AckergifteEU will Pestizide zeitlich unbegrenzt zulassen

Nahaufnahme Sojabohnen-Pflanzen werden mit Pestizid besprüht
Eigentlich will die EU den Pestizideinsatz reduzieren – nun sollen viele unbegrenzt zugelassen werden (Bild: Getty Images / Unsplash+ Lizenz).

Eigentlich will die EU den Pestizideinsatz reduzieren – nun sollen viele zeitlich unbegrenzt zugelassen und nicht mehr überprüft werden. Experten und NGOs kritisieren den Vorstoß; ein Gutachten sieht das Vorhaben als unvereinbar mit EU-Recht.

10.02.2026 – Die EU-Kommission plant, regelmäßige Risikobewertungen für Ackergifte abzuschaffen. Viele Pestizide könnten so bald unbefristet genehmigt werden. Ein juristisches Gutachten im Auftrag von Umweltschutzorganisationen geht davon aus, dass das Vorhaben gegen EU-Schutzstandards verstößt. Experten bestätigen, dass der übermäßige Einsatz von Pestiziden Agrarflächen und Ökosysteme stark schädigt, und fordern eine Rückbesinnung auf das Ziel, weniger Pestizide einzusetzen. Pestizidmangel gibt es definitiv nicht, zeigt ein Faktencheck des BUND.

Die EU hat sich eigentlich zum Ziel gesetzt, Pestizideinsatz zu reduzieren

Erst vor wenigen Jahren hatte die EU sich zum Ziel gesetzt, weniger Pestizide einzusetzen. Im Rahmen der Farm to Fork-Strategie und des Green Deals sollte der Einsatz chemischer Pestizide bis 2030 halbiert werden. Damit wollte die EU das globale Ziel einer 50-prozentigen Reduktion des Pestizidrisikos bis 2030 umsetzen – ein zentraler Bestandteil des 2022 auf der UN-Biodiversitätskonferenz verabschiedeten Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (GBF). Der Gesetzesvorschlag zur Pestizidreduktion der EU-Kommission, SUR, scheiterte allerdings Anfang 2024.

Mit dem Food and Feed Safety Simplification-Omnibus-Gesetzpaket scheint die EU in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Bisher müssen Pestizidwirkstoffe regelmäßig überprüft werden, um in der EU weiter zugelassen zu bleiben. So wird unter anderem sichergestellt, dass die aktuelle Forschungslage zu Wirkstoffen berücksichtigt werden kann. Diese regemäßigen Prüfungen sollen mit dem Gesetz abgeschafft und zudem Fristen für den Einsatz verbotener Stoffe ausgeweitet werden.

EU-Kommission will Pestizid-Prüfungen abschaffen

Eine unbegrenzte Pestizid-Zulassung sei mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mit EU-Recht vereinbar, befindet ein von der Deutschen Umwelthilfe (DUH), ClientEarth, der Aurelia Stiftung, dem Deutschen Naturschutzring, foodwatch, dem Pestizid Aktions-Netzwerk und dem Umweltinstitut München in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hatte 2019 im sogenannten Blaise-Urteil klargestellt, dass bei Pflanzenschutzmitteln das Vorsorgeprinzip gelte, und ein hohes Gesundheitsschutzniveau sichergestellt werden müsse. Die Pflicht, den neuesten Stand der Wissenschaft zu berücksichtigen, wurde darin klar benannt. Weiterhin wird im Gutachten kritisiert, dass die Kommission den Gesetzvorschlag – wie schon bei der ‚Vereinfachung‘ der Nachhaltigkeitsregeln – im Schnellverfahren durchzubringen versucht. Sonst verpflichtende ordentliche Folgenabschätzungen und übliche demokratische Beteiligungsmöglichkeiten für öffentliche Akteuere wie Experten, Organisationen und Verbände im Rahmen einer öffentlichen Konsultation gab es nicht.

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"Das Omnibus-Gesetzespaket ist ein politischer Etikettenschwindel: Unter dem Deckmantel von Bürokratieabbau wird in der EU der Schutz von Mensch und Natur bei Pestiziden systematisch zurückgebaut“, warnt Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH.

„Mit diesem Omnibus-Gesetzespaket würde die EU-Kommission ein gefährliches Signal senden“, kritisiert auch Fabian Holzheid, Geschäftsführer am Umweltinstitut München. „Pestizide dürften dauerhaft auf dem Markt bleiben, selbst wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf erhebliche Risiken hinweisen. Das ist rechtswidrig und verantwortungslos. Ursula von der Leyen muss die Pläne zurückziehen – und die Bundesregierung darf ihnen nicht zustimmen.”

Rückstände von Giften auf Acker, Wiesen und Weiden

Pestizidrückstände in Böden haben einen deutlich negativen Einfluss auf die Biodiversität von Bodenorganismen. Das zeigt eine in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie, in der 373 Bodenproben aus unterschiedlich genutzten landwirtschaftlichen Flächen in 26 Ländern der Europäischen Union analysiert wurden. Die Rückstände der Pflanzenschutzmittel veränderten unter anderem Prozesse des Phosphor- und Stickstoffkreislaufs und griffen damit in entscheidende Nährstoffkreisläufe des Bodenbioms ein.

Untersucht wurde, wie sich die Wirkstoffe, Zwischen- und Abbauprodukte von 118 derzeit eingesetzten Pestizide auf die biologische Vielfalt von Bodenlebewesen wie Bakterien, Fadenwürmern und Pilzen auswirken. Dabei wurden Rückstände von 63 unterschiedlichen Pflanzenschutzmitteln nachgewiesen. Am häufigsten fanden sie Aminomethylphosphonsäure (AMPA), ein Abbauprodukt des Herbizids Glyphosat. Zehn der gefundenen Pestizide waren zum Zeitpunkt der Probensammlung im Jahr 2018 in der EU nicht mehr zugelassen.

„Dass die EU-Kommission nun auch noch Pflanzenschutzmittel unbegrenzt zulassen will, ist der falsche Schritt zum falschen Zeitpunkt. Stattdessen sollte die Agrarpolitik endlich anerkennen, dass Vielfalt statt Einfalt der Weg in eine nachhaltige Zukunft ist“, kommentiert Christoph Scherber, Stellvertretender Generaldirektor Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels, Bonn, und Professor für Biodiversitätsmonitoring, Universität Bonn. „Landwirte und Landwirtinnen haben das schon längst verstanden – sie setzen zum Beispiel Blühstreifen, Lerchenfenster und Mischkulturen ein, und sind damit der Politik um mindestens zehn Jahre voraus. Dass Biodiversitätsverlust die nationale Sicherheit bedrohen kann, hat vor einer Woche auch die britische Regierung in einem offiziellen Statement bekannt gegeben.“

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Gebraucht würde ein völlig anderes Forschungsprogramm und völlig andere Zulassungswege für Pflanzenschutzmittel, die Interaktionen zwischen Wirkstoffen, Akkumulation unter Freilandbedingungen und Wirkungen auf ‚echte‘ Tiere und Pflanzen im Feld, anstatt nur auf Modellorganismen untersuchten. „Wir brauchen genau das Gegenteil dessen, was die EU-Kommission gerade vorschlägt: Mehr und realistischere Pflanzenschutzmittel-Testungen im Feld und Studien zu den häufigsten Wirkstoffkombinationen in der EU-Landwirtschaft“, so Scherber.

Es mangelt nicht an Pestiziden

Die Pestizid-Industrie und deren Verbände behaupten derweil häufig, der Landwirtschaft mangele es an Wirkstoffen, was die Ernährungssicherheit bedrohe. Ein Faktencheck des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zeigt, dass diese Behauptung zumindest in Deutschland nicht zutrifft. Genehmigte Mittel hätten sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt, während die Anzahl zugelassener Wirkstoffe stabil geblieben sei. Für Pestizide, die vom Markt genommen wurden, sei in mehr als der Hälfte der Fälle schlicht kein neuer Antrag gestellt worden. Nur etwa ein Drittel der Stoffe sei verschwunden, weil sie nachträglich als zu schädlich für Mensch und Umwelt eingestuft wurden.

„Es gibt keinen Pestizidmangel, ganz im Gegenteil“, sagt Lars Neumeister, Pestizidexperte und Autor des Faktenchecks. „Es sind zu viele Pestizide und Pestizidanwendungen zugelassen. Dadurch gibt es falsche Anreize, die Industrie-Interessen folgen. Andere EU-Länder zeigen erfolgreich, wie gute Landwirtschaft mit deutlich weniger Pestiziden funktionieren kann.“

Pestizidverbote hätten auch nicht für Ertragseinbußen oder steigende Preise gesorgt. Der BUND fordert den Ausbau des Ökolandbaus, eine Verringerung des Pestizid-Einsatzes, das Verbot besonders gefährlicher Pestizide und die Zurückweisung des derzeitigen Gesetzesvorschlags der EU-Kommission, Pestizide zukünftig ohne zeitliche Begrenzung zuzulassen.

„Es fehlt an Anreizen für nachhaltige Alternativen wie Fruchtfolgen, Untersaaten und agrarökologische Systeme“, sagt Corinna Hölzel, BUND-Pestizidexpertin. „Statt die Abhängigkeit von chemischen Mitteln weiter zu fördern, sollte der integrierte Pflanzenschutz gestärkt werden.“ Pestizide müssten endlich die Ausnahme sein und nicht der Standard. jb

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