Meeresschutz: Der verborgene Schatz der Korallen

Korallen produzieren zusammen mit Mikroorganismen bisher kaum bekannte Stoffe, die Forscher als Grundlage neuartiger Medikamente wähnen. Durch die Erwärmung der Ozeane und das Korallensterben könnten sie unwiederbringlich verloren gehen.
09.03.2026 – Korallenriffe werden auch als die Regenwälder der Meere bezeichnet. Sie sind nicht nur Hotspots der biologischen Vielfalt, die über ein Drittel aller marinen Arten beherbergen, sondern erweisen sich zunehmend als eine der wertvollsten Natur-Apotheken unseres Planeten. Eine großangelegte genetische Analyse hat nun ein bislang unbekanntes Arsenal an Naturstoffen im Mikrobiom der Korallen offengelegt. Die Erwärmung der Meere und das damit einhergehende Absterben von Korallenriffen gefährdet den verborgenen Schatz der Riffe.
Eine Bestandsaufnahme im Pazifik
Vor etwa zehn Jahren kreuzte das Forschungsschiff Tara im Rahmen der Tara Coral Expedition durch den Pazifik, um den Zustand der Riffe systematisch zu dokumentieren. Dabei wurden tausende Proben gesammelt, mit dem Ziel, die komplexe Symbiose zwischen Korallen und ihren mikrobiellen Bewohnern zu verstehen – eine Gemeinschaft, die durch die fortschreitende Ozeanerwärmung und das damit verbundene Massensterben akut bedroht ist.

Das Forschungsschiff Tara ist 18 Monate lang im sogenannten Korallendreieck im Westpazifik unterwegs (Bild: Tara Ocean Foundation).
In einer aktuellen Studie, die unter der Federführung der ETH Zürich und in enger Kooperation mit der Universität Konstanz durchgeführt wurde, untersuchten Forschende rund 800 dieser pazifischen Proben. Das Team analysierte das Erbgut der Mikroorganismen, die in Symbiose mit den Korallen leben.
Ein neues Arsenal für die Medizin
Diese Mikroorganismen produzieren ein gewaltiges Arsenal an Naturstoffen, deren genetische Baupläne der Wissenschaft bisher gänzlich unbekannt waren. Die Wirkstoffe dienen in dem Ökosystem vermutlich der chemischen Verteidigung.
Die identifizierten Stoffwechselprodukte könnten als Grundlage für die Entwicklung neuer Medikamente dienen. Die beteiligten Institutionen betonen das Potenzial dieser Stoffe zur Bekämpfung von Krankheiten, beispielsweise als neuartige Antibiotika oder Wirkstoffe in der Krebstherapie.

Bei jedem Tauchgang sammeln die Forschenden Proben von den Korallen (Bild: Tara Ocean Foundation)
„Für über 99 Prozent dieser Arten waren zuvor keine genomischen Informationen vorhanden, sie waren der Wissenschaft also nicht bekannt“, schildert Projektleiter Shinichi Sunagawa. „Wir haben im Erbgut der im Riff angesiedelten Mikroorganismen mehr Potenzial für die Produktion von Naturstoffen gefunden als bisher im gesamten offenen Ozean.“
Ein Wettlauf gegen die Zeit
Doch während die Forschung gerade erst beginnt, die Natur-Apotheke der Korallen zu katalogisieren, findet laut aktuellen Daten der Meeresbiologie ein massenhaftes Korallensterben statt.
„Mit jedem verlorenen Riff verlieren wir potenziell einzigartige mikrobiell erzeugte Wirkstoffe, noch bevor wir überhaupt wissen, dass sie existieren“, sagt Christian Voolstra, Co-Leiter der Tara Coral Expedition. „Diese Studie zeigt eindrucksvoll, dass der Schutz von Korallenriffen auch eine Investition in zukünftige medizinische und biotechnologische Innovationen ist – aber das Zeitfenster schließt sich rapide.“

Das weltweite Korallensterben ist anhand der sogenannten Korallenbleiche unübersehbar (Bild: Pete West).
Mit dem Verschwinden der Riffe gehen nicht nur bunte Lebensräume verloren, sondern auch potenzielle Heilmittel der Zukunft. Die marinen Ökosysteme sind eine lebenswichtige Ressource für die globale Gesundheit – ihr Schutz dient allen. jb


















































