Globale Wasserkrise: Die Welt verbraucht zu viel Wasser

Flüsse versiegen, Grundwasser sinkt, Gletscher schmelzen. Ein Bericht warnt nun vor einer beginnenden Wasserinsolvenz – unumkehrbare Veränderungen des Wasserkreislaufs – und fordert eine bessere Bewirtschaftung, regional und weltweit.
26.01.2026 – Schon lange verbraucht die Menschheit weltweit mehr Wasser, als die Natur nachliefern kann. Ein Bericht des United Nations University Institute for Water, Environment, and Health spricht nun vom Beginn einer globalen Wasserinsolvenz — einem Zustand, in dem Flüsse, Seen, Grundwasser, Böden und Gletscher systematisch übernutzt und teilweise irreversibel geschädigt werden.
Rund drei Viertel der Weltbevölkerung leben heute in Ländern mit hoher oder kritischer Wasserunsicherheit. Milliarden Menschen haben keinen verlässlichen Zugang zu sauberem Trinkwasser oder sanitärer Versorgung. Gleichzeitig erlebt etwa die Hälfte der Menschheit jedes Jahr mindestens einen Monat mit akuter Wasserknappheit. Wasserstress ist damit kein regionales Problem, sondern ein globaler Normalzustand, der die menschliche Lebensgrundlage bedroht.
„Letztlich leihen wir uns das Wasser nur von der Natur“, merkt Thomas Riedel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, IWW Rheinisch-Westfälisches Institut für Wasserforschung, Mülheim an der Ruhr, zu der Metapher der Wasserinsolvenz an. „Die Frage ist, ob und in welchem Zustand wir es zurückgeben. Wenn wir es nicht oder nur in einem schlechten Zustand zurückgeben, ruinieren wir unsere wichtigste Lebensgrundlage.“
Flüsse versiegen und Seen schrumpfen
Besonders sichtbar wird die Krise an den Oberflächengewässern. Immer mehr große Flüsse erreichen das Meer nur noch zeitweise oder gar nicht mehr. Ökologische Mindestabflüsse werden unterschritten, und Seen verlieren weltweit an Volumen. Mehr als die Hälfte der großen Seen ist seit den 1990er-Jahren geschrumpft. Auch die gefrorenen Wasserreserven der Erde lösen sich auf. Seit 1970 ist weltweit mehr als ein Drittel der Gletschermasse verschwunden. In vielen Gebirgsregionen drohen Gletscher innerhalb weniger Jahrzehnte ganz zu verschwinden.
Noch drastischer ist der Verlust von Feuchtgebieten. Innerhalb von nur fünf Jahrzehnten ist weltweit eine Fläche fast so groß wie die Europäische Union verschwunden. Feuchtgebiete sind natürliche Wasserspeicher, Filter und Puffer gegen Dürren und Überschwemmungen.
Auch das Grundwasser ist betroffen: Rund 70 Prozent der großen Aquifere – Gesteinskörper mit Hohlräumen, die zur Leitung von Grundwasser geeignet sind – werden schneller geleert, als sie sich erneuern können. Grundwasser deckt heute etwa die Hälfte des weltweiten Trinkwasserbedarfs und über 40 Prozent der Bewässerung. Durch die Übernutzung sind in vielen Regionen der Boden um mehrere Zentimeter pro Jahr abgesunken, was Städte, Infrastruktur und landwirtschaftliche Flächen dauerhaft schädigen kann. Gleichzeitig geht wertvoller Speicherraum verloren — ein Prozess, der kaum rückgängig zu machen ist.
„Die planetare Grenze für Süßwasserveränderungen ist bereits seit längerer Zeit überschritten, da Veränderungen des Wasserhaushalts wie beispielsweise im Abfluss, der Bodenfeuchte und der Verdunstung in immer mehr Regionen – teils unumkehrbar – weit über die natürlichen hinausgehen“, kommentiert Dieter Gerten, Professor für Klimasystem und Wasserhaushalt im Globalen Wandel, Geografisches Institut, Humboldt-Universität Berlin. „Wir dürfen weltweit, in Europa und in Deutschland auch nicht der Versuchung unterliegen, kurzfristige Schwankungen oder Verbesserungen als Umkehr der Langzeittrends zu deuten.“
Landwirtschaft als Schlüssel und Risiko
Im Zentrum der Wasserkrise steht die Landwirtschaft. Rund 70 Prozent der globalen Süßwasserentnahmen fließen in die Nahrungsmittelproduktion. Mehr als 50 Prozent der weltweiten Lebensmittel werden in Regionen mit rückläufigen Wasserressourcen produziert, in denen gleichzeitig rund drei Milliarden Menschen leben.
Die Fähigkeit der Böden, Wasser zu speichern, nimmt durch Übernutzung und Klimawandel immer weiter ab. Degradierte Böden, Versalzung und fortschreitende Desertifikation sind die Folge. Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Flächen ist inzwischen geschädigt.
Die übermäßige Wasserentnahme, zerstörte Böden und die Folgen des Klimawandels verstärken sich zudem gegenseitig und führen immer häufiger zu Dürren und Überschwemmungen. Die wirtschaftlichen Schäden durch Dürren belaufen sich bereits auf hunderte Milliarden US-Dollar pro Jahr — mit besonders schweren Folgen für ärmere Regionen.
Der Anfang des Wasserbankrotts?
Die tatsächlich nutzbare Wassermenge schrumpft zusätzlich durch Verschmutzung aus Abwasser, Landwirtschaft, Industrie und Bergbau. In zahlreichen Regionen übersteigen Wasserrechte, Nutzungsansprüche und Entwicklungspläne längst die real verfügbaren Ressourcen. Im Bericht wird festgestellt, dass bestehende Wassermanagement-Ansätze nicht ausreichten, um die strukturelle Übernutzung und daraus resultierende irreversible Schäden aufzuhalten.
Viele Erkenntnisse des Berichts wurden bereits von vorangegangenen Studien belegt. Erst kürzlich zeigte etwa der jährliche Global Water Monitor entsprechende Veränderungen im Globalen Wassersystem. Den Begriff des Wasserbankrotts und eine Implikation globaler irreversibler Schäden sehen andere Experten jedoch teilweise kritisch.
„Der Report trägt eine stark pessimistische Botschaft in mehrfacher Hinsicht, ohne diese zu beweisen“, kommentiert Jörg Dietrich, Leiter der Forschungsgruppe Wasserressourcen am Institut für Hydrologie und Wasserwirtschaft an Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover. Ein vollständiges Scheitern, etwa von bestehenden Ansätzen nachhaltiger Wasserbewirtschaftung, sieht er so nicht.
„Für irreversibel gehaltene Veränderungen konnten vielerorts korrigiert werden. Aktuell wird viel an der Wiederherstellung von Feuchtgebieten gearbeitet. Da der Wasserkreislauf von der Natur angetrieben wird und die menschliche Seite steuerbar ist, sehe ich hier nicht so schwarz in die Zukunft. Es ist nicht wie mit dem Verlust der Biodiversität, der möglicherweise nie ausgeglichen werden kann. Beim Wassermanagement braucht es vielleicht keinen Neuanfang, sondern weiteres beständiges Arbeiten auf regionaler Ebene, um das Wassermanagement zu verbessern, den Wasserbedarf zu reduzieren und die Qualität des Wassers zu erhalten, flankiert von verstärkten globalen Bemühungen beispielsweise in der Erreichung der SDGs.“
Experten sind sich einig, dass der globalen Wasserkrise mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte und dringender Handlungsbedarf besteht, die Wasserbewirtschaftung regional und global zu verbessern. jb





















































