Herstellerverantwortung bei Textilien: Fossile Wegwerfmode eindämmen

Ein neues Textilgesetz soll Konzerne verpflichten, Entsorgung und Recycling ihrer Waren zu finanzieren. Um die fossilen Fast-Fashion-Müllberge einzudämmen, fordern Umweltverbände jedoch deutlich schärfere Regeln.
02.04.2026 – 180 Milliarden Kleidungsstücke werden weltweit jedes Jahr produziert. Das ist mehr als das Dreifache dessen, was zur Jahrtausendwende die Fabriken verließ – und es wird immer noch mehr. Ein neues Textilgesetz nach EU-Vorgaben soll nun mehr Verantwortung bei den Herstellern schaffen, um den meist fossilen Mode-Müllbergen Herr zu werden. Die Umweltverbände NABU, DUH und Greenpeace sowie die Fraktion der Grünen im Parlament kritisieren den Vorschlag aus dem Umweltministerium als unzureichend.
Hersteller sollen für den Lebenszyklus zahlen
Die Textilindustrie liegt europaweit auf Platz fünf der emissions- und rohstoffintensivsten Branchen. Rund 70 Prozent der Textilien bestehen aus fossilen Kunstfasern. In deutschen Kleiderschränken lagern schätzungsweise fünf Milliarden Kleidungsstücke, von denen rund 40 Prozent kaum oder gar nicht genutzt werden, zeigt eine Umfrage von Greenpeace. Kleidung ist zum Einwegprodukt geworden.
Mit dem Gesetzentwurf reagiert das Umweltministerium auf die novellierte EU-Abfallrahmenrichtlinie. Kern ist die Einführung einer Erweiterten Herstellerverantwortung (EPR). Diese besagt, dass wer Textilien in den Umlauf bringt, künftig für deren gesamten Lebenszyklus bezahlen muss, auch für die Sammlung und Verwertung entsorgter Stücke. Ziel ist, die Kosten für die Entsorgung von der Allgemeinheit auf die Verursacher zu verlagern. Ab dem 17. Juni 2027 sind Unternehmen verpflichtet, die Entsorgung zu finanzieren. Verbindlich gelten soll dies für alle Akteure in Deutschland ab April 2028.
Die Beiträge sollen an Ökodesign-Kriterien gekoppelt werden. Wer langlebige Mode produziert, zahlt weniger; wer auf billige Kunstfasern und Kurzlebigkeit setzt, mehr. Diese Ökomodulation soll Unternehmen dazu bewegen, bereits im Designprozess auf Abfallvermeidung und Recyclingfähigkeit zu achten.
Forderung nach echtem Kurswechsel
Umweltorganisationen kritisieren das Eckpunktepapier scharf. „Es ist vollkommen unklar, wie mit den Vorschlägen wirklich Abfall vermieden werden soll“, kommentiert NABU-Kreislaufwirtschaftsexpertin Anna Hanisch. Bleibe das Gesetz so unambitioniert wie das vorliegende Papier, werde sich in der Textilbranche kaum etwas ändern. Die DUH kritisiert, dass verbindliche Quoten für die Wiederverwendung und Abfallreduzierung fehlen. Basierend auf einem Rechtsgutachten fordert die DUH einen Transformationsfonds, der sich aus 20 Prozent der Herstellerbeiträge speist, um Reparatur- und Leihsysteme zu fördern.
„Die EPR-Beiträge der Hersteller müssen sich klar danach richten, wie umweltfreundlich ihre Produkte sind“, fordert Viola Wohlgemuth, Senior Expert Textil und Kreislaufwirtschaft der DUH. „Frankreich macht es mit einer Strafzahlung für klima- und umweltschädliche Fast-Fashion-Artikel längst vor, während für langlebige, reparierbare und gut recyclingfähige Kleidung weniger Beiträge gezahlt werden müssen. Onlineplattformen wie Shein, Temu und Amazon müssen außerdem für die Textilien haften, die über ihre Marktplätze verkauft werden. Die Anbieter können sich sonst weiter vor ihrer Verantwortung drücken. Wir haben das Recht auf ungefährliche und faire Mode.“
Auch Greenpeace plädiert für ein Anti-Fast-Fashion-Gesetz nach französischem Vorbild – inklusive Sonderabgabe auf Billigmode und Werbeverbot auf Social Media. Ein Rechtsgutachten vom November 2025 bestätigt, dass ein solches Verbot rechtlich möglich wäre. Diskutiert wird zudem eine progressive Gebührengestaltung, bei der die Kosten pro Stück mit der Gesamtmenge der produzierten Ware steigen.
Krise der Sammelstrukturen
Ein Kurswechsel beim Umgang mit Textilmüll ist dringend notwendig. In Deutschland wurden 2023 rund 175.000 Tonnen Textilabfälle gesammelt – das sind 55 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) warnt, dass kommunale Sammelstrukturen von minderwertiger Ware überflutet werden. Mit der seit Anfang 2025 EU-weit geltenden Pflicht zur getrennten Textilsammlung, bricht die Wirtschaftlichkeit weiter ein.
In Deutschland verstärkt sich derweil der Fast-Fashion-Trend. Hosen, Kleider und Mäntel werden heute doppelt bis viermal so schnell aussortiert wie noch vor zehn Jahren, stellte sich bei Greenpeace-Umfragen Ende vergangenen Jahres heraus. Ultra-Fast-Fashion-Giganten wie Shein, heizen derweil mit bis zu 9.000 neuen Designs täglich den Konsum weiter an.
Giftstoffe im Kleiderschrank
Hinter der Kleiderflut verbirgt sich auch ein erhebliches Gesundheitsproblem. Bei Stichproben stellte sich heraus, dass in rund 32 Prozent gefährliche Chemikalien wie Phthalate oder PFAS stecken, die teils 3000-fach über den europäischen REACH-Grenzwerten liegen. Die Ewigkeitschemikalien gefährden Arbeiter und Verbraucher, und belasten zudem über Waschgänge und Entsorgung dauerhaft die Umwelt, inklusive der Nahrungskette. Nachdem Greenpeace bereits vor einigen Monaten giftige Proben gemeldet hatte, kündigte das Unternehmen an, die giftige Produkte vom Europäischen Markt zu nehmen. Tatsächlich wurden nur die konkret beanstandeten Stücke entfernt, und diese erschienen anschließend auch noch unter einer anderen Bezeichnung erneut auf der Plattform, zeigt bereits der zweite Greenpeace-Report Schäm dich, Shein.
„Sheins Dreistigkeit ist erschütternd. Vor dem EU-Parlament verspricht der Konzern, Verbraucher:innen zu schützen – doch in Wahrheit verkauft Shein massiv belastete Produkte einfach weiter“, sagt Moritz Jäger-Roschko, Greenpeace-Experte für Kreislaufwirtschaft. Der Konzern entzieht sich bisher der Haftung über das sogenannte Direct-to-Consumer-Prinzip, ein Schlupfloch im EU-Chemikalienrecht. Da Shein die Ware direkt aus China an Verbraucher in der EU liefert, gelten die Käufer rechtlich als Importierende – und tragen formal die Verantwortung dafür, dass die Produkte den EU-Grenzwerten entsprechen. Shein warb zudem lange mit vagen Netto-Null-Versprechen – ohne die steigenden Emissionen des Konzerns und seiner Produkte zu adressieren. Nach einer erfolgreichen Greenwashing-Klage der DUH Anfang 2026 muss Shein die Behauptungen zukünftig unterlassen.
Die globale Müllhalde
Über 60 Prozent der in Deutschland gesammelten Altkleider landen im Ausland. Das bestätigte auch eine Greenpeace-Expedition zum Kantamanto-Markt, einem der größten Secondhand-Märkte der Welt, in Accra, Ghana 2023. Tonnenweise synthetische Textilien, die für den Wiederverkauf zu minderwertig sind, landen in Flüssen oder werden offen verbrannt. Dieser Export von Umweltproblemen von Plastik- bis zur Luftverschmutzung ist die direkte Folge des fossilen Fashion-Überkonsums.
„Fast Fashion steht für ein Wirtschaftssystem, das Ressourcen verheizt und Menschen im globalen Süden mit unserem Müll alleine lässt. Das muss ein Ende haben“, fordert Thilo Maack, Umweltexperte bei Greenpeace. „Hersteller müssen endlich für Überproduktion, Wegwerfmode und die Belastungen von Umwelt und Klima Verantwortung übernehmen."
Ob das neue Gesetz die Wende einleitet, wird von der finalen Ausgestaltung abhängen. Solange jedoch täglich 400.000 Pakete per Luftpost aus Fernost eintreffen, wird die textile Kreislaufwirtschaft wohl weiter eine politische Herausforderung bleiben.




















































