Industrielle Nachfrageflexibilität: 300 Milliarden Euro jährliche Einsparungen bis 2030

Energieintensive Industrien können flexiblen Stromverbrauch in einen strategischen Vorteil verwandeln – mit sinkenden Kosten, neuen Erlösen und einem stabileren Netz in ganz Europa.
06.07.2026 – Die Industrie ist für rund 35 Prozent des Stromverbrauchs in der EU verantwortlich, in Deutschland sogar für mehr als 40 Prozent. Damit ist sie ein entscheidender Hebel für die Integration erneuerbarer Erzeugung. Industrielle Nachfrageflexibilität (DSF) könnte die Abregelung Erneuerbarer Energien in der EU um mindestens 15,5 Terrawattstunden (TWh) oder 61 Prozent reduzieren und die Treibhausgasemissionen bis 2030 jährlich um rund 37,5 Millionen Tonnen senken, wie ein neues Whitepaper der Solar Promotion aufzeigt.
Zugleich ließen sich mindestens 60 Gigawatt (GW) an Spitzenlasterzeugungskapazität vermeiden, jährlich 2,7 Milliarden Euro an Systemkosten einsparen, die Netzausbaukosten um bis zu 29 Milliarden Euro pro Jahr verringern und Verbrauchern mit flexiblen Anlagen mehr als 71 Milliarden Euro an Einsparungen ermöglichen. Die systemweiten Einsparungen werden auf über 300 Milliarden Euro jährlich beziffert.
Potenziale nach Sektoren
Das Whitepaper, das anlässlich der The smarter E Europe veröffentlicht wurde, stützt sich maßgeblich auf eine Studie des europäischen Branchenverbandes smartEn „The Business Case for Flexibility Provision in Energy-Intensive Industries“, die fünf Sektoren untersucht: Stahl und Eisen, Aluminium, Papier, Glas und Zement. Das technische Potenzial ist erheblich, aber ungleich verteilt.
Elektrolichtbogenöfen in der Stahlerzeugung können im Chargenbetrieb eine Lastflexibilität von bis zu 80 Prozent erreichen, während sich die Hochtemperaturelektrolyse in der Aluminiumproduktion um bis zu 88 Prozent reduzieren lässt, allerdings mit erheblichen Opportunitätskosten von rund 550 Euro pro Megawattstunde (MWh). Zellstoff- und Papierwerke mit hybrider Dampferzeugung und Dampfspeichern können Flexibilität bis zu 1.400-mal pro Jahr aktivieren.
Im Zementsektor bieten Mahlprozesse eine Lastflexibilität von bis zu 75 Prozent mit über 900 jährlichen Aktivierungen, ermöglicht durch die Zwischenspeicherung des Materials. Die Glasproduktion ist stärker eingeschränkt: 5 bis 15 Prozent der Prozesslast lassen sich durch hybride Elektro-Gas-Beheizung verschieben.
Die jährlichen Erlöse aus der Bereitstellung von Flexibilität variieren stark je nach Sektor und reichen von rund 50.000 Euro pro Megawatt (MW) in der Stahlproduktion und 35.000 Euro pro MW im Aluminiumsektor bis zu 300.000 Euro pro MW in der Zementherstellung und 340.000 Euro pro MW in der Papierindustrie. Die besten Geschäftsmodelle entstehen dort, wo Materiallagerfähigkeit und häufige Aktivierungen zusammenkommen. Im Zementsektor können Flexibilitätserlöse die Kostenlücke für Dekarbonisierungsmaßnahmen um bis zu 85 Prozent schließen.
Michael Villa, Executive Director von smartEn, sieht darin einen grundlegenden Wandel: „Für energieintensive Industrien wie Stahl, Aluminium, Papier, Glas und Zement verwandelt DSF die Elektrifizierung von einer Herausforderung in einen Wettbewerbsvorteil: Flexibel elektrifizierte Prozesse unterstützen die Dekarbonisierung und erschließen zugleich neue Erlösquellen über marktbasierte Flexibilität, senken die Energiekosten und stärken die Widerstandsfähigkeit gegenüber Preisschwankungen.“
Praktische Umsetzung ist im Gange
Mehrere europäische Industriestandorte demonstrieren bereits tragfähige DSF-Geschäftsmodelle. Das Papierwerk von Sappi in Maastricht kombinierte 2025 einen 20-Megawatt (MW) -Elektrokessel mit seiner bestehenden KWK-Anlage, wodurch die Dampferzeugung innerhalb von fünf Minuten zwischen erneuerbarem Strom und Erdgas umgeschaltet werden kann. Die Investition von 6,5 Millionen Euro reduziert die CO₂-Emissionen jährlich um 22.000 Tonnen und generiert Erlöse am Regelenergiemarkt. Sappi bietet inzwischen anderen Unternehmen als Balancing Service Provider Zugang zum Markt für Sekundärregelleistung (SRL) an.
Im norddeutschen Neumünster nutzt der Kühllogistikbetrieb Peter Bade die KI-basierte Energiemanagementplattform von Encentive, um den Verbrauch in Zeiten günstiger Spotpreise oder hoher PV-Erzeugung zu verlagern. Der Stromverbrauch der Kälteanlage sank im ersten Quartal 2024 um 11,3 Prozent, was jährliche Einsparungen von 135 Megawattstunden (MWh) und 54 Tonnen CO₂ bedeutet. Die Netzentgelte gingen 2024 um 30 Prozent und 2025 um 44 Prozent zurück.
Am Hamburger Aluminium-Recyclingstandort von Speira ermöglicht ein 1,6-MW-Batteriespeicher, betrieben von Energy2market und EDF Renewables, Peak Shaving sowie die Teilnahme am Regelenergiemarkt und erbringt jährliche Kosteneinsparungen von über 100.000 Euro.
Eine entscheidende Rolle beim Zusammenführen solcher Anlagen zu netzdienlichen Ressourcen spielt Künstliche Intelligenz. Villa betont: „Unsere Mitglieder aggregieren bereits heute in Echtzeit Tausende industrieller Lasten mithilfe maschinellen Lernens, prognostizieren Netzstressereignisse Stunden im Voraus und disponieren Flexibilität schneller, als es jeder konventionelle Erzeuger könnte.“
Regulatorische und strukturelle Hürden
Trotz rund 70 EU-Regelungen in sechs Gesetzespaketen bleibt der Zugang zu Nachfrageflexibilität fragmentiert. Das Whitepaper fordert eine konsequente nationale Umsetzung der EU-Strommarktreform 2024/2025, die 15-Minuten-Handelsintervalle einführt und die Mitgliedstaaten verpflichtet, Ziele für nicht-fossile Flexibilität festzulegen.
Zentrale Empfehlungen umfassen die Gleichstellung von Demand Response mit Erzeugungsanlagen in allen Strommärkten, die Anerkennung des flexiblen Lastmanagements als Clean-Tech-Sektor, flexibilitätsorientierte Netzentgelte, einen Flexibility-First-Ansatz in der Netzplanung sowie den Abbau steuerlicher Privilegien für Gas. Strom ist in der EU derzeit im Durchschnitt 1,4-mal höher besteuert als Gas.
Auch Villa sieht hier den entscheidenden Engpass: „Jede regulatorische Hürde, die KI-gestützte Aggregation ausbremst, wirkt als direkte Bremse für die Energiewende. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die KI-aggregierte Flexibilität als vollwertige Netzressource anerkennen, Interoperabilitätsstandards vorschreiben und die Abrechnungsregeln an die Geschwindigkeit anpassen, mit der KI arbeitet."
Zu den technischen Voraussetzungen zählen ein diskriminierungsfreier Zugang zu Verbrauchsdaten, interoperable digitale Schnittstellen, transparente Netzkarten und EU-weite Netzcodes. Unternehmen müssen zudem ihre Produktionsplanung neu denken und Stillstände sowie Lastspitzen aktiv als wirtschaftliches Instrument einbeziehen. Insbesondere KMU benötigen Unterstützung bei der Identifikation flexibler Lasten und beim Zugang zu Aggregationsoptionen.
Notwendiger, aber nicht hinreichender Hebel
Das Whitepaper kommt zu dem Schluss, dass DSF allein den künftigen Flexibilitätsbedarf nicht decken wird. Ergänzende Technologien wie Großbatteriespeicher und bidirektional ladende Elektrofahrzeuge bleiben unverzichtbar. Angesichts hoher Energiepreise und verschärften internationalen Wettbewerbs ist die gezielte Förderung industrieller Flexibilität, neben dem Ausbau erneuerbarer Erzeugung, Speicher und Netze, entscheidend, um ein zuverlässiges, bezahlbares und nachhaltiges europäisches Energiesystem zu sichern, so das Fazit. Hans-Christoph Neidlein




















































