Eine klimaresilientere Finanzpolitik: Die EZB arbeitet am Klimafaktor

Die EZB will Klimarisiken besser integrieren: Ein Klimafaktor soll ab Mitte des Jahres den Collateral-Wert marktfähiger Unternehmenspapiere senken können. NGOs fordern, fossile Sicherheiten ganz auszuschließen.
07.01.2026 – Mit einem neuen Klimafaktor will die EZB klimabezogene Transitionsrisiken künftig im Sicherheitenrahmen des Eurosystems stärker einpreisen.
Der Klimafaktor soll auf marktfähige Vermögenswerte von nichtfinanziellen Unternehmen angewandt und u.a. aus Daten aus dem Klimastresstest 2024, dem CSPP-Klima-Score zur Bewertung der Klimafreundlichkeit von Unternehmen, und der Restlaufzeit errechnet werden. Als Marktfähige Vermögenswerte von nichtfinanziellen Unternehmen werden im Eurosystem-Sicherheitenrahmen in der Praxis handelbare Wertpapiere bezeichnet, die von Unternehmen der Realwirtschaft emittiert wurden und die Banken als Sicherheit bei Zentralbankkrediten hinterlegen können.
Fossile Sicherheiten
Der Klimafaktor kann den anrechenbaren Wert eines als Sicherheit, auch Collateral genannt, hinterlegten Vermögenswerts senken, je nachdem, wie stark er von klimabezogenen Unsicherheiten betroffen ist. Wenn eine Bank z. B. eine Anleihe eines fossilen Energieunternehmens hält und als Sicherheit nutzt, kann deren Sicherheitenwert durch den Klimafaktor reduziert werden. Das Instrument soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 eingeführt und anschließend regelmäßig überprüft werden. Die EZB betont, dass die Maßnahme so kalibriert werden soll, dass ausreichend Sicherheiten verfügbar bleiben.
Bisher hatte die EZB Vermögenswerte fossiler Unternehmen als bankseitige Sicherheiten (Collateral) akzeptiert und damit fossile Geschäftsmodelle faktisch als vergleichsweise sichere Finanzwerte behandelt, ohne deren Klimafolgen und Klimarisiken angemessen zu berücksichtigen. Eine Analyse der NGO Reclaim Finance argumentiert, dass Klimarisiken im Sicherheitenrahmen nicht eingepreist wurden. Reclaim Finance fordert deshalb, fossile Unternehmen als Sicherheiten grundsätzlich auszuschließen.
Klimarisiken sind Finanzrisiken
Biodiversitätsverluste können die Finanzstabilität erheblich gefährden. Eine EZB-Analyse untersuchte 2023, wie stark die Realwirtschaft und die Euroraum-Banken von Ökosystemleistungen abhängig ist. Dabei wurden physische Risiken, also Schäden durch Natur-und Ökosystemdegradation und Transitionsrisiken unterschieden. Demnach sind etwa 72 Prozent oder drei Millionen der Unternehmen im Euroraum von mindestens einer Ökosystemleistung hochgradig abhängig. Fast 75 Prozent der Unternehmenskredite gehen an solche Unternehmen.
Die EZB unternimmt bereits seit einigen Jahren Schritte – einige vor, einige zurück –, um ihre Finanzinstrumente zu dekarbonisieren. Anfang der 2020er Jahre sollten etwa Klimakriterien für das Sicherheitenrahmenwerk und eine Klimastrategie bei Umschichtungen/Reinvestitionen im Unternehmensanleiheprogramm eingeführt werden. Beide Maßnahmen wurden allerdings bereits nach wenigen Monaten wieder zurückgefahren bzw. eingestellt. Wie stark der Klimafaktor in Zukunft den Finanzfluss fossiler Unternehmen einschränkt, bleibt abzuwarten. jb



















































