörz von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.
Von der Louise A. Boyd Seeberg fährt das Forschungsschiff weiter entlang des Mittelatlantischen Rückens. Zu den Erkundungsgebieten gehört etwa auch das Hydrothermalfeld Lokis Schloss, eine in rund 2.400 Metern Tiefe befindliche aktive hydrothermale Quellen, auch Schwarze Raucher genannt. Aus diesen bis zu 15 Meter hohen Schloten strömt heißes, mineralreiches Wasser mit Temperaturen von bis zu 320 Grad Celsius. Derartige Tiefseequellen gelten in der Wissenschaft als einer der Ursprungsorte des Lebens auf unserem Planeten. Für Interessierte werden die verbleibenden Tauchgänge direkt von Bord aus gestreamt.
Der Wettlauf gegen die industrielle Ausbeutung der Tiefsee
Da sich die Arktis infolge des Klimawandels überdurchschnittlich schnell erwärmt, steht das ohnehin sensible Ökosystem unter erheblichem Stress. Gleichzeitig wächst das wirtschaftliche und politische Interesse, die unberührte Tiefsee für mineralische Rohstoffe zu nutzen. Die Erforschung dieser Lebensräume eilt daher, um die ökologischen Grundlagen der Region zu verstehen, bevor unumkehrbare Eingriffe stattfinden.
Hintergrund ist, dass Rohstoffe wie Kupfer, Mangan, Kobalt und Lithium für Energiewende und Digitalisierung benötigt werden. Sie finden sich auf der Liste strategisch wichtiger Rohstoffe der EU wieder – und auf dem Meeresgrund. Da am Meeresboden Manganknollen und Massivsulfide lagern, wächst das Interesse am Tiefseebergbau, der bisher weltweit noch nirgendwo erlaubt ist.
Politisches Signal aus Norwegen
Norwegens Regierung entschied Ende vergangenen Jahres, in den kommenden vier Jahren keine Gelder für den Tiefseebergbau zur Verfügung zu stellen. Damit liegt auch die geplante Lizenzvergabe für die Bergbau-Areale in der Arktis auf Eis, die Norwegen zuvor in Aussicht gestellt hatte. In einem rund 281.200 Quadratkilometer großen Gebiet um die arktische Inselgruppe Svalbard sollten Möglichkeiten eines kommerziellen Abbaus von Mangan- und Kobaltkrusten erkundet werden. NGOs sahen die Entscheidung im Rahmen der parlamentarischen Haushaltsdebatte als Rückzugssignal an die Rohstoffindustrie.
Das unentdeckte Ökosystem der Tiefsee
Die Tiefsee ist der größte und zugleich am wenigsten erforschte Lebensraum unseres Planeten Der Tiefseeboden macht mehr als die Hälfte der Erdoberfläche aus, doch gerade einmal 0,01 Prozent davon wurden bisher wissenschaftlich untersucht. Jede Expedition in die Tiefen ab 200 Metern unter der Meeresoberfläche gleicht einer Entdeckungsreise auf einem fremden Planeten – regelmäßig stoßen Forschende auf völlig neue Tier- und Pflanzenarten und entschlüsseln biologische Überlebensstrategien und ein Arsenal an Naturstoffen, die der Wissenschaft bislang unbekannt waren. jb




















































