Oder-Katastrophe 2022Die Oder vor einer erneuten Umweltkatastrophe schützen

Wiese mit lila Blüten, im Hintergrund Laubbäume und ein kleiner Tümpel
Auenwiese im Oderbruch bei Genschmar. Solche Überflutungswiesen sind von unschätzbarem Wert, ermöglichen Artenvielfalt und Hochwasserschutz. (Foto: Ar Herrmann auf Wikimedia / CC BY-SA 4.0, Ausschnitt)

Die Wissenschaft hat Lehren aus dem Fischsterben an der Oder gezogen und ihre Empfehlungen an die Politik übergeben. Der Auftrag ist klar formuliert: Salz- und Nährstoffbelastung senken, Auen revitalisieren, mehr Wasser in der Landschaft halten.

19.06.2026 – Vier Jahre nach dem Fischsterben in der Oder haben Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ein Resümee gezogen und Handlungsempfehlungen an Bundesumweltminister Carsten Schneider übergeben.

Unter Federführung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) hatte das Forschungsteam im Sonderuntersuchungsprogramm zur Umweltkatastrophe in der Oder (ODER~SO) die ökologischen Folgen der Katastrophe, die bisherige Entwicklung und Erholung des Ökosystems sowie mögliche Vorsorge- und Revitalisierungsmaßnahmen untersucht. Dafür wurden umfangreiche Feld- und Laboruntersuchungen durchgeführt, etwa zur Wasserchemie, zur Algenentwicklung, zu Fischbeständen, wirbellosen Tieren sowie zu Lebensräumen in der Oder, ihren Nebengewässern und Auen.

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Salze und Hitze sind Gefahrencocktail

Der Bericht der Gewässerökologen zum Zustand der Oder verzeichnet stark dezimierte Fischbestände. Zwar könnten sich die meisten Populationen wieder regenerieren. Jedoch droht auch die sehr reale Gefahr, dass sich die Katastrophe wiederholt.

Die Oder hat sich teilweise erholt, aber die Folgen der Katastrophe sind noch nicht überwunden

Knapp vier Jahre nach der Umweltkatastrophe in der Oder zeigen sich deutliche Unterschiede bei der Erholung verschiedener Organismengruppen. Während sich die Fischbestände vergleichsweise gut entwickelt haben und ihre Dichten in der Unteren Oder bis 2026 wieder etwa das Niveau von vor der Katastrophe erreichen, sind die Folgen für andere Arten weiterhin gravierend.

Besonders betroffen sind Großmuscheln, von denen mindestens zwei Drittel verendeten. Da sie sich nur langsam vermehren, wird ihre Erholung voraussichtlich noch viele Jahre in Anspruch nehmen. „Das ist ökologisch besonders schwerwiegend, weil Großmuscheln große Mengen Wasser filtrieren und damit zur Reinigung des Flusses beitragen“, erläutert IGB-Direktorin Sonja Jähnig. Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Ökosystem der Oder zwar teilweise erholt hat, die Umweltkatastrophe jedoch weiterhin nachwirkt.

„Die relativ schnelle Erholung der Fischbestände war auch deshalb möglich, weil Fische in Uferbereiche, Nebengewässer und weniger belastete Habitate ausweichen konnten. Solche Bereiche wirken als Refugien. Sie sind Rückzugsräume während einer ökologischen Krise und Ausgangspunkte für die Wiederbesiedlung danach“, erklärt Jähnig.

Mehr Raum für natürliche Dynamik – Gewinn für Mensch und Natur

Durch den Rückbau von Uferbefestigungen, den Wiederanschluss von Nebengewässern, die ganzjährige Öffnung von Poldern im Nationalpark Unteres Odertal sowie die Rückverlegung von Deichen ließen sich diese wichtigen Lebensräume erweitern. Besonders bedeutsam am Hauptlauf der Oder sind ufernahe, dynamische Strukturen wie überströmte Kiesbänke, die etwa für Flussfischarten wie Barbe und Nase essenziell, in der Oder jedoch selten geworden sind.

Zur Förderung solcher naturnahen Uferhabitate sollten bestehende Buhnen ökologisch umgestaltet werden, beispielsweise durch großzügige Kerbung. Davon profitieren nicht nur Fischbestände, sondern auch Insektenlarven und andere Wirbellose. Grundsätzlich gilt: Ein strukturreicher Fluss mit angebundenen Nebengewässern, vielfältigen Uferzonen und funktionsfähigen Auen ist widerstandsfähiger als ein strukturell verarmter, verbauter Fluss.

Kein weiterer Flussverbau

Oder-Experte Christian Wolter, ebenfalls Wissenschaftler am IGB, warnt: „Ökologisch schädlich sind dagegen weitere wasserbauliche Maßnahmen wie der Neubau oder die Ertüchtigung von Standardbuhnen, die die strukturelle Vielfalt und damit die ökologische Resilienz des Flussökosystems weiter verringern. Die Oder hat als Wasserstraße keine güterverkehrliche Bedeutung mehr und der der Stromregelungskonzeption zugrunde liegende Bemessungswasserstand wird kaum noch erreicht. Damit ist die Zielerreichung fraglich und sollte zugunsten der Oder-Revitalisierung neu ausgerichtet werden. Gerade vor dem Hintergrund der Wiederherstellungsverordnung bietet die über 480 km barrierefrei fließende Oder einzigartige Möglichkeiten zur ökologischen Verbesserung.

Wenn nach der menschengemachten Umweltkatastrophe die Oder nun eine nachhaltige Zukunft haben soll, sollte nicht nur deren Salzbelastung stark reduziert werden, sondern die vom Land Brandenburg erarbeiteten Revitalisierungspläne für die Oder realisiert werden. Für die Umsetzung der Maßnahmen zur Erreichung des guten ökologischen Zustands der Oder ist laut Gesetz die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes zuständig, die hierfür vom Verkehrsressort Grünes Licht benötigt.

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Drei Jahre nach dem Fischsterben

Zum dritten Mal jährt sich das Fischsterben an der Oder. Zwischen Juli und September 2022 verendeten unzählige Fische, Muscheln und Schnecken – als Folge einer Algenblüte. Naturschutzverbände wenden sich mit einer Vision für die Oder an die Politik.

Die Oder ist kein Einzelfall in Europa

Die Oder steht beispielhaft für die wachsenden Probleme an vielen Flüssen in Europa: Weil diese heute oft weniger Wasser führen, sollten dringend Schadstoffeinträge reduziert und Fließgewässer so revitalisiert werden, dass ihre Auen weiterhin regelmäßig mit Wasser versorgt werden. Davon profitieren nicht nur Tiere und Pflanzen. Intakte Flüsse und Auen sichern uns Menschen sauberes Trinkwasser, halten Hochwasser zurück, speichern Wasser für Trockenzeiten, binden Kohlenstoff und schaffen die Grundlage für landwirtschaftliche Nutzung, gesunde Fischbestände sowie attraktive Natur- und Erholungsräume.

EU nimmt Polen in die Pflicht

Im April 2026 leitete die Europäische Kommission gegen Polen ein Verfahren ein wegen des Zustands der Oder. Nach Ansicht der Kommission ist Polen seinen Verpflichtungen nach der Wasserrahmenrichtlinie, der Industrieemissionsrichtlinie, der Habitat-Richtlinie und der Vogelschutzrichtlinie nicht ordnungsgemäß nachgekommen. „Polens Gewässer, Lebensräume und Arten verschlechtern sich zunehmend, wie sie sich beispielsweise im Sommer 2022 durch die Ausbreitung einer giftigen Algenart in der Oder zeigte, die zu einem massiven Fischsterben führte“, heißt es in der Begründung.

Polen habe Einleitungen von salzhaltigem Grubenwasser in den Fluss genehmigt, obwohl deren negative Folgen für den Wasserzustand bekannt waren, so die Kritik. Die ergriffenen Maßnahmen reichten nicht aus, um die weitere Verschlechterung aufzuhalten und den guten Zustand der Gewässer wiederherzustellen. Zudem seien nur unzureichende Maßnahmen zur Wiederherstellung der geschützten Lebensräume und Arten wie Bitterling und Steinbeißer entlang des Flusses zu ergriffen worden. Darüber hinaus hat Polen einen Bewirtschaftungsplan für das Einzugsgebiet angenommen, ohne die Umweltkatastrophe vom Sommer 2022 und ihre Auswirkungen zu berücksichtigen. Ein Aufforderungsschreiben im April bildete den Auftakt des Verfahrens, Polen hatte daraufhin zwei Monate Zeit, um auf die vorgebrachten Beanstandungen zu reagieren. pf

Der vollständige Bericht ist hier verfügbar.

Eine Kurzfassung der Handlungsempfehlungen hat das IGB erstellt.

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