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Nachhaltige LandwirtschaftPestizide stoppen nicht an Feldrändern

Traktor sprizt Pestizide auf Gemüsefeld
Große Mengen Pestizide gefährden die Gesundheit von Menschen und Umwelt (Bild: Getty Images / Unsplash+ Lizenz).

Sechs Umweltorganisationen appellieren an die Bundesregierung, den Einsatz von Pestiziden zu verringern und ökologische Landwirtschaft zu fördern – statt Programme zum Pflanzenschutz zu streichen.

07.11.2025 – Agrarumweltmaßnahmen werden auf EU-Ebene zunehmend zurückgerollt. Auch in Deutschland geht es rückwärts: Das Zukunftsprogramms Pflanzenschutz, für das rund 1,66 Millionen Euro vorgesehen waren, soll gestrichen werden. Sechs Umweltschutzverbände – der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft (BEL), die Deutsche Umwelthilfe (DUH), der Naturschutzbund Deutschland (NABU), das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany), und das Umweltinstitut München (UIM) – fordern von Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat Alois Rainer in einem offenen Brief Maßnahmen und Finanzierung zur Pestizidreduktion.

„Pestizide sind eine Gefahr für Mensch und Umwelt. Sie beschleunigen den Verlust von Artenvielfalt. Noch mehr Pestizide sind keine Lösung – sie schaffen nur neue Probleme. Wirkliche Antworten liegen in Agrarökologie und ökologischem Landbau. Deshalb fordern wir Minister Rainer auf, den Pestizideinsatz deutlich zu verringern und Bäuerinnen und Bauern dabei mit Beratung und Förderung zu unterstützen“, sagt Olaf Bandt, BUND-Vorsitzender.

Die europäische und deutsche Biodiversitätsstrategie sieht vor, bis 2030 das Risiko und den Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide um 50 Prozent zu verringern. Auch im Koalitionsvertrag ist vereinbart, “den Umfang und das Risiko beim Pflanzenschutzmitteleinsatz” zu reduzieren. Zudem seien sich Akteure der Zukunftskommission Landwirtschaft sowie in vielen anderen sektorübergreifenden Diskussionen einig, dass Biodiversität besser geschützt und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln spürbar reduziert werden müsse. Doch statt Fortschritt würden mühsam erzielte Kompromisse zurückgenommen, und Programme gestrichen, kritisieren die Verbände.

Pestizide gefährden die Gesundheit von Menschen und Umwelt

Der intensive Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide gefährde nicht nur die Gesundheit der Beschäftigten in der Landwirtschaft, sondern auch die Gesundheit der Anwohnerinnen und Anwohner. Werden in einem Gebiet Pestizide gespritzt, so breiten sie sich auch auf anliegende Flächen aus. Das können ökologisch bewirtschaftete Nachbarfelder sein, aber auch Wohngebiete – bis in Hausinnenräume –, und das Grundwasser. Dies ist so gut belegt, dass etwa die Parkinson-Krankheit inzwischen sogar als pestizidbedingte Berufskrankheit von Landwirten anerkannt ist.

„Pestizide stoppen nicht an Feldrändern“, sagt Anja Voß, Geschäftsführerin beim Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. „Über die Luft gelangen sie auch auf Bio-Flächen, und richten dort Millionenschäden an, die die Bio-Branche allein schultern muss. Damit bedrohen sie nicht nur Umwelt und Gesundheit, sondern auch den rückstandsfreien Anbau – und die Wahlfreiheit der Verbraucherinnen und Verbraucher.“

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Bürokratie oder Umweltschutz abbauen

Industrie und Agrarlobby zeigten zudem Bestrebungen, die Position des Umweltbundesamtes (UBA) im Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel zu schwächen. Derzeit ist die Zustimmung des UBA für die Zulassung eines Pflanzenschutzmittels erforderlich. Der Vorwurf, in Deutschland seien weniger Mittel zugelassen als in anderen Ländern, und Zulassungsprüfungen dauerten länger, sei jedoch nicht haltbar. Vielmehr habe der EU-Auditbericht von 2024 Deutschland ein „gut strukturiertes Zulassungsverfahren“ bescheinigt. In den Angriffen auf das UBA sehen die Verbände den Versuch, unter dem Vorwand des Bürokratieabbaus Umweltschutz abzubauen.

“Die Forderungen aus Industrie und Agrarlobby, das Umweltbundesamt bei der Zulassung von Pestiziden zu schwächen, sind nur die Spitze des Eisbergs: Unter dem Vorwand, Bürokratie abbauen zu wollen, werden derzeit wesentliche Errungenschaften des Umweltschutzes frontal angegriffen“, kritisiert Fabian Holzheid, Politischer Geschäftsführer des Umweltinstitut München. „Gerade in Zeiten vieler Umweltkrisen braucht es starke Behörden, die unabhängig prüfen und auf Basis hoher wissenschaftlicher Standards entscheiden. Das UBA leistet dafür unverzichtbare Arbeit und muss gestärkt und nicht entmachtet werden. Wohin ein von Lobbyinteressen getriebener Abbau von Regulierungen führt, zeigt ein Blick in die USA.”

Nachhaltige Landwirtschaft zeigt wie’s geht

Die EU hat ihre Umweltauflagen in Verbindung mit der GAP in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgeschraubt. Auch ein lange vorbereitetes Pestizidgesetz wurde auf den letzten Metern gekippt. Statt Pestiziden immer mehr Raum zu geben, sollte klima- und biodiversitätsfreundliches Wirtschaften belohnt und nachhaltige landwirtschaftliche Strategien wie zum Beispiel ökologische, regenerative und konservierende Landwirtschaft gestärkt werden.

„Chemisch-synthetische Pestizide sind ersetzbar“, sagt Susan Haffmans von PAN Germany. „Die (agrar)ökologische Landwirtschaft und die ehrgeizige Umsetzung des integrierten Pflanzenschutzes (IPM) zeigen, wie es geht und wo Unterstützung in Forschung und Praxis notwendig ist.“ Das Landwirtschaftsministerium müsse dafür konkrete und verbindliche Pestizidreduktionsziele festlegen und Anreize schaffen.

Die Verbände fordern ein klares Bekenntnis zum Pestizid-Reduktionsziel der Farm-to-Fork-Strategie von 50 Prozent bis 2030, den verbindlichen Einsatz für die Verringerung des Pestizideinsatzes im Sinne des Koalitionsvertrags inklusive der Sicherung der notwendigen finanziellen Mittel, und eine Absichtserklärung des Ministers, die Stellung des Umweltbundesamtes als Einvernehmensbehörde im Zulassungsprozess nicht zu schwächen. jb

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