EU-Klimazoll: Der Brüssel-Effekt

Der europäische CO₂-Grenzausgleich ist in Kraft. Forscher haben berechnet, wie Handelspartner wie Kanada oder Japan auf den Zoll reagieren könnten. Statt zu zahlen, dürften viele Staaten eigene CO₂-Preise einführen – ein großer Gewinn fürs Klima.
02.06.2026 – Der europäische CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM) ist Anfang des Jahres in Kraft getreten. Die innerhalb der EU bereits eingeführte CO₂-Abgabe wird damit auf wichtige Importgüter ausgeweitet. Der Klimazoll soll einerseits dafür sorgen, dass EU-Produkte wettbewerbsfähig bleiben und verhindern, dass etwa EU-Unternehmen CO₂-intensive Produktionen ins Ausland verlagern. Andererseits soll damit auch die Dekarbonisierung unterstützt und anderen Staaten ein Anreiz für mehr Klimaschutz geliefert werden. Denn Länder, die selbst ein entsprechendes CO₂-Bepreisungssystem haben, sind von dem Zoll ausgenommen. Derzeit gilt der über CBAM erhobene CO₂-Preis auf Importe für Stahl, Eisen, Aluminium, Zement, Düngemittel, Elektrizität und Wasserstoff.
Anreiz für einen CO₂-Ausgleich
Dieser Anreiz könnte Handelspartner der EU dazu bringen, ebenfalls CO₂ zu bepreisen, zeigt eine Studie des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). So könnten deutlich mehr Emissionen vermieden werden, als wenn die EU ihre Klimapolitik allein umsetzt. CBAM wurde im Rahmen des Fit for 55-Pakets eingeführt und gilt als zentrales marktwirtschaftliches Klimaschutzinstrument der EU. Hauptziel ist es, den Klimaschutz der EU mit den Regeln des internationalen Handels zu verknüpfen.
„Wir beobachten bereits, dass andere Länder wie Brasilien oder die Türkei auf den CBAM mit einem eigenen CO₂-Preis reagieren“, erklärt PIK-Forscher Timothé Beaufils, der Leitautor der Studie. „Wir haben einen neuen Ansatz entwickelt, um diesen Politik-Diffusions-Effekt abzuschätzen. Er liefert starke Hinweise darauf, dass der EU Green Deal tatsächlich das Potenzial hat, die Klimapolitik in anderen Ländern zu stärken.“
Marktwirtschaftlicher Klimaschutz wirkt
In der Studie wird aufgrund detaillierter Handelssimulationen und eines entwickelten ökonomischen Modells ermittelt, wie wahrscheinlich es ist, ob Handelspartner den Klimazoll zahlen oder selbst mit einer CO₂-Abgabe tätig werden. Das Modell beruht auf Grundsätzen der Handelsökonomie und der Spieltheorie, mit deren Hilfe das wirtschaftliche Interesse ermittelt wird. Entscheidende Faktoren sind etwa die Höhe des CO₂-Preises, die genaue Ausgestaltung des CBAM sowie, welche Länder bereits Teil der Klima-Koalition sind.
In den Berechnungen erwies sich CBAM als wirksames Instrument für den globalen Klimaschutz. Eine Modellanalyse mit empirischen Daten aus 56 Wirtschaftssektoren und 43 Ländern zeigt eine erhebliche Hebelwirkung bei einem angenommenen CO₂-Preis von 100 Dollar pro Tonne. Ohne diesen Grenzausgleich würden 40 Prozent der europäischen CO₂-Einsparungen durch die Verlagerung von Emissionen ins Ausland verpuffen (Carbon Leakage). Mit dem CBAM schrumpft der Effekt auf nur noch 15 Prozent.
Den größten Hebel entfaltet der Mechanismus jedoch durch eine politische Reaktion der Handelspartner. Um die zusätzliche finanzielle Belastung durch den EU-Zoll zu umgehen, steht zu erwarten, dass Länder wie Kanada, Japan, Südkorea und Taiwan eigene CO₂-Preise einführen. Dieser Schritt bringt ein deutliches Plus für das Klima: Die globale Emissionssenkung fällt um 73 Prozent höher aus als im reinen EU-Szenario und erreicht insgesamt 691 Millionen Tonnen jährlich. Eine Ausweitung des CBAM auf weitere Sektoren könnte den Beitritt perspektivisch sogar für die USA attraktiv machen, während China sich derzeit nur bei einem CO₂-Preis unter 20 Dollar beteiligen würde. Auch, wenn die genauen Zahlen von den Modellannahmen abhängen, könnte der EU-CBAM damit einen deutlich größeren Effekt auf den weltweiten Klimaschutz haben als bisher angenommen.
„Unsere Ergebnisse stützen und quantifizieren die schon länger existierende Hypothese, dass der CBAM der EU einen sogenannten Brüssel-Effekt auslösen könnte“, resümiert Leonie Wenz, PIK-Forscherin und Co-Autorin der Studie. „Damit ist gemeint: Aufgrund der zentralen Stellung der EU in internationalen Lieferketten zeigen in Brüssel beschlossene Maßnahmen auch Wirkung außerhalb der EU. Mehr Klimaschutz führt zu noch mehr Klimaschutz.“ Dies könne eine wichtige Rolle bei der Begrenzung des Klimawandels spielen, insbesondere wenn internationale Klimaverhandlungen ins Stocken gerieten.
Der CO₂-Preis der EU geriet in den vergangenen Monaten in die Kritik, da er in der Energiekrise infolge des US-Iran-Kriegs fossile Produkte wie Öl, Gas, aber auch Düngemittel, weiter verteuert. Die EU-Kommission entschied zuletzt allerdings, an CBAM für Düngemittel festzuhalten. Wegzukommen von der fossilen Abhängigkeit ist wichtiger denn je. jb




















































