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Naturschutztage Radolfzell 2026Quo vadis, Baden-Württemberg?

Blick in einen Saal mit sitzenden Menschen und eine Person auf der Bühne am Mikrofon, ein Poster mit Aufschrift Naturschutztage 2026 in Radolfzell am Bodensee
Die Naturschutztage 2026 in Radolfzell am Bodensee setzten ein Zeichen zur bevorstehenden Landtagswahl am 8. März in Baden-Württemberg. (Foto: © NABU / Frank Müller)

Bei den Naturschutztagen in Radolfzell am Bodensee wirft die Landtagswahl am 8. März ihre Schatten voraus. Viele fragen sich: Wird die erste Regierung nach Kretschmann die Kraft haben, den Natur- und Artenschutz weiter finanziell zu unterstützen?

10.01.2026 – Grüne Kreuze am Wegesrand und an den Hofeinfahrten in Oberschwaben, am Bodensee und vielen weiteren Regionen Baden-Württembergs und Bayerns: Wer vor sechs, sieben Jahren durchs Ländle fuhr, konnte den Protest der Landwirte gegen ein Verbot von Pestiziden und gegen mehr Schutz für die Artenvielfalt kaum übersehen.

Den Besuchern der Naturschutztage ist dies gut in Erinnerung geblieben: Der Süden war damals schwer in Aufruhr. Mehrere Erhebungen hatten einen herben Verlust der Insektenmasse und -arten konstatiert – unter anderem die viel zitierte Krefelder Studie aus dem Jahr 2017. Es gab ein Volksbegehren „Rettet die Bienen“ (2019), Naturschützer und Landwirte lieferten sich heftige Debatten. Am Ende einigte sich die grün-schwarze Koalition in Stuttgart auf weitreichende Ziele bis 2030 im Rahmen eines Biodiversitätsstärkungsgesetzes.

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Grüne Ära Kretschmann geht zu Ende

Nun wird am 8. März in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt. Die Ära von Winfried Kretschmann, bislang einziger grüner Ministerpräsident in Deutschland, geht zu Ende. Ob Cem Özdemir, in der Ampelregierung Bundeslandwirtschaftsminister, sein Nachfolger werden kann, lassen Umfragen trotz hoher persönlicher Beliebtheitswerte aktuell nicht erwarten. Er war als Diskussionsteilnehmer in Radolfzell angekündigt, sagte aber ebenso wie SPD-Chef Andreas Stoch ab.

Fünf Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes sind die Zeiten heute andere. Die rückläufige Wirtschaftsdynamik, der Ukraine-Krieg, Migrationsfragen: Vieles ist in der öffentlichen Debatte in den Vordergrund gerückt. Aber: „Die Klima- und Biodiversitätskrise ist nicht weg, nur weil irgendwo ein Krieg ist“, erklärte der Nabu-Landesvorsitzende Johannes Enssle. So wollten Nabu und BUND wissen: Wie ist die Halbzeitbilanz fünf Jahre nach der Verabschiedung des Gesetzespakets? Um die ambitionierten Ziele zu erreichen, habe die Landesregierung vielfältige Aktivitäten angestoßen, „allerdings in unterschiedlicher Intensität“, so Enssle. „Da sich die Landesregierung einer unabhängigen externen Evaluation selbst nicht stellen wollte, haben wir das als Verbände in Angriff genommen.“

Im Ergebnis zeigt der vom Saarbrückener Institut Ceval erarbeitete Umsetzungs-Check bei zwölf Themen ein wenig einheitliches Bild. Klar wurde aber: Einen Freifahrtschein bekäme eine neue Regierung von den beiden Verbänden nicht, setzte sie die Politik der vergangenen Jahre fort. Die Analyse zeige, dass sich das Land in vielen Bereichen auf den Weg gemacht habe, sagte BUND-Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch. „Es braucht an zentralen Stellen aber deutlich mehr Engagement, um die Ziele zu erreichen.“

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Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe e. V. (DUH)

Portraitbild Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe e. V. (DUH)

Die Ergebnisse beispielhaft und in Kürze

Ökolandbau: Bis 2030 soll laut Gesetz die Bioanbaufläche in Baden-Württemberg von 12 Prozent (2020) auf 40 Prozent anwachsen. Aktuell liegt der Wert bei 15 Prozent. Bleibt es bei dem Tempo, landet man 2030 bei gerade einmal 17,4 Prozent, so der Umsetzungs-Check.

Pflanzenschutzmittel: Das Gesetz fordert hier eine Reduktion bis 2030 um 40 bis 50 Prozent. Im untersuchten Zeitraum schwankt der Rückgang zwischen fünf und zwölf Prozent. Eine Fortsetzung des bisherigen Trends würde für 2030 eine Reduktion von nur 26 Prozent bedeuten.

Refugialflächen: Ein Zehntel der landwirtschaftlich genutzten Fläche soll Rückzugsraum für Tier- und Pflanzenarten des Offenlandes sein – sagt das Gesetz. Aktueller Stand: Beim Dauergrünland ist die Quote mit 15 Prozent übererfüllt. Drei Prozent im Ackerbau und zwei Prozent bei Sonderkulturen wie Obst, Wein oder Hopfen sind, so Enssle, „aber kein Anlass zur Freude“. Refugialflächen anzulegen, müsse für Landwirte attraktiver werden, etwa durch bessere Förderprämien.

Biotopverbund: Das Etappenziel, zehn Prozent der Offenlandfläche als Biotopverbundfläche auszuweisen, wurde 2023 mit 10,9 Prozent erreicht. Aber: Real ist dabei weniger als ein Prozent der Flächen neu hinzugekommen. Der Großteil wurde lediglich erstmalig erfasst. Im Gesetz verankert sind 15 Prozent bis 2030.

Funktionieren werde das nur, wenn der Landtag für die vom Umweltministerium eingeleitete Umsetzung weiter ausreichend Finanzmittel zur Verfügung stelle, appellierte Pilarsky-Grosch. So zeigte sich beim Schlagabtausch der Fachpolitiker im Radolfzeller Milchwerk: Die Gretchenfrage für den fortgesetzten Schutz der Biodiversität lautet: Ist die nächste Landesregierung bereit, dafür Geld auszugeben, oder will sie sparen? Raimund Haser. umweltpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, trat schon einmal auf die Bremse. Wenn die Finanzmittel für den Naturschutz in der Kretschmann-Ära von 30 auf 120 Millionen Euro vervierfacht wurden, könne die Lösung nicht bei 240 Millionen Euro liegen. Der Weg funktioniere nicht. „Mehr Geld bedeutet nicht gleich mehr Bio im Markt.“

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Naturschutz und Landwirtschaft nicht länger als Kulturkampf denken

Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) sagte, die Landesregierung habe mit dem Biodiversitätsstärkungsgesetz ein anreizbasiertes System geschaffen. Das bedeute, dass man Mittel zur Verfügung stellt, damit zum Beispiel Landwirte es sich leisten können, Refugialfächen im Ackerland und Obstbau zu realisieren. „Es darf jetzt keine Brüche geben, das fortzusetzen, was man angefangen hat“, so die Ministerin. Und sie appellierte an den Zusammenhalt und die Konsensfähigkeit der Akteure. „Naturschutz und Landwirtschaft als Kulturkampf zu denken – das muss jetzt aufhören.“ Benedikt Brüne

Die Naturschutztage in Radolfzell am westlichen Bodensee gelten als größtes Treffen von Naturschützern im deutschsprachigen Raum. Gemeinsame Veranstalter sind die baden-württembergischen Landesverbände von BUND und NABU. Ihr Angebot: mehr als 50 Fachvorträge, Workshops, Diskussionsrunden und Exkursionen in die Umgebung des Bodensees. Im Januar 2027 gibt es in Radolfzell etwas zu feiern: Dann finden die Naturschutztage zum 50. Mal statt.

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