Herr Jakob, China dominiert den globalen und auch deutschen Markt bei Solarmodulen und Batterietechnologien. Wie konnten wir in eine solche Importabhängigkeit geraten?
China hat seine Vorteile an Verfügbarkeiten von Rohstoffen, Arbeitskräften und Industrien genutzt. Der Staat hat grüne Technologien auf allen Ebenen gezielt gefördert, sodass sie in großen Stückzahlen produzieren und auf dem globalen Markt eine Vorreiterrolle einnehmen konnten.
Auch Deutschland galt einmal als Vorreiter in der Solartechnik. Was lief hierzulande im Vergleich schief?
Es ist die Frage, ob wirklich etwas schiefgelaufen ist, oder das letztendlich ein natürlicher Technologiezyklus ist: Deutschland entwickelt als Innovationskraft neue Technologien und wenn diese Standardprodukte werden, dann findet die Massenfertigung woanders statt. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Die Welt profitiert ungemein, dass China Solarmodule in solch großer Stückzahl und so günstig produziert. Die Frage ist, ob dies hier auch möglich gewesen wäre, ohne erhebliche Subventionen und am Ende zu höheren Kosten. Es ist wichtig zu überlegen, wo es sinnvoll ist Technologien in Europa zu produzieren und wo wir stärker davon profitieren, Güter zu importieren.
Also doch weiter in Abhängigkeiten zu leben?
Abhängigkeiten zu überwinden, bedeutet nicht nur lokal zu produzieren, sondern auch seine Importe zu diversifizieren, sodass man am Ende importunabhängiger wird. Sollte also ein Handelspartner aus Gründen ausfallen, sollten wir ohne Probleme auf andere Handelspartner ausweichen können. Auch andere Länder produzieren Solarmodule und wir könnten die eigene Produktion wieder stärker ankurbeln. Importhemmnisse bei Solarmodulen würden zwar die Energiewende verlangsamen, aber nicht unsere Wirtschaft insgesamt gefährden. Anders sieht das bei kritischen Rohstoffen aus. Fehlt deren Import, stehen bei uns Fabriken still.
Sollten Deutschland und Europa jetzt im großen Stil wieder den Abbau eigener Rohstoffe vorantreiben?
In gewissem Umfang, ja, um eine Grundversorgung sicherzustellen. Auch Rohstoffe vorzuhalten ist ein gangbarer Weg. Bei gewissen Rohstoffen und auch Technologien eine Grundausstattung vorweisen zu können, ist strategisch gut und wichtig. Trotzdem sollte man sich in jedem Einzelfall anschauen, was langfristig der ökonomisch beste Weg ist.
Denkt die Politik weiterhin zu kurzfristig und hat sie nicht aus der fossilen Abhängigkeit Russlands gelernt?
Ich denke schon, dass die Energiekrise und Unterbrechung der Gasversorgung ein Aufwachmoment war. Mit dem RePowerEU Package wurde ja ganz klar vorgegeben, den Ausbau Erneuerbarer Energien voranzutreiben und die fossilen Importabhängigkeiten abzubauen. Dieser Weg hat natürlich neue Abhängigkeiten geschaffen. Aber auch denen begegnet die Europäische Union, etwa mit dem Net Zero Industry Act und dem Critical Raw Materials Act.
Es geht darum, die heimische Produktion Erneuerbarer Energien und Förderung von Rohstoffen in erheblichem Maße zu stärken, sowie weiterhin nötige Importe zu diversifizieren.
Mit gezielter staatlicher Förderung können sich sogenannte Technologie-Spillover und Agglomerationseffekte ergeben. So kann die Unterstützung bestimmter Industrien und Technologien positive Spillover-Effekte auf andere Industrien haben. Wenn also die Batterieproduktion gestärkt wird, kann sich das positiv auf die Automobilindustrie auswirken. Agglomerationseffekte gehen in eine ähnliche Richtung. Es bezeichnet die Zusammenballung von Industrien an bestimmten Standorten. So kann die Batterieproduktion an einem Standort viele weitere Industrien anziehen. Das fördert auch insgesamt die Innovationskraft in solchen Regionen. Die Automobilindustrie bleibt einer der wichtigsten Industriezweige in Deutschland. Hier die Batterieproduktion staatlich zu fördern, halte ich für durchaus geboten. Bei Solarmodulen hingegen sehe ich eine breitere Diversifizierung der Importe als elementar.
Zudem will die EU mit dem CBAM, dem CO2-Grenzausgleichsmechanismus, aus ihrer Sicht fairere Wettbewerbsbedingungen schaffen, indem sie fossile Importe mit zusätzlichen Zöllen belegt. Auf der kürzlich zu Ende gegangenen Weltklimakonferenz gab es aber deutliche Kritik anderer Staaten daran.
Grundsätzlich halte ich das Instrument für eine sehr wichtige Maßnahme. Es muss ein Level Playing Field geschaffen werden, dass europäische Produzenten trotz höherer Umweltauflagen kompetitiv sein können gegenüber Firmen aus dem Ausland, die mit CO2-intensivenTechnologien billiger produzieren. Wobei sicherlich in Bereichen noch nachgesteuert werden kann, wie etwa den Einbezug nachgelagerter Industrien. Oder dass Exporteure einen gewissen Rabatt bekommen, für CO2-Kosten, die sie in der EU zahlen. Insgesamt aber kann der CBAM nicht nur europäische Industrien wettbewerbsfähiger machen, sondern auch in anderen Ländern dazu anregen sauberer zu produzieren, damit sie zu geringeren Kosten in die EU liefern können.
Für China ist der afrikanische Kontinent schon lange gewichtiger Rohstofflieferant und Handelspartner bei grünen Technologien. Inzwischen nimmt auch Europa afrikanische Länder stärker ins Blickfeld. Kann hier der Aufbau grüner und fairer Handelsbeziehungen gelingen?
Der CBAM kann dafür ein gutes Grundgerüst bieten. Auch mit der Schaffung grüner Leitmärkte im Rahmen der Strategie der angedachten Clean Industrial Partnerships der EU, können Partnerschaften mit Ländern aufgebaut werden. Etwa indem für Stahl, mithilfe grünen Wasserstoffs hergestellt, ein höherer Preis gezahlt wird. Das wäre ein System nach dem sogenannten Zuckerbrot und Peitsche-Prinzip – einerseits hohe Emissionen bei der Produktion ausländischer Güter zu bestrafen und andererseits saubere Importe stärker zu belohnen.
Teil des Plans der EU für eine saubere Industrie ist es auch, die Kreislaufwirtschaft stärker zu fördern.
Das ist natürlich eine sehr offensichtliche Art, Abhängigkeiten zu verringern und zu vermeiden. Beim Stahl-Recycling etwa hängen Deutschland und Europa noch weit hinterher. In den USA etwa wird jetzt schon viel mehr Stahl recycelt. Auch bei kritischen Rohstoffen für Batterien kann 95 Prozent des Bedarfs recycelt werden. Man muss aber auch die Kosten im Blick haben. Alle Rohstoffe im Kreislauf zu halten, kann auf lange Sicht teurer werden als der Import.
Was aber auch an den sehr günstigen Importen liegt, da Rohstoffe zum Teil in Billiglohnländern abgebaut werden, mit Menschenrechtsverletzungen und Umweltschädigungen, oder?
Ein wichtiger Punkt, den man ebenfalls mit einer verstärkten Kreislaufwirtschaft adressieren würde. Und bei weiter bestehenden Importen ist es natürlich wichtig, dass das europäische Lieferkettengesetz künftig greift, dessen Abschwächung aber wiederholt Thema ist.
Wie lassen sich, neben einem Lieferkettengesetz und der Diversifizierung der Handelspartner, noch sichere Lieferketten gestalten?
Ein sehr relevanter Punkt ist es, eine gute Informationsgrundlage zu haben. Hierbei könnten Firmen verpflichtet werden, Informationen zu ihren Lieferketten bereitzustellen. Digital, zentral und transparent gespeichert, könnten die Daten genutzt werden, um etwa Stresstests durchzuführen. So wie es das Finanzsystem und ihre Banken regelmäßig machen. Dann würde sich konkret und bezogen auf einzelne Produkte zeigen, welche Maßnahmen für sichere Lieferketten zielführend sind.
Das Interview führte Manuel Grisard
Unter der Leitung von Michael Jakob, haben Forschende des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Kopernikus-Projekts Ariadne in einem neuen Report erstmals Zusammenhänge zwischen politischen Maßnahmen und spezifischen Marktversagen für saubere Energiegüter hergestellt: Importabhängigkeit bei sauberen Energiegütern – Marktversagen und Politikinstrumente




















































