Herr Professor Berthold, Sie sind 1953 als gebürtiger Sachse mit Ihrer Mutter von Zittau nach Baden-Württemberg gezogen, um dort ihren Vater wiederzutreffen. Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an die Zeit zurückdenken?
Die Reise selbst war eher harmlos. Ich hatte vorher eine ganz andere Reise hinter mir, nämlich: 14 Tage mit dem Leiterwagen aus dem Altvatergebirge durchs Kriegsgebiet. Die Reise in den Westen war dann denkbar einfach. Wir sind von Berlin nach Frankfurt geflogen und kamen von dort nach Onstmettingen auf die Schwäbische Alb. Das war eine ruhige, wunderbare, paradiesische Landschaft. Dort gab es ein reichhaltiges Tier- und Pflanzenleben, von dem man heute nur schwärmen kann. Damals war die Welt noch in Ordnung, das kann man schon sagen.
Sie haben dann Abitur gemacht, im 60 Kilometer entfernten Nagold, wie kam es dazu?
Ja, wir hatten in der Ostzone ein ganz anderes Schulsystem als etwa in Baden-Württemberg. Hier gab es damals sogenannte Aufbaugymnasien, eines davon war in Nagold. Und da konnte ich, in einem Heim untergebracht, innerhalb von fünf Jahren Abitur machen. Eine Art Akkordkurs. Morgens um 6 Uhr Wecken, Morgenandacht oder Vokabeln lernen. Vormittags Schule, nachmittags Schule, samstags Gartenarbeit. Ein Drill wie in der Kaserne. Aber auf die Art hat man auch was zustande gebracht.
Von Onstmettingen aus sind Sie dann einmal mit dem Fahrrad nach Radolfzell gefahren, weil Sie wussten, dort gibt es eine Vogelwarte.
Ganz genau. In Zittau hatte ich das große Vergnügen, an unserem Futterhaus eine Kohlmeise zu fangen, die beringt war. Aufschrift: „Vogelwarte Radolfzell“. Ich habe erst gedacht, die wäre vom Bodensee nach Zittau in Ostsachsen zugewandert. Das konnte eigentlich nicht sein, denn ich wusste schon: Kohlmeisen sind Standvögel. Es stellte sich heraus: In meiner Nachbarschaft wohnte ein Lehrer, der für die Vogelwarte Radolfzell Vögel beringt. Für mich war damit klar: Es gibt am Bodensee ein Institut, für das man offiziell Vögel fangen kann. Deswegen bin ich 1954 dorthin gefahren.
Genau diese Vogelwarte haben Sie dann selbst mehr als 20 Jahre lang geleitet. Und heute, wo ihr Aktionsradius kleiner wird, haben Sie ihre gefiederten Freunde gewissermaßen zu sich nach Hause geholt, richtig?
Absolut. Wenn ich morgens aufwache, höre ich vom Bett aus bis zu 20, 30 verschiedene Vogelarten rufen und singen, teils im Garten, teils fliegen sie drüber hinweg. Wir haben eine Futterstelle im Garten, da sind zum Teil mehr als hundert Vögel an einem Tag. Da ist schon sehr viel los. Und es brüten im Jahr bis zu 20 Vogelarten bei uns.
Sie sind Naturschützer mit Leidenschaft. Gibt es einen Erfolg, von dem Sie sagen: Da hat sich mein Engagement in ganz besonderer Weise ausgezahlt?
Das ist zweifellos der Biotopverbund Bodensee, aus Naturschutzgesichtspunkten sicher die größte Tat, die ich vollbringen konnte. Inzwischen sind es mehr als 130 Biotope nur im Bodenseegebiet. Hinzu kommen weitere in Ravensburg, im Raum Wangen und darüber hinaus im gesamten Bundesgebiet, die wir in Verbindung mit der Heinz Sielmann Stiftung aufbauen konnten.
Eines Ihrer jüngeren Projekte ist die Anpflanzung von Hecken, unter anderem an der Wallfahrtskirche Birnau. Wie ist der Stand der Dinge?
Genau, da sind wir auch noch dabei, die weiter anzupflanzen, unter anderem in Salem. Das ist sicher die größte Heckenanpflanzung im Bodenseegebiet mit insgesamt zehn Kilometern – fast unvorstellbar, wenn auch in verschiedenen Bereichen. Rund die Hälfte haben wir schon gepflanzt. Der Rest kommt im kommenden Herbst hinzu.
Der Bodensee hat ja in den vergangenen Jahren einen durchweg zu niedrigen Pegelstand. Welche Auswirkungen hat das auf die Vogelwelt?
Relativ wenig. Der See führt ja trotzdem sehr viel Wasser, sodass also Blesshühner, Haubentaucher oder auch Kormorane ihr Auskommen haben. Solange das Schilf durch den niedrigen Wasserstand nicht im Bestand leidet oder abstirbt, ist das für Vögel, die im Röhricht brüten, etwa für Teichrohrsänger kein Problem.
Uns allen stehen aktuell heiße Tage bevor. Wie können wir den Piepmätzen in unseren Städten und Dörfern am besten helfen?
Wichtig ist, unbedingt Wasserstellen einzurichten, möglichst in jedem Hausgarten, und zwar so, dass sie trinken und baden können. Denn wir haben nur ganz wenige Vogelarten, die ihr Wasser mit der Nahrung aufnehmen. Die allermeisten sind drauf angewiesen, regelmäßig zu trinken und, um sich wohlzufühlen und gesund zu bleiben, auch zu baden. Da müssen manche Vögel große Strecken zurücklegen, um an eine Wasserstelle zu kommen. Sinnvoll sind flache Schalen mit Steinen, von denen aus sie ins Wasser hüpfen können. Das geht im Garten, auf der Terrasse und auch auf dem Balkon.
Im Vergleich zum Jahr 1800 leben heute 80 Prozent weniger Vogelindividuen in Deutschland, haben Sie immer betont. Und Sie haben stets für mehr Rücksichtnahme plädiert, um den Artenverlust aufzuhalten. Wie können wir dies am besten umsetzen?
Was nach wie vor den größten Sinn ergibt, ist: Biotope einzurichten, die bestehenden gut zu pflegen – und langfristig muss die mechanistische, fabrikmäßige Landwirtschaft zurückgeführt werden in eine nachhaltige, ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft. Das wäre das Fernziel. Das ist natürlich nicht leicht zu erreichen, wenn der Druck auf die Flächen immer noch größer wird, etwa durch Bioenergie-Anlagen und auch durch zunehmende Trockenperioden. In dem Moment aber, wo man ökologische Landwirtschaft betreibt, kehren ganz viele Arten von Insekten, Säugetieren und Vögeln zurück – mehr als man in relativ kleinen Biotopen ansiedeln kann. Die aktuelle Situation ist sehr bescheiden, es passiert auch nicht viel in der Richtung. Solange wir beispielsweise unsere Wiesen bis zu sieben Mal im Jahr mähen, können wir nicht erwarten, dass dort Schmetterlinge zurückkehren.
Was können wir im privaten Bereich tun?
Alle, die in der privilegierten Lage sind, einen Garten zu besitzen oder geliehen bekommen zu haben von unserem Schöpfer, sollten daraus möglichst keine Steinwüste oder geteerte Fläche machen. Ich würde ihnen dringend nahelegen, die Flächen so naturnah zu pflegen, wie es geht, um möglichst vielen Tieren und Pflanzen eine Heimat zu bieten. Dann erkennt man wieder leichter, was für ein wertvolles Stück Natur diese Fläche ist, und dafür kann man auch mal auf eine Vergnügungsreise verzichten. Ich meine, dazu sind wir unserem Schöpfer, der Natur, unseren Lebewesen gegenüber verpflichtet.
Das Gespräch führte Benedikt Brüne.
Mehr zum Biotopverbund Bodensee:
https://www.sielmann-stiftung.de/natur-schuetzen/grundsaetze/biotope-verbinden/bodensee
Peter Berthold, Jahrgang 1939, geboren in Zittau (Sachsen), war von 1991 bis 2005 Leiter der Vogelwarte Radolfzell. Als Professor am damaligen Max-Planck-Institut Ornithologie (heute: MPI für Verhaltensbiologie) hat er zahlreiche Fachbücher und Aufsätze in Fachzeitschriften veröffentlicht. 2005 hat er gemeinsam mit dem Tierfilmer Heinz Sielmann das Konzept eines bundesweiten Biotopverbunds der Heinz Sielmann Stiftung initiiert.




















































