Stickstoff reduzieren: Etwas weniger düngen reicht nicht

In Europa belastet zu viel Stickstoff die Umwelt. Die EU fordert weniger Düngemitteleinsatz, doch etwas weniger Düngen wird kaum ausreichen. Es braucht eine Strategie, die Umweltziele und Ernteerträge in Einklang bringt.
28.08.2025 – Europas Umwelt ist mit Stickstoff belastet. Stickstoff ist eigentlich ein Nährstoff für Pflanzen, Tiere und auch Menschen. Deshalb ist er der Hauptbestandteil synthetischer Düngemittel. Doch wie bei so vielen Dingen kommt es auf die Menge an.
Zu viel Stickstoff reduziert die Biodiversität und verunreinigt Luft, Grundwasser und Böden. In Gewässern führt dies zu Sauerstoffmangel und damit zu Fische- und Pflanzensterben, und auch zum Verschwinden bestimmter Pflanzenarten im Boden. Stickstoffdioxide tragen zur Feinstaubbelastung und Bildung von bodennahem Ozon bei, und das beim Düngen freigesetzte Lachgas (Distickstoffmonoxid) trägt als Treibhausgas direkt zur Klimakrise bei.
Es wird stickig
Zwischen den 1950er und den 1990er Jahren verdoppelten sich weltweite Ernteerträge durch den massenhaften Einsatz von Dünger zunächst. Auch heute steigt die Verwendung von Dünger pro Hektar weiter an, obwohl Erträge kaum noch steigen. In vielen Regionen wird zudem eine strukturarme Landwirtschaft mit Monokulturen und großen Flächen, ohne Hecken betrieben. Fruchtfolgen werden im Anbau nicht gewechselt, wodurch ein immer höherer Einsatz von Stickstoffen und Pestiziden notwendig wird.
Inzwischen gibt es deutlich zu viel Stickstoff in der Umwelt. Ablesen lässt sich das im Boden, denn dort lassen sich Stickstoffüberschüsse messen. Die Menge an Stickstoff, die dem Boden etwa über Kunstdünger oder Gülle zugeführt wird, abzüglich des Stickstoffs, der dem Boden etwa über das Pflanzenwachstum entzogen wird, ergibt den Stickstoffüberschuss. Ermittelt werden kann dies unter anderem durch sogenannte Stoffstrombilanzen. In diesen machen Agrarbetriebe transparent, welche Nährstoffe sie nutzen und in die Umwelt leiten. Die Bundesregierung hat die in Deutschland seit 2018 verpflichtende Erstellung von Stoffstrombilanzen allerdings erst kürzlich gekippt.
Weniger düngen
Die EU hatte in der Farm to Fork (F2F) Strategie im Rahmen des Green Deals ursprünglich das Ziel gesetzt, Nährstoffverluste bis 2030 mindestens zu halbieren. Die EU-Staaten sollten dafür 20 Prozent weniger chemischer Dünger einsetzen. Berechnungen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) zeigen jedoch, dass der einheitliche Düngeverzicht nicht ausreicht.
„Während der Stickstoffüberschuss bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts relativ gering war, nahm dieser nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich zu und erreichte durch den vermehrten Einsatz von Kunstdünger bis in die Mitte der 1980er Jahre Spitzenwerte“, sagt Masooma Batool, UFZ-Datenanalystin und Erstautorin sowohl des aktuellen Papers als auch einer entsprechenden Vorgängerstudie vor drei Jahren. Ende der 1980er Jahre sei der Stickstoffüberschuss dann merklich zurückgegangen – infolge der EU-Nitratrichtlinie, Reformen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) sowie wirtschaftlicher und politischer Veränderungen. Hinzu kamen technologische Fortschritte wie eine präzisere Düngung. Seit den 2010er Jahren verharre der Stickstoffüberschuss aber auf einem hohen Niveau.
Viel weniger düngen
Auf Grundlage der Stickstoffüberschüsse der Jahre 2015 bis 2019 kommt das Forschungsteam zu dem Schluss, dass eine Reduzierung des Einsatzes von mineralischem Dünger um mindestens 20 Prozent den Stickstoffüberschuss im Boden zwar reduziert. Anstatt der anvisierten Halbierung sei jedoch lediglich eine Reduktion um 10 bis 16 Prozent zu erwarten.
„Die landwirtschaftlichen Regionen Europas unterscheiden sich in der Flächennutzung, der Intensität des Stickstoffeinsatzes und den verwendeten Technologien. Deshalb bringt nach unseren Berechnungen eine einheitliche EU-weite Reduzierung des mineralischen Düngers, wie sie in der F2F-Strategie verankert ist, nicht das gewünschte Ergebnis“, erklärt Rohini Kumar, Co-Autor und UFZ-Hydrosystemmodellierer.
„Unseren Berechnungen zufolge müssten Deutschlands Landwirte dafür – die Anwendung moderner Technologien und Bewirtschaftungsmaßnahmen vorausgesetzt – den mineralischen Dünger um 20 Prozent und zusätzlich den Gülle-Einsatz um 50 Prozent senken“, sagt Masooma Batool. Modernisieren sie Technologien und Anbau nicht, müssten sie beispielsweise 67 Prozent weniger Gülle ausbringen. Allerdings brächte diese Reduktion auch Ertragseinbußen mit sich: bei modernen Technologien und Bewirtschaftungsmaßnahmen um 17 Prozent, bei den heutzutage gängigen um 25 Prozent. Es würden also weniger Lebens- und Futtermittel erwirtschaftet.
Nun liege es in der Hand der Politik, Strategien zu entwickeln, wie sich sowohl Umweltziele erreichen als auch eine ausreichende landwirtschaftliche Produktion sichern ließen, bilanziert Kumar. Wertvolle Ansätze finden sich in Strategien der konservierenden und ökologischen Landwirtschaft, die mit Zwischensaaten von Leguminosen den Einsatz von Dünger deutlich reduzieren kann, ohne Ernten einzubüßen. jb





















































