Heureka: Künstlicher Torf aus dem Schnellkochtopf

Gärtnerische Erden werden immer noch mit Torf angereichert, der nur aus trockengelegten Moorgebieten gewonnen werden kann. Jetzt hat das ATB Potsdam eine nachhaltige Alternative entwickelt, die den Raubbau an Ökosystemen beenden hilft.
29.12.2025 – Es muss wohl ein Heureka-Moment gewesen sein, als bei Nader Marzban eines Abends, als er Gemüse, Bohnen und Fleisch kochte, das Essen im Schnellkochtopf anbrannte. „Ich schaute mir die schwarzbraunen Rückstände an und dachte: ‘Könnte dieses teilweise verkohlte Material humusähnliche Eigenschaften haben?’“
Nader Marzban ist Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) in Potsdam. Zurück im Labor analysierte er das Material und stellte fest, dass es tatsächlich Huminstoffen ähnelte – mit noch intakten organischen Fasern. Er wiederholte das Experiment mit verschiedenen landwirtschaftlichen Rückständen, Biomassen und milden chemischen Zusatzstoffen. Die Ergebnisse waren verblüffend: Er hatte unter Niederdruckbedingungen künstlichen Torf synthetisiert und damit in nur wenigen Minuten die natürliche, Jahrtausende-benötigende Torfbildung nachgeahmt.
Mit der Unterstützung seiner Kollegen und Miterfinder Thomas Hoffmann und Ralf Pecenka, beides langjährige Experten mit umfangreicher Erfahrung und mehreren Pilotprojekten in der Faserproduktion, sowie der einzigartigen Forschungsinfrastruktur und Expertise am ATB, entwickelte Marzban den Ansatz weiter. Er skalierte ihn erfolgreich von kleinen Laborchargen zu einem kontinuierlich arbeitenden Prozess mit erheblichem Potenzial für größere Mengen an torfähnlichem Substrat pro Tag.
Inzwischen hat das Institut zwei Patente zur schnellen und skalierbaren Herstellung von künstlichem Torf eingereicht. Die angemeldeten Verfahren produzieren künstlichen Torf mit Eigenschaften, die denen von natürlichem Torf entsprechen – in nur 30 Minuten. Nader erklärt: „Wir können künstlichen Torf aus fast jedem organischen Ausgangsmaterial herstellen, darunter Biomasse wie Holz, Gräser, Blätter und Paludikulturpflanzen. Dieser Prozess erfordert Wasser, Druck und Temperaturen zwischen 70 und 120 Grad Celsius sowie eine geeignete Rezeptur für eine erfolgreiche Produktion."
Klimapositiv, pathogenfrei und wiederholbar
Der künstliche Torf ist ein wirksames und – aufgrund der Temperaturen und der Rezeptur für die Herstellung im Prozess – pathogenfreies Wachstumsmedium. Er ist klimapositiv, das heißt, er bindet große Mengen an Kohlenstoff. Selbst nach einmaliger Verwendung in Topfversuchen kann das Substrat recycelt, teilweise zersetzt und zu neuem, desinfiziertem Torfmaterial wiederaufbereitet werden – ein Konzept, das Marzban als "RePeat" bezeichnet.
Grundlage für ein neues Forschungsgebiet
„Künstlicher Torf verbindet die Kunst der Chemie mit der Technik“, sagt Marzban. „Er bietet eine Möglichkeit, natürlichen Torf zu ersetzen, Emissionen zu reduzieren und Biomasse zu recyceln, wodurch aus einem Haushaltsunfall eine globale Lösung wird. Mit diesen beiden Verfahren haben wir den Grundstein für weitere Forschungen und für die Entwicklung eines neuen Wissenschaftsbereichs gelegt. Die Produktion künstlichen Torfs könnte aufgrund seiner Skalierbarkeit und geringen Kosten bald die industrielle Produktion erreichen.“
Natürlicher Torf entsteht über Jahrtausende in wassergesättigten Mooren aus Pflanzenresten, die aufgrund des Sauerstoffmangels unvollständig zersetzt werden. Werden Moore trockengelegt, kommen die organischen Materialien in Verbindung mit Sauerstoff und setzen das in ihnen gebundenen Kohlenstoff frei. Deshalb sind trockengelegte Moore eine der größten Quellen von Kohlenstoffemissionen. Torf wurde jahrhundertelang abgebaut für verschiedene Zwecke, wurde unter anderem auch als Brennstoff, aktuell jedoch nur noch – jedoch in großen Mengen – als Substrat für gärtnerische Erden genutzt. pf


















































Kommentare
Wilfried Brandt vor 3 Wochen
Die Herstellung künstlicher Torfsubstrate ist bestimmt ein Fortschritt, aber es gibt schon seit Jahrhunderten Terrapreta, dass die Verwendung von Torfsubstraten überflüssig macht. Das sich Terrapreta quasi selbst erneuert kann es gerade bei Blumenkästen etc. Sinn machen. Dann entfällt auch der jährliche Austausch der Blumenerde, die dann regelmäßig im Müll landet. Dadurch entstehen nicht nur Kosten sondern auch unwiederbringliche Verluste an Biomasse