Klimakrise trifft Kernkraft: Zu heiß für Atomenergie

Die Pegel sind zu niedrig und die Flüsse zu warm: In ganz Europa werden Atomkraftwerke gedrosselt. Europa braucht ein Energiesystem, das auch in der Klimakrise zuverlässig funktioniert.
10.08.2026 – Anhaltende Hitzeperioden und historische Niedrigwasserstände in europäischen Flüssen stellen die Atomkraftwerke vor ein Kühlwasserproblem. In mehreren Ländern mussten AKWs gedrosselt oder abgeschaltet werden.
Wenn Flüsse zu warm und Pegel zu niedrig werden
Kernkraftwerke benötigen große Mengen an Kühlwasser. Ein Kernkraftwerk wandelt nur etwa ein Drittel der erzeugten Wärme in Strom um; der Rest wird als Abwärme über Flüsse oder das Meer abgegeben. Warmes Wasser darf besonders in Hitzeperioden nicht unbegrenzt in Gewässer zurückgeleitet werden, da es die dortigen Ökosysteme zerstören würde.
Durch die Erwärmung sinkt der Sauerstoffgehalt im Wasser, während gleichzeitig der Sauerstoffbedarf etwa von Fischen steigt. Um die Ökosysteme vor Sauerstoffmangel und Überhitzung zu schützen, gelten etwa im Atomstromland Frankreich strenge Grenzwerte, bei dessen Überschreitung die Betreiber die Leistung von AKWs drosseln oder sie abschalten müssen. Zahlreiche Anlagen mussten deshalb in den vergangenen Wochen gedrosselt oder ganz abgeschaltet werden.
Niedrigwasser betrifft AKWs in ganz Europa
Ungarn hat nur ein Atomkraftwerk: Das AKW Paks deckt rund 40 Prozent des ungarischen Strombedarfs. Derzeit läuft nur noch eine der vier Reaktorblöcken, zwischenzeitlich drohte sogar eine vollständige Abschaltung. Zuvor war der Pegelstand der Donau auf einen Rekordtiefstand von minus 133 Zentimeter gesunken. Die Regierung bezeichnete die Situation als beispiellose Energiekrise und forderte Unternehmen sowie Haushalte zum Stromsparen auf. Der Schienengüterverkehr wurde teilweise eingeschränkt. Auch Rumänien leidet unter dem Niedrigwasser der Donau: Am AKW Cernavodă sprengte die Armee einen Felsen im Bett eines Donau-Arms, um mehr Kühlwasser umzuleiten. Unternehmen wie die Automobilhersteller Dacia und Ford unterbrachen zeitweise ihre Produktion.
Doch nicht nur die Donau führt zu wenig Wasser. In der Schweiz wurden beide Reaktorblöcke des AKW Beznau vom Netz genommen, nachdem die Aare eine Wassertemperatur von 25 Grad erreicht hatte. Im Atomstromland Frankreich stehen derweil drei Reaktoren still, weil Maas und Mosel Niedrigwasser führen.
Gefahr für die Netzstabilität
Das Atomstromland Frankreich bekommt die Folgen der Hitzewellen bereits seit einigen Jahren regelmäßig zu spüren. Frankreich deckt mehr als zwei Drittel seiner Stromnachfrage mit Atomstrom. Zwar betragen die Produktionsverluste durch Hitze im Jahresdurchschnitt laut einem Bericht des Rechnungshofes zur Atomkraft von 2023 meist unter ein Prozent. Doch extremen Hitzeperioden können die Leistung punktuell erheblich reduzieren. Im Juni und Juli 2026 sank die verfügbare Leistung zeitweise um acht bis neun Gigawatt. Dies entspricht bis zu einem Fünftel der gängigen Kernkraftleistung Frankreichs im Sommer.
Für die Netzstabilität sind diese Ausfälle allerdings auch relevant, wenn sie nur von kurzer Dauer sind. Der Strom in heißen Sommern kann in ganz Europa schnell deutlich teurer werden, weil etwa Gaskraftwerke einspringen müssen, um den fehlenden Strom zu erzeugen. So kletterte der Strompreis in Frankreich und Deutschland aufgrund der Drosselung französischer Atomkraftwerke Ende Juni kurzfristig auf den höchsten Stand seit Januar 2025. Im Sommer 2022 musste Frankreich sogar kurzfristig erhebliche Mengen an erneuerbarem Strom aus Deutschland importieren. Im schlimmsten Fall kann die Nachfrage das Netz überlasten.
Kritik an Europas Festhalten an der Atomkraft
Angesichts der zunehmenden Probleme durch die Klimakrise gibt es scharfe Kritik an Neubauten und Laufzeitverlängerungen. Die Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt fordert, Europa müsse ein Energiesystem aufbauen, das auch unter den Bedingungen der Klimakrise zuverlässig funktioniere, statt Milliarden in teure Atomprojekte zu investieren.
„Die Hitzewellen dieses Sommers zeigen, wie wenig klimaresilient Atomkraft ist“, sagt Bettina Ackermann von .ausgestrahlt. „Europa gehört zu den Hotspots der Klimakrise: Seit den 1980er Jahren hat sich der Kontinent etwa doppelt so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt. Hitzewellen, Dürren und Waldbrände nehmen zu, und damit auch die Probleme für den Betrieb von Atomkraftwerken. Trotzdem wollen zahlreiche Länder in Europa der Klimakrise ausgerechnet mit neuen Reaktoren und Laufzeitverlängerungen begegnen – und das mit Unterstützung aus Brüssel. Doch Atomkraft ist zu teuer, zu langsam und zudem immer stärker selbst von der Klimakrise betroffen. Europas Zukunft liegt im Ausbau der Erneuerbaren – kombiniert mit leistungsfähigen Netzen und Speichern. Es ist höchste Zeit für ein Energiesystem, das sicher und bezahlbar ist und auch in einer heißer werdenden Welt zuverlässig funktioniert.“ jb
























































