Frau Gindele, wir haben in diesem Sommer eine beispiellose Dürre erlebt, mit großen Folgen für die Landwirtschaft, auch am Bodensee. Können Sie beziffern, wie hoch die Mindererträge für Ihren Gutsbetrieb ausfallen im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen Jahre?
Die Erträge sind von Fläche zu Fläche sehr unterschiedlich ausgefallen. Wir befinden uns in einem Endmoränengebiet und haben hier sehr humose, aber auch eher kiesige, sandige Böden. Teilweise waren die Erträge recht stabil, beispielsweise beim Winterraps, der schon früh, im August des vergangenen Jahres gesät und jetzt im Juli geerntet wurde. Da hatten wir sogar eine Ertragssteigerung. Wo das Ausgangsgestein viel Sand enthält und das Wasser nicht lange halten kann, waren die Ertragseinbußen größer. Der Sommerhafer zum Beispiel kam gar nicht gut mit dem Wetter zurecht, da hatten wir 20 Prozent weniger Ertrag. Im Schnitt lag die Einbuße bei den Wintergetreide-Kulturen bei rund zehn Prozent, bei den Sommerkulturen bei 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Das hält sich ja noch in Grenzen. Gerade beim Futtermittelanbau ist auf vielen Wiesen nach dem ersten Schnitt kaum noch Gras nachgewachsen.
Ja, wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen, auch weil wir selbst keine Tierhaltung haben. Eine Schäferei, mit der wir vor Ort kooperieren, weidet Kleegras und Zwischenfrüchte bei uns im Betrieb. Der Schäfer ist mit dem Futter immer noch hingekommen, auch wenn die Flächen zeitweilig sehr trocken aussahen und der Kleebestand nicht mehr gut war. Dann kam Ende August zum Glück ein wenig Regen, und es hat sich alles etwas erholt. Die Trockenheit insgesamt, auch jetzt wieder – bei eigentlich ja schönstem Herbstwetter – ist schon besonders. Unser Betrieb hat zwar weniger Ertrag bei permanent steigenden Kosten, und das schmälert das betriebswirtschaftliche Ergebnis. Ich sehe aber im Umfeld, dass die tierhaltenden Betriebe schon im ersten Schnitt teilweise 30 bis 40 Prozent weniger Grünfutter produziert haben. Wir konnten da aushelfen, indem wir den Mais, den wir bei uns in der Fruchtfolge haben, nicht zu Körnermais haben ausreifen lassen, sondern als Silomais geerntet haben. So hatten die tierhaltenden Betriebe eine zusätzliche Futtergrundlage für den Winter.
Das Land Baden-Württemberg hat vorübergehend den Katastrophenfall ausgerufen, wonach Bio-Bauern im Einzelfall konventionell erzeugtes Grünland- und Ackerfutter zukaufen und verfüttern dürfen.
Richtig, wobei man das differenziert betrachten muss. Die Politik hat auf der einen Seite sicher etwas Gutes getan und die Bandbreite, wo Biobetriebe einkaufen konnten, vergrößert. Am Ende war das dennoch nicht für jeden einzelnen Betrieb die absolute Rettung. Denn wenn beispielsweise ein milchproduzierender Biobetrieb im Schwarzwald, wo die Trockenheit ja extrem war, Gras oder Heu aus konventioneller Landwirtschaft zukauft, nimmt die Molkerei die Milch nicht mehr zum Bio-Preis ab. Dem Bio-Bauern bringt dies am Ende nur bedingt etwas.
Zu den Böden selbst, naiv gefragt: Wie lässt sich ein Ackerboden überhaupt bearbeiten, wenn wochenlang kein Regen fällt – außer ihn künstlich zu bewässern?
Na ja, bewässern konnten wir auch nicht, Stichwort Wasserentnahme-Verbot. Im Betrieb haben wir es dieses Jahr so gelöst, dass wir nach der Getreide-Ernte für die Aussaht der Zwischenfrüchte, die ja dem Erhalt der Vielfalt und Fruchtbarkeit im Boden und dem Erosionsschutz dienen, gänzlich darauf verzichtet haben, den Boden mit dem Grubber aufzulockern. Wir haben das versucht, und die Maschinen sind schon sehr stark. Aber es brauchte schon sehr viel Kraft, den Grubber in den Boden zu bekommen. Durch den Wind, den wir zusätzlich zur Trockenheit hatten, gab es zudem große Staubwolken, und man verliert den feinsten Boden. Wir haben die Zwischenfrüchte dann direkt gesät.
Inwiefern hat das geholfen?
Je tiefer man im Boden arbeitet, desto mehr Feuchtigkeit verliert man. Um das zu vermeiden, haben wir direkt gesät, mit einer Maschine, die auch in festen Boden hineinschneidet. Das hat ganz gut funktioniert, weil mit ein paar Litern Regen der Oberboden auch wieder feuchter wurde und die Zwischenfrüchte anfangen konnten zu wachsen. Das war aber ein Pokerspiel: Regnet’s, regnet’s nicht? Regnet’s genug? Wenn alles vertrocknet, hat man das Geld für das Saatgut umsonst ausgegeben. Auch wenn der Niederschlag gering war, hat er ausgereicht für eine gute Etablierung der Zwischenfrüchte.
Wie helfen Zwischenfrüchte den Böden konkret?
Pflanzen brauchen natürlich Wasser, erst einmal damit sie selbst leben können. Aber: Ein Boden wird mit Bewuchs per se kühler gehalten als ohne Bewuchs. Dadurch ist der Boden vor Verdunstung besser geschützt. Ein offener Boden ohne Bewuchs kommt in der Natur nie lange vor. Er versucht immer von selbst sich zu begrünen. Das steuern wir mit der Zwischenfrucht gezielt und unterstützend. So arbeiten wir mit den Prinzipien der Natur. Das macht regeneratives Wirtschaften aus. Wir schauen uns an: Wie löst die Natur die Probleme? Wir können nur mit der Natur wirtschaften, nicht gegen sie.
Viel zu wenig Wasser, viel zu viel Wasser, zu wenig Regenerationszeit zwischen diesen Extremen: Welche Instrumente helfen darüber hinaus, mit Trockenheit und Hitze besser umzugehen?
Eine hohe Relevanz hat die Pflanzung von Gehölzen. Auf unseren Äckern haben wir letztes Jahr beispielsweise Agroforst-Systeme angepflanzt. Am Anfang besteht die Herausforderung darin, die Bäume über die Trockenphasen zu bekommen, bis ihre Wurzeln tief genug sind. Im Sommer mussten wir die auch ein paar Mal bewässern. Aber jeder Baum, der gepflanzt wurde und angewachsen ist, trägt zur Verdunstungskühlung bei. Das kennen wir ja aus dem städtebaulichen Kontext. Und diesen Effekt bekommt man auch in der offenen Landschaft hin. Man kann eigentlich nicht genug Hecken und Bäume pflanzen.
Was können wir von der regenerativen Landwirtschaft noch lernen?
Grundsätzlich stellen wir uns immer die Frage: Welche Konsequenzen hat die Bewirtschaftung für den Bodenaufbau? Ist es dem Zustand des Bodens dienlich, verursache ich eine Verdichtung? Das ist nicht immer einfach. Ein Beispiel: Letztes Jahr war es sehr nass in der Ernte. Anfang August hatten wir in Salem 170 Liter Niederschlag. Um die Getreideernte zu retten, mussten wir die Flächen relativ schnell befahren. Das verursacht Verdichtungen und Sperrschichten im Boden. Deswegen ist es wesentlich, den Boden in einem guten Zustand zu halten, mit hohen Humusgehalten, der Wasser gut aufnimmt und puffert, wie ein Schwamm, und es langsam an die Pflanzen abgibt. Meiner Ansicht nach ist dies für die Landwirtschaft eine der wichtigsten Risikoversicherungen, die wir vor dem Hintergrund der Klimaextreme eingehen können. Je besser die Landschafts- und Bodenstruktur und der Bewuchs, desto besser ist der Wasserrückhalt in der Fläche und desto besser sind auch die Chancen für eine Neubildung von Grundwasser. Damit müssen wir uns als Gesellschaft sehr viel mehr beschäftigen.
Im Regenerate Forum haben Sie sich mit Unternehmen, Zertifizierungsstellen, Wissenschaftlerinnen, Kommunen und weiteren Akteuren zusammengeschlossen. Welche Vorteile schaffen Sie so auf dem Weg zur regenerativen Transformation?
Connect the unexpected – das ist, wenn man so will, unser Slogan. Die unterschiedlichen Welten zueinander zu bringen und zu vernetzen, das ist die Stärke des Forums. Etwa auf Gemeindeebene, wo wir Bürgerschaft und Landwirtschaft an einen Tisch bringen, oder im Landratsamt, wo verschiedenen Abteilungen durch einen von uns angestoßenen Prozess wieder miteinander sprechen. Wir leben ja zum Teil in ausgeprägt spezialisierten Welten. Uns geht es darum, ein Verständnis füreinander zu schaffen, eine Basis, die neue Energien ermöglicht.
Der Deutsche Bauernverband forderte schnelle Finanzhilfen, unter anderem mehr EU-Millionenhilfen für Düngemittel und Steuererleichterungen beim Diesel. Teilen Sie diese Forderungen?
Ich würde mir langfristigere Maßnahmen wünschen, die über den Zeithorizont einer Legislaturperiode hinaus gehen. Wir brauchen nicht die kleinen Tröpfchen, sondern müssen Ursachen betrachten und Lösungen entwickeln.
Wie ist Ihre Langfrist-Perspektive? Dass die Anzahl der Wetterextreme weiter steigt, davon müssen wir ja ausgehen?
Wir haben keine andere Wahl, als weiter die bestmöglichen Betriebskonzepte zu entwickeln, auch in Bezug auf den Bodenaufbau. Das heißt, Risiken auf verschiedene Standbeine zu verteilen, etwa über eine breitere Fruchtfolge. Wir können uns dem fragilen Wettersystem immer wieder neu anpassen. Wir Landwirte sind daran gewöhnt, morgens einen Plan zu haben und ihn mittags wieder zu ändern, weil das Wetter sich geändert hat.
Das Gespräch führte Benedikt Brüne.
Nicola Gindele ist Geschäftsführerin des Regenerate Forums, einer gemeinnützigen Organisation, die sich dafür einsetzt, Böden zu regenerieren, Höfe zu stärken und Landschaften wiederzubeleben – mit dem Bodenseeraum als Beispielregion. Seit 2021 arbeitet sie zudem als Referentin am Markgräflich Badischen Gutsbetrieb in Salem. Großen Wert legt der Betrieb auf den Erhalt der Kulturlandschaft und die Unterhaltung von Naturschutzflächen, Streuobstanlagen, Heckenstrukturen, Gewässerrandstreifen und den Salemer Klosterweiher als europäisches Vogelschutz- und Landschaftsschutzgebiet.



















































