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Foto: Stefan Wieland / DUH

Nachgefragt 29.08.2025

„Ein Cappuccino mit Winfried Kretschmann? Gerne!“

Dieselskandal, Gasbohrungen, Pestizide: Seit 50 Jahren setzt sich die Deutsche Umwelthilfe für Natur- und Verbraucherschutz ein. Die Folge sind massive Kritik und Kampagnen der fossilen Industrie. Doch insgesamt überwiegen die positiven Rückmeldungen, berichtet Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch im Gespräch.

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe e. V. (DUH)


Nachgefragt 29.08.2025

„Ein Cappuccino mit Winfried Kretschmann? Gerne!“

Dieselskandal, Gasbohrungen, Pestizide: Seit 50 Jahren setzt sich die Deutsche Umwelthilfe für Natur- und Verbraucherschutz ein. Die Folge sind massive Kritik und Kampagnen der fossilen Industrie. Doch insgesamt überwiegen die positiven Rückmeldungen, berichtet Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch im Gespräch.

Foto: Stefan Wieland / DUH

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe e. V. (DUH)



Herr Resch, Sie sind bekannt für die Aufdeckung des Dieselskandals in der Automobilbranche 2015, Sie haben sich in den 1980er-Jahren für eine Kreislaufwirtschaft in der Getränkeindustrie eingesetzt. Gibt es Dinge, die weniger prominent und dennoch große Erfolge waren für die DUH?

Eine ganze Reihe. Der Schutz des Trinkwasserspeichers Bodensee war in den 1970er-Jahren ein wichtiges Thema. Der drohte damals umzukippen. Ich war damals als Schüler in Umweltgruppen aktiv. Ende der 80er-Jahre starteten wir dann bei der Deutschen Umwelthilfe das Bodensee-Umweltschutzprojekt und setzten uns beispielsweise für eine Bodensee-S-Bahn ein. Daraus sind die auch heute noch am Bodensee verkehrende Geißbockbahn und der Seehas mit entstanden. Wir forcierten die Umstellung auf Bio in der Landwirtschaft und Gastronomie und einen nachhaltigen Tourismus. Die damalige Umweltministerin Angela Merkel hat uns mit der Eröffnung des Europäischen Naturschutzjahrs am Bodensee im Jahr 1995 ausgezeichnet. Das hat uns motiviert, den Global Nature Fund zu gründen, der bis heute in 80 Staaten auf allen Kontinenten Schutzprojekte in Wassereinzugsregionen umsetzt.

In den 1980er-Jahren war das Waldsterben ein großes Thema, richtig?

Genau, schon meine Vorgänger haben die Behörden gezwungen, Schäden offenzulegen, die im Wesentlichen durch sauren Regen entstanden sind, also durch ungefilterte Abgase der Kohle- und Stahlindustrie. Wir haben Waldschadenskarten daraus erstellt und Kampagnen mit anderen Verbänden gestartet. Unsere Forderung war, dass die Abgasreinigung, die in Deutschland entwickelt, aber damals nur im Ausland eingesetzt wurde, endlich auch bei uns eingesetzt wird. In den 1990er-Jahren kämpften wir erfolgreich für schwefelfreie Kraftstoffe, nach der Jahrtausendwende setzten wir den Dieselruß-Parktikelfilter und 70 Umweltzonen zum Schutz vor Feinstaub durch.

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Und dann kam der Dieselskandal ... 

Wir haben bereits 2007 erstmals in einer Pressekonferenz im Detail den vorsätzlichen Betrug bei der Abgasreinigung veröffentlicht. Es dauerte aber bis zum Herbst 2015, dass dieses Thema die Politik erreichte. Die Milliardenstrafen gegen VW in den USA haben uns geholfen, die notwendige Aufmerksamkeit der Medien und Politik für den größten Industrieskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte zu erreichen. Mit 3.700 Fahrzeug-Abgastests auf der Straße haben wir seitdem alle Hersteller von Diesel-Fahrzeugen des vorsätzlichen Betruges überführt. Wir sind der einzige Umweltverband, der ein eigenes Abgasinstitut mit Fachpersonal unterhält. Bis zum Europäischen Gerichtshof konnten wir unsere Rechtsverfahren bringen und allesamt gewinnen. Allerdings wehren sich die Dieselkonzerne weiterhin – gemeinsam mit dem Kraftfahrtbundesamt – diese Gerichtsentscheidungen auch umzusetzen und die Betrugs-Diesel stillzulegen oder mit einer funktionierenden Abgasreinigung auszustatten.

Sie haben als junger Vogelschützer erfahren, was Pestizide mit Vögeln anrichten. Wie hat der Erfolg Sie motiviert, diese Arbeit fortzusetzen? 

Stimmt, 1982 hat das Killer-Pestizid Endrin zu einem Vogelsterben geführt. Wir haben es seinerzeit geschafft, dieses Pestizid gegen die Chemieindustrie verbieten zu lassen, einfach weil Landes- und Bundesregierung damals noch den Mumm hatten, sich der Pestizidindustrie entgegenzustellen. Motiviert hat mich aber schon früher der konkrete Naturschutz im Eriskircher Ried und die Erhaltung der einzigartigen Sibirischen Schwertlilie sowie in den ersten Jahren die Brut der Bekassine. Entscheidend war aber auch die Mitwirkung beim ersten Bürgerentscheid in Baden-Württemberg. Wir kämpften gegen die Bebauung des Stadtparks mit einem Kongresszentrum. Zum Seehasenfest verbot uns die Stadt Friedrichshafen, einen Infostand aufzustellen. Dann ist einer von uns mit dem Motorrad zum Verwaltungsgericht nach Sigmaringen gefahren und kam nach wenigen Stunden zurück – mit einer einstweiligen Verfügung, die uns erlaubte, diesen Stand doch aufzubauen. Das war für mich gelebte Demokratie.

Mein frühestes Umweltprojekt war übrigens die Abfassung einer sehr umfangreichen Stellungnahme samt Naturschutzaktion gegen die Zentralmülldeponie des Bodensee-Kreises, die ohne Abdichtung wenige Kilometer vom See geplant war. Nur durch unsere Initiative wurde die Sohl-Abdichtung letztendlich durchgesetzt und so das Grundwasser und der Bodensee geschützt.

1975 waren Sie 15. Haben Sie die Gründung der DUH mitbekommen?

Bei der Gründung war ich nicht dabei. Ich hatte mit 15 aber meinen ersten Vorstandsposten bei der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Bodensee, als Schatzmeister – mit Sondergenehmigung, da ich erst ab 16 geschäftsfähig war. Ich habe mich um Zuschüsse bemüht für unsere Arbeit vor Ort. Und bei der DUH konnten wir damals für konkrete Naturschutzprojekte wie eben die Pflegearbeiten im Eriskircher Ried Zuschüsse erhalten.

Auf duh.de ist ein s/w-Foto mit Gerhart Baum zu sehen, damals Innenminister.

Richtig, er war für Umwelt zuständig, das Ministerium selbst gab es damals noch nicht. Ich habe ihn als Schüler einmal nach einer Wahlveranstaltung der FDP angesprochen, und der Kontakt riss bis zu seinem Tod nicht mehr ab. Er hat sich seinerzeit eine Stunde Zeit genommen für ein Gespräch über Umweltpolitik und ist dieser Linie treu geblieben. Eine Woche vor seinem Tod haben wir das letzte Mal telefoniert.

Springen wir in die Gegenwart: Wir sehen aktuell die Waldbrände in Spanien und andere Extremwetter. Sie beschäftigen sich Ihr ganzes Leben mit der zunehmenden Erdüberhitzung. Warum sind wir im Ergebnis offensichtlich so träge?

Beim abstrakten Begriff „Klimaschutz“ schalten in der Tat immer mehr Menschen ab. Werden wir aber konkret und sprechen wir von Balkonkraftwerken für die Mieter-Stromerzeugung, von energetisch sanierten Schulen, in die es nicht mehr hineinregnet oder von einer modernen und zuverlässig operierenden Bahn, dann steht eine überwältigende Mehrheit der Menschen dahinter. Das Beispiel der Stadt Tübingen zeigt, wie eine konkrete Umweltpolitik von den Wählern auch goutiert wird.

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Ministerin Reiche will Gaskraftwerke in Größenordnungen von 20 Gigawatt realisieren. Welche Strategie wäre aus Sicht der DUH die richtige?

Mit zwei Prozent Rollout-Rate bei Smart Metern sind wir Schlusslicht in Europa. Und ohne einen digitalen Stromzähler sind keine dynamischen Stromtarife möglich, mit denen wir relativ einfach und kostengünstig die Stromspitzen weitgehend vermeiden bzw. vermindern können. Ich habe selbst ein mehrjähriges Martyrium hinter mir, einen elektrischen Stromzähler zu bekommen. Die DUH fordert hier ein Sofortprogramm und Aufhebung der prohibitorischen angeblichen Sicherheitsvorschriften. Jeder Elektriker kann und soll vorhandene Drehstromzähler in 30 Minuten durch einen digitalen Stromzähler austauschen.

Sie kritisieren auch die Gasbohrungen vor Borkum. Damit würden wir aber eigene Rohstoffe nutzen statt abhängig zu sein von Importen aus den USA oder Nahost?

Wir erhalten aus Europa für die wenigen noch verbleibenden Jahre ausreichend viel Erdgas. Der Ausbau von Wind- und PV-Anlagen darf nicht erneut gebremst, sondern muss genauso wie der Ausbau der Übertragungsnetze zügig erfolgen. Verbunden mit dynamischen Stromtarifen für alle und einen Ausbau der Stromspeicherung lässt sich der Bedarf an Erdgas von Jahr zu Jahr weiter minimieren. Die Flächen für PV sind da: In Frankreich sehen wir immer mehr große Parkflächen von Unternehmen und Einkaufszentren mit Schatten spendenden Solardächern: Der überwiegende Anteil von Hausdächern und Balkonen kann mit PV-Modulen belegt und in Haushalten mit günstigen Batterien der Strombedarf zu einem wesentlichen Teil selbst erzeugt werden. An Land sollten wir schließlich beginnen, vor allem die ersten Windparks mit den neuesten sehr hohen Windrädern zu repowern. Neue Erschließungen von Erdöl und Erdgas sind unnötig und sollen nur die fossile Infrastruktur festigen helfen.

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Seit 2004 ist die DUH als klageberechtigte Verbraucherschutzorganisation anerkannt, seitdem eilt Ihnen der Ruf eines Abmahnvereins voraus.

Der Vorwurf eines Abmahngeschäfts kommt kontinuierlich nur von einer Branche, nämlich von der kriminellsten der 30 von uns kontrollierten Branchen, den Autokonzernen. Was wir kontrollieren, ist eine der vier Säulen der Klimapolitik der Europäischen Union, nämlich, dass der Verbraucher beim Kauf eines Autos eine ehrliche Information über die Klimawirksamkeit bekommt, also über Spritverbrauch, CO2- und weitere Abgasemissionen. Diese Verbraucherschutzvorschriften setzen wir durch. Vier von fünf Verstößen klären wir außergerichtlich. Die verbleibenden Fälle landen vor Gericht. Dass wir besonnen vorgehen, zeigt sich vielleicht auch darin, dass wir nur ein bis zwei Prozent der Klagen verlieren.

Sie sagen, die Behörden kämen ihrer Kontrollpflicht nicht nach.

Ich habe zu Beginn mein Team gebeten, jeden Fall den Marktüberwachungsbehörden zu melden und dem jeweils nachzugehen. Meine Leute haben mich nach einem Jahr bekniet, damit aufzuhören, weil die eigentlich zuständigen Behörden keinem einzigen Fall nachgegangen sind. Ein spektakulärer Fall: Vor über zehn Jahren wurde die neue Daimler S-Klasse bundesweit auf Plakaten mit falschen CO2-Werten beworben. Das war so dreist, dass wir eine einstweilige Verfügung erwirkt haben, die Daimler akzeptierte und damit auch eingestand. Es ist uns noch nicht einmal gelungen, die zuständige Behörde zu lokalisieren. Das Umweltministerium verwies auf die Stadt Stuttgart, und diese zurück aufs Umweltministerium. Man hat sich gegenseitig die Zuständigkeiten zugeschoben.

Wie ist das Verfahren dann zu Ende gegangen?

Natürlich war das Land und nicht die Stadt zuständig. Nach einem Jahr wurde das Bußgeldverfahren mit der mir mündlich mitgeteilten Begründung eingestellt: Wir wollen Daimler nicht verärgern, das ist ein wichtiger Arbeitgeber. Und bei dieser Weigerung der Behörden, Umwelt- und Verbrauchergesetze gegenüber den Diesel-Konzernen durchzusetzen, bleibt es bis heute. Es jährt sich gerade das zehnjährige Diesel-Gate-Jubiläum. Und bis heute wurde kein einziger Euro Bußgeld von den Herstellern wegen der nicht funktionierenden Abgasreinigung verlangt – möglich sind 5.000 Euro Bußgeld pro betroffenem Fahrzeug. Und es genügt den Dieselkonzernen nicht, die Behörden auszuschalten: Mit dem Vorwurf, wir wären ein Abmahnverein, werden wir auch noch diskreditiert. Dabei hat selbst der Bundesgerichtshof in einer Grundsatzentscheidung bestätigt, dass die Deutsche Umwelthilfe korrekt kontrolliere und Art und Umfang auch deshalb angemessen sei, da die Behörden ihrer Überwachungsaufgabe nicht nachkämen.

Zwei letzte Fragen: Sie befinden sich ja ständig in öffentlichen Konflikten. Inwiefern gibt es Zuspruch und Dank für Ihre Arbeit? Und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie mal wieder ein Bier mit Winfried Kretschmann trinken?

Es wird Sie vielleicht überraschen: Aber nur einen kleinen Teil meiner Arbeitszeit muss ich auf rechtliche Auseinandersetzungen verwenden. Gemeinsam mit unserem engagierten DUH-Team arbeiten wir an positiven Themen: Wir wollen mehr Schmetterlinge durch weniger Pestizide, wir kämpfen für einen zuverlässigen Zugverkehr. Und manchmal kommt der Zuspruch sogar von überraschender Seite: Vor über 30 Jahren veranstaltete ich eine Sonderzugfahrt zwischen Radolfzell und Friedrichshafen am Bodensee, um für die Elektrifizierung der Bodensee-Gürtelbahn zu werben. Der Bürgermeister von Uhldingen-Mühlhofen hat sich beim Stopp in seiner Gemeinde bei mir öffentlich dafür bedankt, dass ich einige Jahre zuvor durch eine Klage den Bau einer neuen Schiffslandestelle verhindert habe. Die dadurch ausgelöste Umplanung und der Verzicht auf einen brutalen Betonsteg passt viel besser zu diesem malerischen Ort mit seinen angrenzenden Pfahlbauten. Und ein weiteres Beispiel aus dem hohen Norden: Der Kieler OB hat sich bei einer gemeinsamen Bürgerversammlung zur Durchsetzung der Sauberen Luft dafür bedankt, dass wir ihn deswegen verklagt haben. Nur dadurch gelang es, viele Millionen an Fördermitteln für die Stärkung des ÖPNV in Kiel zu erhalten.

Natürlich gibt es Kritik und massiv Kampagnen der fossilen Industrie und der Pestizidkonzerne gegen uns. Tatsächlich überwiegen die tausenden positiven Rückmeldungen. Und diese geben mir die Kraft, damit fortzufahren. Beim Klimaschutz ist jedes Zehntel Grad weniger Erderwärmung wichtig. Und natürlich: Ich würde gerne nach dem Ende seiner Amtszeit im kommenden Frühjahr einen Cappuccino mit Winfried Kretschmann trinken und von ihm erfahren, wodurch er - wie kein anderer Ministerpräsident vor ihm – zum obersten Lobbyisten von Mercedes, Porsche & Co wurde.

Das Gespräch führte Benedikt Brüne.

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