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Agrar- und ErnährungsindustrieEine Handvoll Großkonzerne dominiert die Landwirtschaft

Traktor pflügt Feld im Winter
Jeweils vier Großkonzerne dominieren Handel, Saatgut und Pestizide. Der Konzernatlas 2026 zeigt, wie ihre Marktmacht faire Preise, Umwelt- und Klimaschutz ausbremst – und warum es klare Regeln gegen Konzernmacht braucht (Bild: Getty Images / Unsplash+ Lizenz).

Wenige Agrar- und Lebensmittelkonzerne kontrollieren Preise, Politik und Produktion. Ihre Marktmacht blockiert die Agrarwende, schadet Umwelt und Betrieben und verschärft soziale Ungleichheit, zeigt der Konzernatlas 2026.

09.01.2026 – Der Konzernatlas 2026 ist eine umfassende Analyse der strukturellen Dominanz großer Konzerne im globalen und deutschen Agrar- und Ernährungssystem, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und dem Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre.

„Eine zukunftsfähige Landwirtschaft braucht starke bäuerliche Betriebe – ob ökologisch oder konventionell wirtschaftend –, die mit Umwelt- und Klimaschutz ein verlässliches Einkommen erzielen können“, sagt Olaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. „Das Problem sind nicht die Höfe, sondern ein System, in dem wenige Konzerne Produktionsweisen und Preise diktieren und ökologische Folgekosten auslagern. Der Konzernatlas 2026 zeigt: Mit einer Agrarpolitik, die Umweltleistungen bezahlt, und klaren Regeln gegen Marktmacht lassen sich Natur schützen und Betriebe wirtschaftlich stärken."

Marktkonzentration in der Agrar- und Lebensmittelindustrie

Die Ungleichheit zwischen Erzeugerinnen, Verbraucherinnen und den profitorientierten Konzernen nimmt seit Jahren zu. Weltweit kontrollieren jeweils vier große Konzerne rund 61 Prozent des Pestizidmarkts, 56 Prozent des Saatgutmarkts und 43 Prozent des Marktes für Landmaschinen. In Deutschland dominieren vier große Handelsketten – Aldi, Edeka (mit Netto), Rewe (mit Penny) und die Schwarz-Gruppe (mit Lidl und Kaufland) – rund 88 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. 1995 lag der Anteil noch bei rund 55 Prozent.

Diese Konzentration hat weitreichende Folgen für Preisbildung und Agrarpolitik. Wenige große Player können Preise entlang der gesamten Wertschöpfungskette diktieren. Dies betrifft nicht nur die Preise von Betriebsmitteln wie Saatgut und Pestiziden, sondern auch die Endverbraucherpreise. Gleichzeitig geraten landwirtschaftliche Betriebe zunehmend unter wirtschaftlichen Druck und können teils kaum noch kostendeckende Preise erzielen.

„Je stärker sich Märkte konzentrieren, desto mehr profitieren in Krisenzeiten wenige große Konzerne, während bei vielen Agrarbetrieben kaum etwas ankommt“, warnt Imme Scholz, Vorständin der Heinrich-Böll-Stiftung. „Für Deutschland bestätigt das auch die Monopolkommission: In den vergangenen Jahren haben sich die Preisaufschläge zunehmend weg von der Landwirtschaft hin zur verarbeitenden Industrie und zum Lebensmitteleinzelhandel verlagert. Um Landwirt*innen, Arbeiter*innen und Verbraucher*innen besser zu schützen, braucht es eine unabhängige Preis- und Margenbeobachtungsstelle und ein konsequentes Vorgehen gegen unfaire Handelspraktiken – in Deutschland und auch entlang globaler Lieferketten.“

Lobbyieren gegen die Agrarwende

Die Großunternehmen nutzen zudem ihre wirtschaftliche Macht, um politische Entscheidungen zu beeinflussen und regulatorische Reformen zu verzögern oder abzuschwächen, etwa bei Umwelt- und Gesundheitsstandards.

Die derzeitigen Geschäftsmodelle in der Agrarindustrie fördern eine intensive Nutzung chemischer Mittel, die zum Verlust biologischer Vielfalt und zu einer höheren Belastung von Böden, Wasser und Luft beitragen. Neun große Agrar-Lobbyorganisationen gaben zwischen 2020 und 2023 mehr als 50 Millionen Euro aus, um eine 50-prozentige Pestizidreduktion im Rahmen der EU-Farm-to-Fork-Strategie zu verhindern. Mit Erfolg – der über Jahre ausgearbeitete Gesetzes-Entwurf scheiterte im EU-Parlament.

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Die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik ab 2028

Agrar- und Umweltschutzverbände kritisieren die Pläne für die GAP ab 2028. Die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Vereinfachungen seien ein Rückschritt für Umwelt-, Klima- und Tierschutz sowie ressourcenschonendes Wirtschaften.

„Die Macht weniger Agrarkonzerne sichert ihnen massiven politischen Einfluss“, betont auch Christian Russau, Vorstandsmitglied des Dachverbands Kritische Aktionärinnen und Aktionäre. „Das zeigte sich zuletzt bei der COP30 in Brasilien, wo sich Bayer und Co. durch Sponsoring der offiziellen ‚Agrizone‘ enorme Sichtbarkeit erkauft haben.“

Agrarkonzerne sollten weniger Sponsor, und mehr Objekt von Klimadebatten sein, denn Ernährungssysteme verursachen rund ein Drittel der weltweiten Treibhausgase. Die fünf größten Fleisch- und Molkereikonzerne lobbyieren etwa seit Jahren erfolgreich gegen umfangreichere Berichtspflichten über ihre Emissionen. Dabei stößt die Fleisch- und Milchwirtschaft ähnlich viel Methan aus wie die Öl- und Gasindustrie und auch die CO2-Emissionen sind mit denen großer Öl- und Gaskonzerne vergleichbar.

Konzerne bestimmen, was auf den Teller kommt

Die Profitinteressen der Konzerne sind weder mit Klima- und Umweltschutz, noch mit dem Ziel einer gesunden Ernährung vereinbar. Der Fokus auf nur wenige, oft optimierte Sorten macht die Ernährung einseitiger, während gleichzeitig Böden ausgelaugt werden und biologische Vielfalt verloren geht. Zucker- und fetthaltige Produkte können derweil besonders günstig hergestellt, und mit hohen Gewinnmargen verkauft werden. Die häufig hochverarbeiteten Produkte werden besonders an Kinder vermarktet, haben jedoch kaum positiven Nährwert.

Ernährungssysteme demokratisieren

Die Autoren und Herausgeber des Konzernatlas fordern eine Ernährungsdemokratie statt Konzernmacht: Ein gerechteres Ernährungssystem mit stärkerer kartellrechtliche Kontrolle, öffentlicher Preisbeobachtung, stärkeren Schutzmechanismen für kleinere Betriebe, öffentlichen Versorgungssystemen zur Preissicherung und der Stärkung regionaler, demokratisch organisierter Ernährungsmodelle. jb

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