Arendsee in der Altmark: Mit Phosphor belasteter See bleibt vorerst sich selbst überlassen

Aufwändig wurde nach den Ursachen der Phosphorbelastung im Arendsee geforscht. Nun geht es darum, Abhilfe zu schaffen. Neben der Sanierung von Abwasserleitungen käme eine seeinterne chemische Fällung infrage – doch dafür gibt es keine Genehmigung.
27.08.2026 – Die Perle der Altmark – so wird der Arendsee im Altmarkkreis Salzwedel genannt. Tief und kreisrund, doppelt so groß wie der Berliner Wannsee zieht er Gäste zum Baden, Tauchen und Segeln an. Die Stadt Arendsee am Rande des Sees ist ein staatlich anerkannter Luftkurort.
Doch die Idylle trügt. Die Nährstoffkonzentrationen im Arendsee sind seit Jahrzehnten zu hoch. Die Folgen sind Sauerstoffmangel, Algenmassenentwicklungen, Verschwinden der Unterwasservegetation, Fischsterben und Badeverbote. Seit 2010 laufen die Anstrengungen, um die Ursachen der hohen Belastung zu finden und Abhilfe zu schaffen. Fachleute sind sich einig, dass zwei Maßnahmen kombiniert werden sollten: mit einer Sanierung der städtischen Abwasserleitungen die Nährstoffeinträge von außen mindern und parallel eine chemische Substanz – ein Fällmittel – in den See einbringen, damit der Phosphor im See ausgefällt wird und in kleinen Flocken in den Sedimenten am Boden verbleibt.
Dieser letztgenannten Maßnahme, der Fällung, verweigert die Untere Wasserbehörde des Altmarkkreises Salzwedel jedoch die Genehmigung. Sie macht ihre Zustimmung unter anderem davon abhängig, dass gleichzeitig auch die Ursachen bekämpft werden. Eine Entscheidung, die die Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) kritisch bewerten.
Zwar sei beides erforderlich – Sanierung und Restaurierung – aber die Maßnahmen müssten nicht zwingend gleichzeitig erfolgen, wie Michael Hupfer erklärt. Er forscht seit drei Jahrzehnten am Arendsee. Sein Argument: „Beschränkt man sich nur darauf, die Einträge über das Grundwasser zu reduzieren, würde es nach Abschluss der Maßnahmen mehrere Jahrzehnte dauern, bis der See wieder natürliche Nährstoffkonzentrationen erreicht. Grund dafür ist die lange Wassererneuerungszeit des Sees von mehr als 50 Jahren. Wenn der Phosphor mit einer Fällung schlagartig verringert wird, gewinnt man wertvolle Zeit für die Planung und Umsetzung von Sanierungsmaßnahmen.“ Sollten die Phosphoreinträge über das Grundwasser dauerhaft bestehen bleiben, müsste die Fällung – ähnlich wie beim Barleber See – nach 20 bis 30 Jahren wiederholt werden.
Auch Nichtstun birgt Risiken, etwa für die Kleine Maräne
„Die Argumentation des Altmarkkreises, dass ein Einsatz von Fällmittel ein unkalkulierbares Risiko für das Ökosystem darstelle, ist nicht nachvollziehbar, denn wir haben es hier mit einer erprobten Technik zu tun. Die Versagung der Fällung berücksichtigt nicht, dass auch ein Verzicht auf Maßnahmen erhebliche ökologische Risiken für den See birgt“, kritisiert IGB-Forscher Jörg Lewandowski.
Die Sauerstoffsituation im Tiefenwasser ist seit Jahren kritisch. Mit dem Klimawandel werden Massenentwicklungen von Algen häufiger auftreten, während der Lebensraum für Organismen, die Sauerstoff brauchen, weiter schrumpft. Das würde auch das Überleben der Kleinen Maräne im Arendsee gefährden. Der Bestand kann derzeit nur durch Besatz aufrechterhalten werden, da eine natürliche Fortpflanzung dieser Fischart wegen des Sauerstoffmangels im See unter heutigen Bedingungen kaum möglich ist.
Ursachen der Phosphorbelastung aufwändig untersucht
Als besonders aufwändig und schwierig erwies sich die Suche nach den Quellen der Nährstoffbelastung, was auch für die Wissenschaft zu einem überraschenden Ergebnis führte. IGB-Forscher Jörg Lewandowski erklärt: „Bevor wir mit unseren Untersuchungen begonnen haben, war man davon überzeugt, dass entweder Nährstoffe aus der Landwirtschaft oder nordische Gänse für die zu hohe Nährstoffbelastung verantwortlich sind.“ Beide Annahmen wurden im Rahmen der Untersuchungen widerlegt.
Inzwischen ist bekannt: Etwa die Hälfte des Phosphors gelangt über das Grundwasser aus dem Siedlungsbereich der Stadt in den See. Dieser Eintrag ist menschengemacht und nicht natürlichen Ursprungs. Sowohl die ehemalige Abwasserverrieselung als auch das ehemalige Düngemittellager im Bahnhofsbereich konnten aber als Verursacher ausgeschlossen werden. Als mögliche Quellen kommen stattdessen nicht ordnungsgemäß zurückgebaute Sickergruben, eine übermäßige Düngung in Privatgärten sowie undichte private oder öffentliche Kanalisation infrage. Jörg Lewandowski erläutert: „Wir konnten im Grundwasser neben Phosphor auch Chemikalien wie Süßstoffe und Arzneimittelrückstände nachweisen. Die können eigentlich nur aus undichter Abwasserkanalisation stammen.“
Phosphor-Reduktion ist essenziell für Klimaanpassung
Wie wissenschaftliche Untersuchungen an zahlreichen deutschen Seen zeigen, sind Seen mit einer niedrigeren Phosphorkonzentration widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels. Die Senkung der Phosphorkonzentration sei nach Ansicht von Michael Hupfer die beste Methode, um Seen auf den weiteren Klimawandel vorzubereiten.
Seit fünf Jahrzehnten werden daher nach Angaben des IGB weltweit Phosphorfällungen in Seen durchgeführt. Dabei wird ein Fällmittel in das Seewasser eingebracht, das den für Algen verfügbaren Phosphor chemisch bindet. Die entstehenden Flocken sinken auf den Seegrund lagern den Phosphor dauerhaft im Sediment ab. Wird die Methode fachgerecht angewandt, lassen sich ökologische Risiken minimieren. Der vom Landkreis befürchtete dauerhafte Verbleib des Fällprodukts im Sediment sei nicht nur unvermeidbar, sondern sogar erwünscht, weil das Fällprodukt dort weiteren Phosphor binden kann. Die Sorge vor einer späteren Rücklösung des Phosphors trifft nach Einschätzung der Wissenschaftler auf den Arendsee nicht zu.
Nichtstun ist keine Alternative
Die Menge des im Arendsee gesammelten Phosphors beträgt mehr als 25 Tonnen. Alternativen zur seeinternen Fällung gibt es – doch sie sind aufwändig und ebenfalls mit erheblichen Eingriffen verbunden. So könnten auch externe Reinigungsanlagen gebaut werden – doch dort würden ebenfalls Fällmittel eingesetzt. Um die Phosphor-Einträge aus dem Grundwasser zu verringern, könnten neben der Suche nach den Quellen und deren Sanierung sogenannte End-of-Pipe Technologien angewendet werden. Dabei würden entlang der betroffenen Uferabschnitte Grundwasserentnahmebrunnen installiert und betrieben. Die so entstandenen Absenkungstrichter würden kein anströmendes Grundwasser mehr zum See durchströmen lassen. Das geförderte Wasser müsste in einer technischen Phosphor-Eliminationsanlage (als Containerlösung verfügbar) oder naturbasiert in großflächigen Pflanzenkläranlagen behandelt und danach in den See eingeleitet werden.
Wissenschaftler Michael Hupfer hofft, dass die Verantwortlichen vor Ort den Ernst der Lage erkennen – denn Nichtstun und Verhindern seien keine Alternativen. pf






















































