Internationale Umweltpolitik: Wieder keine Einigung auf globales Plastikabkommen

Auch in der Verlängerungsrunde konnte sich die Staatengemeinschaft nicht auf ein gemeinsames Abkommen zur Begrenzung von Plastikproduktion und -müll einigen. Experten sowie Umwelt- und Klimaschützer nennen den Ausgang eine ökologische Katastrophe.
18.08.2025 – Die Verhandlungen um ein globales Plastikabkommen sind erneut gescheitert. In Genf hatten rund 180 Länder über 10 Tage Maßnahmen verhandelt, um die Plastikverschmutzung einzudämmen. Ein rechtlich bindender Vertrag sollte Plastik von der Produktion bis zum Abfall regeln.
Fossiler Streit
Die Plastikproduktion wird vor allem von der fossilen Brennstoffindustrie vorangetrieben. Entsprechend stellen sich vor allem ölproduzierende Staaten wie Saudi-Arabien, der Iran und Russland gegen eine Einschränkung der Plastikflut.
Eine Gruppe von mehr als 100 ambitionierten Staaten, darunter Deutschland und die EU, setzen sich wiederum dafür ein, die Plastikproduktion zu begrenzen, Einwegplastik zu verbieten und Auflagen zu verabschieden, die Wiederverwendung und -verwertung ermöglichen.
“Die Auswirkungen der Plastikkrise werden weiterhin massiv unterschätzt. Eine Lösung wird konsequent von der Öl- und Gasindustrie blockiert. Um das Problem zu lösen, braucht es in Zukunft eine viel größere Aufmerksamkeit, auch auf höchster politischer Ebene“, sagt Moritz Jäger-Roschko, Plastikexperte von Greenpeace. „Trotzdem: Ein schwaches Abkommen wäre schlimmer als keines – es würde Stillstand als Fortschritt verkaufen. Oberste Priorität muss eine effektive Lösung der Krise sein. Kein fauler Kompromiss, der den Status quo zementiert und der fossilen Industrie erlaubt, weiter Kasse zu machen, indem sie die Welt mit Müll flutet.“ Ein wirksames Abkommen müsse klare Ansagen machen: Plastikproduktion reduzieren, gefährliche Chemikalien und unnötiges Einwegplastik verbieten, Mehrweg fördern und den globalen Süden fair bei den Kosten unterstützen.
Rückschlag für die internationale Umweltpolitik
„Das vorläufige Scheitern der Verhandlungen ist ein Rückschlag für die internationale Umweltpolitik – insbesondere angesichts der wissenschaftlich eindeutig belegten Dringlichkeit“, ordnet Aleke Stöfen-O'Brien, Assistenzprofessorin für Ocean Sustainability, Governance & Management, World Maritime University, Malmö, Schweden, ein, die in Genf vor Ort war. „Trotz jahrelanger Vorarbeit, breiter Datenlage und technischer Lösungsansätze konnte kein verbindlicher Konsens erzielt werden. Diese Entwicklung verdeutlicht die wachsende Kluft zwischen wissenschaftlicher Evidenz und geopolitischer Handlungsfähigkeit.“ Es bleibe zu hoffen, dass die inhaltlichen Fortschritte der letzten Jahre nicht verloren gingen, sondern in anderen Formaten oder in einem weiteren Treffen des Verhandlungskomitees weiterverfolgt werden würden.
Stöfen-O'Brien unterstreicht aber auch die Relevanz der Allianzen, die bei den Verhandlungen und deren Vorbereiten geschmiedet wurden. Trotz des ausgebliebenen Durchbruchs hätten die Verhandlungen eine bemerkenswerte internationale Mobilisierung ermöglicht. Die Convening Power des Prozesses habe starke wissenschaftliche, politische und zivilgesellschaftliche Netzwerke geschaffen, die weit über den Verhandlungstisch hinauswirkten. „Diese Allianzen bieten eine wertvolle Grundlage, um künftig noch koordinierter und wirksamer gegen Plastikverschmutzung vorzugehen. Solche Strukturen sind essenziell, um langfristig kohärente Lösungen zu entwickeln – unabhängig vom formalen Ausgang einzelner Vertragsprozesse.“
Die Welt versinkt in Plastik
In der Erde, im Wasser, auf Gletschern, in den Tiefseegräben der Meere ist Plastik zu finden. Die Produktion ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen und hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten verdoppelt. Prognosen der OECD zufolge wird sie sich bis 2050 erneut verdoppeln, und ein weiteres Mal bis 2060.
Zusammen wiegt alles Plastik, das jemals produziert wurde, schon heute mehr als doppelt so viel wie die Gesamtmasse aller Land- und Meerestiere. Über die Hälfte davon ist bereits zu Müll geworden. Dieser zersetzt sich über die Jahre zu Mikroplastik, dessen Bestandteile teils giftig sind und die Organismen über Nahrung, Luft oder Wasser aufnehmen.
Auch die petrochemische Produktion trägt zu Umweltverschmutzung bei und gefährdet die Gesundheit der Menschen vor Ort. Petrochemische Anlagen, die auch Stoffe für die Plastikproduktion herstellen, stoßen schädlicher Luftschadstoffe aus, die zu Atemwegserkrankungen und Krebs führen können. Für die Produktion von Plastik werden derzeit allein in Deutschland fast neun Millionen Tonnen an Öl und Gas pro Jahr verbraucht.
Wie es weitergeht
„Momentan zeichnet sich offensichtlich noch kein Appetit für eine ‚Koalition der Willigen' ab, die außerhalb des UN-Prozesses ein eigenes ambitioniertes Abkommen auf den Weg bringt“, sagt Melanie Bergmann, Meeresökologin und Senior Research Fellow in der Sektion Tiefsee-Ökologie und -Technologie, Fachbereich Biowissenschaften am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven, die ebenfalls in Genf vor Ort war. „Wir werden sehen, ob sich das in Zukunft ändern wird, wenn sich auch in einer weiteren Verhandlungsrunde vielleicht nichts bewegt.“
Die Verhandlungen in Genf waren bereits zusätzlich angesetzt worden, nachdem die ursprünglich finale Verhandlungsrunde im südkoreanischen Busan im Dezember 2024 gescheitert war. Mit dieser sechsten Runde endeten zehn Jahre Vorbereitung und drei Jahre an Verhandlungen über ein Plastikabkommen ohne Einigung. Ob es eine weitere Verhandlungsrunde geben wird, ist noch nicht klar. Möglich wäre auch ein neues Mandat der UNEP, die im Dezember auf der United Nations Environment Assembly erteilt werden könnte. jb




















































