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Energiewende von unten – Crowdfunding statt Bankkredit

Eines von unzähligen Beispielen für die Energiewende von unten: Eine von Studenten der TU Berlin selbstgebaute Kleinwindkraftanlage aus Holz  auf dem Tempelhofer Feld in Berlin – hier wurde das Geld über einen eigens gegründeten Verein und Sponsoren
Eines von unzähligen Beispielen für die Energiewende von unten: Eine von Studenten der TU Berlin selbstgebaute Kleinwindkraftanlage aus Holz auf dem Tempelhofer Feld in Berlin – hier wurde das Geld über einen eigens gegründeten Verein und Sponsoren gesammelt. (Foto: Lea Timmermann)

Energiewende selber machen – ohne Bank? Crowdfunding als Finanzierungsinstrument etabliert sich zunehmend, in verschiedensten Bereichen. Wird Crowdfunding auch für Investitionen bei den Erneuerbaren Energien zu einer Alternative zum Banken-Kredit? Bereits realisierte Projekte zeigen wie es geht.

20.01.2017 – Schon Ende November war es so weit. Viel früher als erwartet. 550.000 Euro hatten digitale Schwärmer für das Projekt Bürgerenergiepark Eberswalde gezeichnet. „Das Ding ging wie ein heißes Messer durch die Butter“, zeigt sich Wolfgang Kasten, Geschäftsführer der Biogas Lichterfelde Betriebs GmbH & Co KG, hocherfreut über das rasche, nur sieben Monate dauernde Geld-Einwerben. „Ich kann die Schwarmfinanzierung wirklich nur empfehlen“, so Kasten.

Mit dem Schwarmgeld kann der ostdeutsche Bioenergie-Produzent nun auf der 550 kW leistungsstarken Biogasanlage nebst Containertrocknung für Holzhackschnitzel, Torf, Rindenmulch und Getreide auf der Wärmestrecke den bisherigen Öl-Kessel durch einen neuen Gasmotor als Backup ersetzen. Außerdem wird eine neu zu installierende solare Freiflächen-Anlage den Eigenstrombedarf zukünftig abdecken. “All das zusammen hätte mir meine Hausbank nicht finanziert“, weiß Kasten, „zumal auch mein Kreditrahmen ausgereizt gewesen ist.“

Leih deiner Umwelt Geld!

Deshalb begann der Energiewirt sich für das Crowdfunding zu interessieren und fand schließlich bei den Mitarbeitern der Crowdfunding-Plattform „LeihDeinerUmweltGeld“ offene Ohren. „Nein, wir sind keine Bank“, stellt Frederik Schleunes richtig. „Wir sind technische Finanzdienstleister und Anbieter für die Abwicklung von Schwarmfinanzierungen“, erklärt der Mitarbeiter der CrowdDesk GmbH in Frankfurt, das 2011 an den Start ging und die Plattform „LeihDeinerUmweltGeld“ betreibt. Auf ihr können Interessierte Geld für nachhaltige Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien anlegen. Und zwar ab 100 Euro aufwärts bis maximal 10 000 Euro, jene vom Gesetzgeber erlaubte Obergrenze für Privatanleger, wie sie im Kleinanlegerschutzgesetz festgeschrieben ist.

„Die Mitarbeiter von CrowdDesk haben vor dem Beginn der Online-Einwerbe-Aktion sehr zielgerichtet unseren Betrieb begutachtet, die wirtschaftlichen Kennzahlen genau geprüft und unser Erweiterungskonzept kritisch durchleuchtet“, erzählt der 62-jährige Biogasproduzent Kasten über die Kooperation, „das ging alles zügig und professionell über die Bühne.“

Ohne Risiko geht‘s nicht

Neben dem Bioenergieprojekt in Eberswalde gibt es weitere Solar-, Biomasse-, Wind- und Energieeffizienz-Projekte, die auf der Plattform „LeihDeinerUmweltGeld“ detailliert vorgestellt und angeboten werden. Ungeschönt weist CrowdDesk darauf hin, dass es zu einem Totalausfall des eingesetzten Darlehens kommen kann, falls das investierende Unternehmen mit dem anvisierten Projekt in Insolvenz gehen sollte. Denn letztlich handelt es sich bei dieser Art von Beteiligung um das Finanzinstrument eines nachrangigen Darlehens, das zur Gruppe des Mezzanine-Kapitals gehört, also im Insolvenzfall im Rang hinter anderen Forderungen steht.

Transparenz und traumhafte Verzinsung

Das schreckt das Interesse potenzieller Kleinkreditgeber aber offenbar nicht ab, die sich von den guten Konditionen für die Kleinkredite angesprochen fühlen: Sieben Prozent Verzinsung bei einer Darlehenslaufzeit von neun Jahren. Alles in Allem: In der jetzigen Niedrigzinsphase muten solche Anlagebedingungen fast schlaraffenartig an. Wo erhält ein Kleinanleger bei sieben Prozent Verzinsung auch noch volle Transparenz ins Geschäftsgebaren des Unternehmens, in das er investiert? Beim Kauf einer VW-Aktie wohl kaum. Aber auch beim Crowdfunding wird den Geld suchenden Unternehmen nichts geschenkt. So behält die CrowdDesk GmbH für ihre Dienstleistungen einen im Voraus genau definierten Anteil ein. „Die Projekte, die wir auf unserer Plattform für eine Schwarmfinanzierung offerieren, müssen die den Anlegern versprochenen Renditen tatsächlich stemmen können“, unterstreicht Frederik Schleunes die Herangehensweise, „im Fall Eberswalde ist das eine risikoäquivalente Rendite“. Was Biogaserzeuger Kasten genauso sieht. „Meine Zinsbelastung durch die Schwarmfinanzierung liegt am Ende monatlich bei 7.000 Euro über neun Jahre hinweg, das ist mit unserem Konzept auf jeden Fall bezahlbar und machbar“, zeigt er sich optimistisch, dass er die zusätzliche Belastung neben der Rückzahlung des schon bestehenden Bankkredits auch bewältigen wird.

Interesse an Bürgerbeteiligung wächst rasant

„Crowdfunding ist ein wachsender Markt“, blickt Schleunes von der CrowdDesk GmbH, in dessen Beirat der ehemalige SPD-Finanzminister Hans Eichel sitzt, optimistisch in die Zukunft. „Unsere Dienstleistung wird verstärkt nachgefragt. Mit unserer Schwarmfinanzierung machen wir eine Bürgerbeteiligung ohne großen Verwaltungsaufwand möglich, zudem kam man damit eine ganz neue Form von Kundennähe entwickeln, wie sie für überregionale Energiegenossenschaften oder Stadtwerke interessant sein können.“

Erfolgsversprechendes Zukunftskonzept

Anscheinend geht das Konzept auf. Neben CrowdDesk gibt es für Schwarmfinanzierungen im Bereich der Erneuerbaren Energien mit ecoligo, crowdEner.gy, gridshare oder companisto eine Reihe von Anbietern - um nur einige zu nennen. „Crowdfunding eignet sich im gesetzlichen Rahmen von bis zu 2,5 Millionen Euro Investment hervorragend zur Finanzierung von Bürgerenergieprojekten. Zum anderen ist Crowdfunding derzeit sicherlich eine der transparentesten, wenn nicht gar die transparenteste Anlageform“, betont Christoph Sieciechowicz, Vorstandsmitglied im Deutschen Crowdsourcing Verband e. V. mit Sitz in Berlin, „Crowdfunding ist vom Gesetzgeber gesetzlich geregelt und regulatorisch von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beaufsichtigt, also ein Weißmarkt-Produkt“.

Neben der Transparenz gibt es für Sieciechowicz beim Crowdfunding noch einen Unterschied zu Beteiligungsmöglichkeiten, die in der klassischen Bankenwelt angeboten werden: „Den potenziellen Anleger drängt kein von zweistelligen Provisionen motivierter Vermittler zum Abschluss.“

Crowdfunding nicht auf jedes Projekt anwendbar

Auch der Bundesverband Erneuerbare Energie zeigt Sympathien für das durchaus neue Finanzierungsinstrument. „Crowdfunding und Crowdinvesting stellen gute Beteiligungsmöglichkeiten dar und sind ein vielversprechendes Instrument, um die Menschen – vor allem direkt vor Ort – in die Energiewende zu integrieren“, sagt Harald Uphoff, der derzeitige kommissarische Geschäftsführer. Allerdings schränkt Uphoff ein: „Sie werden die bislang gängigen Finanzierungsmodelle nicht ersetzen können. Dafür sind in den meisten Fällen die Finanzvolumina zu groß. Bei der Planung eines Windparks, um ein Beispiel zu nennen, geht es um Millionen Euro. Ich sehe nicht, wie die Geldbeträge und die Sicherheiten über Crowdfunding gestemmt werden sollen.“

Dagegen sieht Siechiechowicz keinen Antagonismus zwischen Banken und Crowdfunding heraufziehen. Er ist sogar der Überzeugung, dass viele Banken mittlerweile das Crowdfunding als positive Ergänzung im Finanzierungsmix eines Unternehmens betrachten würden: „Erneuerbare Energien und Crowdfunding – das passt zusammen.“ Dierk Jensen


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