Ökosysteme als WirtschaftsfaktorBiodiversität in der Kreditvergabe

Schweinekotelets werden auf einem Fließband in Plastikschalen verpackt
Die Lebensmittelindustrie hängt stark von funktionierenden Ökosystemen ab, aber nicht nur sie. (Foto: Getty Images für unsplash+ / Unsplash+ Lizenz)

Bei der Kreditvergabe kalkulieren Banken Risiken. Das ist Routine, es gibt Regeln und Erfahrungswerte. Doch zunehmend geschädigte Ökosysteme verursachen Unwägbarkeiten, für deren Einordnung Banken neue Bewertungsmuster brauchen.

20.04.2026 – Nahezu alle wirtschaftlichen Aktivitäten weltweit sind auf die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen angewiesen. Gleichzeitig bewirken menschliche Aktivitäten dessen Zerstörung. Banken und Biodiversität – warum hier ein Zusammenhang besteht, erschließt sich vielleicht nicht intuitiv.

Leiden Unternehmen unter finanziellen Einbußen aufgrund von degradierten Ökosystemen an ihren
Produktionsstätten oder entlang ihrer Lieferketten, schlägt sich dies auch in den Kreditrisiken der Finanzinstitute nieder. Laut einer Studie der EZB sind circa 72 Prozent der von Banken finanzierten Unternehmen im Euro-Gebiet hochgradig von mindestens einer Ökosystemleistung abhängig bzw.
75 Prozent der Unternehmens-Bankkredite (EZB 2023).

Schwindende Biodiversität wird zum Kreditrisiko

Hier wird in wenigen Zahlen ein Risiko beschrieben, das Banken bei Ihrer Kreditvergabe einpreisen müssen. Der sich verschlechternde Zustand der Biodiversität wirkt sich unmittelbar auf Kreditrisiken, Marktchancen und die langfristige Stabilität des Finanzsystems aus. Gleichzeitig sind Banken auch Akteure, deren Handeln erheblichen Einfluss auf Natur und Biodiversität hat. Die Finanzierung von Aktivitäten, die zu Flächenumwandlungen, Ressourcenübernutzung oder Umweltverschmutzung führen, trägt indirekt zu negativen Auswirkungen auf Ökosysteme bei.

Gleichzeitig wächst der regulatorische Druck auf Finanzinstitute, naturbezogene Risiken systematisch zu erfassen. So setzt das Globale Rahmenwerk für die biologische Vielfalt von Kunming-Montréal für 2030 explizite Ziele für die Finanzinstitute: Transnationale Unternehmen und Finanzinstitute müssen
Risiken, Abhängigkeiten und Auswirkungen im Zusammenhang mit biologischer Vielfalt über ihre Geschäftsaktivitäten, Portfolios sowie Liefer- und Wertschöpfungsketten erfassen, bewerten und offenlegen.

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Wie Banken Biodiversität in der Kreditvergabe betrachten können

Eine neue Publikation des Global Nature Fund (GNF) und des Vereins für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten e.V. (VfU) zeigt, wie Biodiversität konkret in der Kreditvergabe berücksichtigt werden kann. Die Publikation „Biodiversität in der Kreditvergabe – Ein praxisorientierter Ansatz zur Identifikation und Anwendung von KPIs in drei ausgewählten Sektoren“stellt erstmals einen praxisnahen Ansatz zur Entwicklung biodiversitätsbezogener Key Performance Indicators (KPIs) für das Kreditgeschäft vor.

Zudem sollen Finanzmittel für den Schutz der biologischen Vielfalt um mindestens 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr erhöht werden. Der Finanzierungsbedarf für den Erhalt der biologischen Vielfalt ist
immens und wird auf jährlich rund 700 Milliarden US-Dollar geschätzt.

„Biodiversität ist längst kein reines Nachhaltigkeitsthema mehr – sie ist finanziell relevant für Finanzinstitute und die von ihnen finanzierten Unternehmen. Sie betrifft Kreditrisiken, Geschäftsmodelle und die Zukunftsfähigkeit ganzer Branchen“, erklärt Andrea Reuter, Projektmanagerin beim Global Nature Fund (GNF). „Banken haben hier einen enormen Hebel – über ihre Finanzierungsentscheidungen.“

Leistungskennzahlen für Agrar, Lebensmittel, Immobilien und Chemie

Im Mittelpunkt der Publikation steht das Kreditgeschäft als zentrales Steuerungsinstrument. Entwickelt wurden konkrete, anwendbare Leistungskennzahlen für drei besonders biodiversitätsrelevante Sektoren: Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, Immobilien und Chemie.

Der entwickelte Ansatz identifiziert wesentliche biodiversitätsbezogene Auswirkungen in diesen Branchen und ordnet sie entlang wichtiger Treiber des Biodiversitätsverlusts ein. Gleichzeitig werden die Kennzahlen mit der Mitigationshierarchie verknüpft – also dem Grundsatz „Vermeidung vor Reduktion vor Wiederherstellung“.

Die vorgeschlagenen KPIs eignen sich unter anderem für Kredite, deren Zinskonditionen an zuvor festgelegte Nachhaltigkeitsziele gekoppelt sind. Darüber hinaus können sie auch für Portfolioanalysen, Sektorrichtlinien oder Transformationsleitlinien genutzt werden.

„Viele Institute wissen, dass sie sich mit Biodiversität befassen müssen – aber es fehlt an praktikablen Instrumenten“, so Patrick Weltin, Referent Sustainable Finance beim VfU. „Genau hier setzen wir an: mit messbaren, prüfbaren und branchenrelevanten Kennzahlen.“ pf

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