TOP-THEMA
Europa







Foto: © Leuphana Universität Lüneburg

Nachgefragt 05.01.2026

„Wir brauchen intelligente Verschwendung“

Energiesparen, Verbrauchsreduktion? Nein, der Fußabdruck darf ein großer sein, wenn sich andere Lebewesen darüber freuen, sagt Michael Braungart, Erfinder des Cradle-to-Cradle-Prinzips. Wir müssen aber das Richtige tun, statt das ohnehin Falsche nachhaltig zu verlängern.

Michael Braungart ist Gründer des Umweltforschungs- und Beratungsinstituts Braungart Epea mit Hauptsitz in Hamburg sowie Professor für Cradle to Cradle & Öko-Effektivität an der Leuphana Universität Lüneburg.


Nachgefragt 05.01.2026

„Wir brauchen intelligente Verschwendung“

Energiesparen, Verbrauchsreduktion? Nein, der Fußabdruck darf ein großer sein, wenn sich andere Lebewesen darüber freuen, sagt Michael Braungart, Erfinder des Cradle-to-Cradle-Prinzips. Wir müssen aber das Richtige tun, statt das ohnehin Falsche nachhaltig zu verlängern.

Foto: © Leuphana Universität Lüneburg

Michael Braungart ist Gründer des Umweltforschungs- und Beratungsinstituts Braungart Epea mit Hauptsitz in Hamburg sowie Professor für Cradle to Cradle & Öko-Effektivität an der Leuphana Universität Lüneburg.



Herr Professor Braungart, 2025 wird wohl als Jahr in die Geschichte eingehen, in dem das Pariser 1,5-Grad-Klimaziel gerissen wurde. Welche Wünsche haben Sie für das Jahr 2026?

Na ja, wir reißen deshalb das 1,5-Grad-Ziel, weil es das falsche Ziel ist. Wir sollten das Ziel haben, im Jahr 2100 wieder den Gehalt an Treibhausgasen wie im Jahr 1900 zu haben. Unsere Städte, Unternehmen, wir alle möchten klimaneutral sein. Aber wir sagen ja auch nicht, ich bin kinderneutral oder demokratieneutral. Ein Baum ist auch nicht klimaneutral. Wir alle geben CO2 ab. Ich habe es mit meinen Studenten gemessen: Wenn ich schlafe, gebe ich im Jahr 168 Kilogramm Kohlendioxid ab. Wenn ich Sport mache, ist das über eine Tonne! Bedeutet: Mit „klimaneutral“ sage ich, es ist besser, ich wäre gar nicht da. Statt negativer Ziele brauchen wir andere Ziele, etwa indem wir sagen, wir möchten von 430 ppm auf 300 ppm zurückkommen. Dafür müssen wir als erstes den Boden wieder aufbauen. Der Kohlenstoff im Boden ist der Hauptkohlenstoff-Speicher.

Nach Ihrem Ansatz sollen Produkte nicht einfach nur weniger schädlich sein, sondern eine positive Wirkung entfalten. Wie kann dies gelingen?

Ich möchte, dass wir klimapositiv werden. Das heißt, wir sehen die Menschen als Chance und nicht als Belastung. Wenn wir die Menschen als Chance sehen, benehmen sie sich auch so. Wenn wir sie wie Abschaum behandeln, benehmen sie sich leider auch so. Wenn ich nur „Weniger-Schlecht“-Ziele formuliere, sind wir zu viele. Aber ich will doch gut sein für meine Kinder und nicht klimaneutral. Wenn wir denken, wir zerstören die Umwelt ein bisschen weniger, ist die Denkweise dahinter, dass wir eigentlich Schädlinge sind. Wenn Sie heute in eine Kindertagesstätte gehen, ist das erste Schimpfwort oft: „Du Opfer“, das zweite „Du Null“. Die Leute wollen aber nicht null sein.

Gemünzt auf das Thema Mobilität: Darf ich als Klimaschützer also nicht zurecht motiviert sein, emissionsfrei mit einem E-Fahrzeug zu fahren, auch wenn ich gleichzeitig Reifenabrieb und Umweltbelastung durch die Herstellung des Autos produziert habe?

Damit habe ich noch nichts für die Umwelt getan, ich zerstöre nur ein bisschen weniger. Auch das Auto wird ja hergestellt. Im Hotel steht: „Nutzen Sie Ihr Handtuch noch einmal für die Umwelt.“ Damit schütze ich die Umwelt doch nicht.

Welchen Hebel habe ich als denn als Verbraucher in der Hand, wenn ich nicht als Chemiker, Produkt-Designer oder Architekt im genannten Sinne nützliche Produkte kreieren kann? 

Ich sollte mich nicht immer in die Rolle des Verbrauchers stellen. Die meisten Dinge verbrauchen wir nicht. Ein Verbraucher hat immer etwas Rattenmäßiges an sich. Wir verbrauchen keine Waschmaschine und keinen Fernseher. Das Dumme ist, dass die Leute versuchen, alles ein bisschen zu machen. Es ist viel sinnvoller, sich auf wenige Dinge zu konzentrieren, die man wirklich ändern will. Wenn ich zum Beispiel in einem Elternbeirat bin, könnte ich sagen: Liebe Leute, Lehrer verlieren im Schnitt zwei Jahre Lebenserwartung durch den Lärm im Klassenzimmer. Also verwenden wir Teppich. Wir kaufen aber nicht den Teppichboden, sondern dessen Nutzung – zehn Jahre Fußbodenverpackungsversicherung sozusagen. Dann kann der Hersteller das beste Material nehmen, nicht das billigste. Wenn ich alles versuche, mache ich letztlich nichts. Wenn ich nur das mache, was meine Neigung und mein Interesse ist, mach ich es richtig, und andere können davon lernen. Ich war in einer Firma für Fahrbahnmarkierungen, die nie gefragt hat, was mit dem Abrieb ist. Wenn ich in Konstanz einen Zebrastreifen mit biologisch abbaubaren Farben mache, kann ich die ganze Welt verändern. Weil jeder fragt: Warum nicht bei uns? Dafür muss ich es aber richtig machen. Wenn ich vieles nicht richtig mache, mache ich es nur gründlicher falsch.

Beim Teppich sprachen Sie ein verändertes Geschäftsmodell an: Nicht das Produkt wird gekauft, sondern das Recht auf Verwendung. Was verändert sich dadurch?

Wir nehmen damit die Marktwirtschaft ernst: Derjenige, der den Gewinn hat, trägt auch das Risiko. Ich kaufe nicht die Waschmaschine, sondern den Nießbrauch für neun Jahre und zahle pro Waschgang. In der Waschmaschine gibt es einen Zähler. 90 Grad sind drei Punkte, 60 Grad zwei, 30 Grad ein Punkt. Dann waschen die Leute bei niedriger Temperatur und packen die Waschmaschine voll, denn sie zahlen pro Waschgang. Die nicht genutzten Waschgänge können sie auf die neue Maschine anrechnen. Eine Waschmaschine, die 30 Jahre hält, ist eine völlige Absurdität, weil die Innovation dann nie auf den Markt kommt, und ich muss 29 Jahre Plastikersatzteile vorhalten.

Also sind Optimierung und Langlebigkeit die falschen Kategorien?

Die Bundesrepublik stagniert durch die Nachhaltigkeit. Die wünsche ich mir sehr wohl für die Biosphäre: Ich möchte, dass es Löwen, Tiger, Elefanten gibt und Eichen und Buchen. Ich will aber doch nicht 50 Jahre den gleichen Fernseher oder 30 Jahre die gleiche Waschmaschine haben. Aber die EU macht mit ihrem Recht auf Reparatur genau das: Dann soll ich noch die Reparatur auf chinesischen Sondermüll bezahlen? Ich will ein Recht auf Intaktheit. Wir produzieren Leben auf tote Gegenstände. In der digitalen Welt brauche ich definierte Nutzungszeit, nicht Langlebigkeit.

Mehr zum Thema

Nachgefragt

Die Kirche zurück ins Dorf

Energiewende und Wirtschaftswachstum: Wie blickt der Postwachstumsökonom Nico Paech auf den energiepolitischen Kurswechsel von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche? Seine Antwort: Wir müssen runter vom Verbrauch – und zwar drastisch, nur dann habe die Energiewende eine Chance.

Prof. Dr. Niko Paech lehrt und forscht an der Universität Siegen im Bereich Plurale Ökonomik

Portraitbild Prof. Dr. Niko Paech

Wir brauchen demnach keine Genügsamkeit bei Konsum und Mobilität, wie die Wachstumskritik sagt, sondern die richtigen Produkte und Materialien?

Sie haben den Reifenabrieb angesprochen. Die Autoreifen halten heute doppelt so lang wie vor 30 Jahren. Wir haben es gemessen: 54 Prozent des Mikroplastiks in der Elbe ist Reifenabrieb. Er wird eingeatmet und gelangt in die Gewässer. Ich muss erreichen, dass sich Lebewesen über den Reifenabrieb freuen, wenn ich gefahren bin. Ich muss nützlich sein in dem, was ich tue. Wir brauchen intelligente Verschwendung – nicht anderen vorschreiben, was sie zu tun haben. Das macht die Menschen habgierig und feindselig.

Im Fall von Reifengummi wäre dann welches Material nützlich für die Natur?

Entscheidend ist, die Mechanismen zu verstehen, wie sich Kunststoffe abbauen lassen. Ich würde bei den Reifen nicht den Reifen verändern, sondern nur die Lauffläche, wie man das bei Traktoren auch macht. Dafür nehme ich ein Polymer, das sich biologisch abbaut, bei Reifen zum Beispiel die  Polyasparaginsäure. Die wird künstlich hergestellt, kommt aber von einem Naturstoff. Dann freue ich mich über den Abrieb, der da entsteht. Es gibt weitere Beispiele dafür, wie ich nützlich sein kann und nicht weniger schädlich.

Wenn wir 30 Prozent Polyester zur Bettwäsche dazu mischen, sagen die Nachhaltigkeitsleute: Das ist doch gut für die Umwelt, dann kann ich die Bettwäsche 200-mal statt 140-mal waschen! Dass ich die ganze Nacht im Bett mit mehr Textilabrieb schlafe und morgens wie in der Sauna aufwache, kümmert sie nicht. Ähnlich bei den Schuhen: Wir haben jährlich 110 Gramm Mikroplastik Abrieb pro Person. Dieser Abrieb muss als Nährstoff für andere Lebewesen geeignet sein. Es geht um Nährstoffe, nicht um null Abfall.

Wenn wir dies alles wissen: Wie weit sind wir beispielsweise in der Schuhbranche?

Wir haben 2015 mit einem Anbieter 116 Cradle-to-Cradle-Produkte gemacht. Dann kam ein Wechsel im Vorstand. Der Nachfolger hat den Ansatz dann wieder gestoppt. Warum? Weil die Leute Umweltthemen als Kostenfaktor sehen und nicht als echte Innovationschance. Wir sind in Deutschland überall hinterher, was Innovationen angeht. Dinge zu machen, die gut sind für die Gesundheit und für andere Lebewesen – das geht aber nicht mit Sparen, Verzichten, Vermeiden. Ich will einen großen Fußabdruck, der mal zu einem Feuchtgebiet wird, wo die anderen Lebewesen sich freuen, dass es mich gibt. Sonst sage ich jedem Kind, es ist besser, wenn Du nicht geboren wirst.

Mehr zum Thema

Menschengruppe, die nach oben winken
Gemeinwohlökonomie und Co

Wirtschaften ohne Verwüsten

Viel zu viele Rohstoffe, Vorprodukte und Energie werden regelrecht verschwendet, anstatt Ressourcen zu schonen und langlebige Produkte zu produzieren. Nachhaltiges Wirtschaften heißt das Gebot der Stunde. Gute Beispiele und Konzepte gibt es.

Viele fühlen sich ohnmächtig angesichts der Erderwärmung. Wie kommen wir da raus?

Wir brauchen ein positives Ziel: Wie kommen wir auf 300 ppm CO2 in der Atmosphäre zurück? Das müssen wir erreichen. Letztes Jahr hatten wir in Niedersachsen Überschwemmungen, und wir sagen gleich: Treibhauseffekt. Stimmt aber gar nicht. Wir haben eine Landwirtschaft, mit der wir den Kohlenstoff aus dem Boden entfernen. Wir brauchen ein Kohlenstoff-Management, nicht Energiesparen. In der Landwirtschaft findet eine systematische Dekarbonisierung des Bodens statt. Wegen der viel zu schweren Maschinen wird der Boden verdichtet, und er kann das Wasser nicht aufnehmen, hat keine Speicherfähigkeit mehr.

Es gibt ein tolles Buch von Florian Schwinn („Rettet den Boden“), da kann man das nachlesen. Ein anderes Beispiel: Wir haben in den 1970er-/80er-Jahren die Häuser mit Kupfer ausgestattet: Heizungsrohre, Wasserleitungen, Dachrinnen. Alles aus Kupfer. Jetzt denken die Chinesen, das sei ein Zeichen von Wohlstand. Wenn ich nur ein Haus im Westen ohne Kupfer baue, würde ich so viel mehr für den Klimaschutz tun. Und ich könnte alle inspirieren: Schaut mal, wir brauchen kein Kupfer – nicht aus ökologischem Mangel, sondern aus ökologischer Vernunft. Als ich ein Kind war, hatte Kupfererz 38 Kilo Kupfer pro Tonne, heute nur noch ein bis zwei Kilo pro Tonne. Es gibt in Hamburg eine Kupferhütte, die viermal mehr Müll produziert als der gesamte europäische Hausmüll.

Noch einmal zum Plastikmüll: Ist es eine Utopie, wenn ich frage: Wer um Himmels Willen schafft uns das Zeug wieder aus der Welt, aus den Ozeanen, Tieren und unseren Körpern?

Es braucht die Inspiration von uns als Elterngeneration, dass unsere Kinder nicht einfach das Bestehende replizieren und das Falsche optimieren. Und Mikroplastik ist tatsächlich die größte Gesundheitsbedrohung, die wir sehen. Sie finden das Zeug in jeder Körperzelle. Wir müssen dringend handeln, aber nicht indem wir weniger schädlich sind. Nützlich sein, das ist das Entscheidende.

Cradle to Cradle setzt sich durch, das habe ich selbst nicht gedacht. Ich war zum Beispiel in einer Spielzeugfirma in Süddeutschland. Da konnte ich zeigen, dass PVC unfruchtbar macht. Heute ist jeder neunte Mann steril, jede zehnte Frau braucht Tabletten für die Schilddrüse. Das hat dazu geführt, dass die Designer beschlossen haben, ab morgen kein PVC mehr zu verwenden. Dieses Jahr ist meine Weihnachtskarte biologisch abbaubar: eine Atemschutzmaske, für die ich die Blaupause und lange einen Partner gesucht habe. Ich schicke Ihnen eine zu.

Professor Braungart, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Benedikt Brüne.

Neuen Kommentar schreiben


Name: *
E-Mail: *
(wird nicht veröffentlicht)
Nicht ausfüllen!


Kommentar: *

max 2.000 Zeichen