Globale Ernährungswende: Weniger Fleisch schützt Klima und Gesundheit

Eine globale Umstellung auf mehr pflanzliche Kost könnte bis zu 15 Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr verhindern und das Klima entlasten. Eine Studie zeigt: Das Festhalten am aktuellen Fleischkonsum ist volkswirtschaftlich die teuerste Option.
23.07.2026 – Weniger Vieh, mehr Fläche, bessere Gesundheit: Die Planetary Health Diet der EAT-Lancet Kommission beschreibt, wie eine weiterwachsende Weltbevölkerung nachhaltig ernährt werden kann. Doppelt so viel Obst, Gemüse, Nüsse und Hülsenfrüchte machen den Großteil des Ernährungsmodells aus, nur etwa ein Viertel der heute verzehrten Menge an tierischen Produkten bleibt übrig. Die EAT-Lancet-Planetary-Health-Diet könnte weltweit jedes Jahr bis zu 15 Millionen vorzeitige Todesfälle vermeiden und Emissionen deutlich reduzieren.
Das derzeitige Ernährungssystem verursacht rund ein Drittel aller Treibhausgasemissionen. Die Hälfte der bewohnbaren Landfläche der Erde wird landwirtschaftlich genutzt, vor allem für Viehzucht und den Anbau von Tierfutter. Ein Drittel der produzierten Lebensmittel landet zudem auf dem Müll. Würden mehr Lebensmittel direkt genutzt und weniger Fleisch produziert, könnte der Flächenverbrauch hingegen deutlich reduziert werden.
Die Chancen einer solchen Transformation des globalen Ernährungssystems zeigt eine in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie der Cornell University, in Kooperation mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und dem Agricultural Model Intercomparison and Improvement Project. Das Forschungsteam vergleicht dabei mithilfe von zehn globalen Ernährungssystemmodellen zwei Zukunftsszenarien bis zum Jahr 2050. Gegenübergestellt wurden ein Business-as-usual-Szenario und ein Transformationsszenario mit gesunder Ernährung, effektiverer Flächennutzung und nur noch halb so viel Lebensmittelverschwendung.
Business-as-usual ist die teure Option
Geht es in Landwirtschaft und Ernährung weiter wie bisher, steigt die Anzahl an Tieren zur Fleischproduktion bis 2050 weiter an. Größere Anbauflächen und höhere Produktionsmengen bedeuten auch stärkere Umweltbelastungen, etwa durch Stickstoffdüngung und mehr Treibhausgasemissionen. Das ist nicht nur ungesund, sondern zieht auch hohe Folgekosten nach sich, schließt die Studie.
„Unsere Studie zeigt, dass die Fortsetzung des derzeitigen Kurses die teurere Option ist“, sagt Hermann Lotze-Campen, Leiter der Forschungsabteilung Klimaresilienz am PIK und Co-Autor der Studie. „Eine wachsende Weltbevölkerung bis 2050 mit gesunder Ernährung zu versorgen, würde den Gesamtwert der landwirtschaftlichen Produktion in etwa auf dem Niveau von 2020 halten und gleichzeitig die Umwelt- und Gesundheitskosten im Vergleich zu einem Business-as-usual-Szenario senken.“
Mehr Fläche, mehr Gemüse – weniger Vieh, weniger Treibhausgase
Sollte die weltweite Ernährung hingegen erfolgreich umgestellt werden, könnten die landwirtschaftliche Flächennutzung um sechs bis sieben Prozent im Vergleich zu 2020 sinken. Dabei würden rund zehn Prozent an Weideland frei werden – das entspricht 274 Millionen Hektar. Insgesamt könnte die landwirtschaftliche Produktion um fast ein Fünftel reduziert und damit auch der Abfall eingedämmt werden.
Ein deutlicher Rückgang wäre – wie zu erwarten und beabsichtigt – im Bereich der Viehwirtschaft zu erwarten. Die Zahl der Tiere, die zur Fleischproduktion gehalten werden, würde etwa auf das Niveau von Mitte der 1990er Jahre schrumpfen. Das entspricht einem Rückgang des Produktionswerts der Tierhaltung um 60 Prozent. Um 23 Prozent steigen würde der wirtschaftliche Produktionswert von Gemüse, Obst, Nüssen und Hülsenfrüchten.
Die Emissionen könnten im Vergleich bei einer Ernährungsumstellung bis 2050 um mehr als drei Viertel sinken. Auch Methan- und Lachgas-Emissionen aus der landwirtschaftlichen Produktion könnten um ein Drittel zurückgehen.
Politik muss den Wandel aktiv gestalten
Eine derart große Umstellung der westlichen Ernährung kommt nicht von allein. Vielmehr ist eine proaktive Agrar- und Ernährungspolitik nötig, um einen Wandel aktiv und fair zu gestalten, betonen die Autoren der Studie.
„Die Chancen für Umwelt und Gesundheit sind enorm. Gleichzeitig erfordert der Umgang mit den strukturellen Herausforderungen im Agrarsektor eine kohärente Ernährungs- und Agrarpolitik sowie einen Dialog, der alle relevanten Akteure einschließt“, sagt PIK-Wissenschaftlerin Felicitas Beier, ebenfalls Co-Autorin der Studie.
Zu ähnlichen Ergebnissen kam 2024 bereits eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Diese bestätigte, dass eine Ernährungs- und Landwende entlang der Planetary Health Diet auch eine wachsende Bevölkerung ohne steigende Emissionen ernähren könnte. Eine Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace zeigte ebenfalls, dass für die deutschen Umwelt- und Klimaschutzziele weniger tierische Produkte und mehr Pflanzen verzehrt werden müssen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat erst kürzlich ihre Empfehlung für eine gesunde und klimagerechte Ernährung angepasst und Mengen für Fleisch und Milchprodukte deutlich reduziert. Die Studien sind sich einig: Weniger Tiere und eine überwiegend pflanzliche Ernährung könnte die Klimakrise eindämmen und Böden, Biodiversität, und die menschliche Gesundheit verbessern.
Politik subventioniert das Gegenteil von dem, was nachhaltig und gesund wäre
Die Politik subventioniert derzeit das Gegenteil von dem, was nachhaltig und gesund wäre: Tierische Produkte werden im Vergleich mit Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten etc. künstlich verbilligt – auch, weil über 80 Prozent der EU-Agrarsubventionen in die Produktion von tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Milchprodukte und Eier fließen. Auf tierische Produkte gilt in Deutschland zudem ein vergünstigter Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent.
Ansätze einer Wende gab es zwar Anfang 2024 mit den Empfehlungen des Bürgerrats Ernährung, die die Expertenberichte in vielen Punkten aufnehmen. Seither geht es jedoch besonders in der Agrarpolitik wieder rückwärts. Mehr vom alten System, weniger Naturschutz in der GAP. Dazu stellte kürzlich auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) und der Wissenschaftliche Beirat für Biodiversität und Genetische Ressourcen (WBBGR) in einer gemeinsamen Stellungnahme klar: Eine intakte Natur ist kein Luxus, sondern die wirtschaftliche Existenzabsicherung für Höfe und Ernährungssicherheit. Eine gelungene Ernährungswende braucht Mut zu ordnungspolitischen Maßnahmen – von der Subventionsreform bis hin zu gezielten Anreizen für Erzeuger und Verbraucher. jb


















































