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StrompreisDie Industrie sollte sich über einen Kohleausstieg freuen

Bild einer Ferro-Legierung in der sogenannten Metallurgie. Aus einem riesigen Trog wird flüssiges Metall in Kästen geschüttet.
Vor allem die Metall verarbeitende Industrie ist sehr energieintensiv. (Foto: pixabay, CC0 Public Domain)

Sollte der Kohlekompromiss endlich umgesetzt werden, haben Energieexperten bereits einen Gewinner ausgemacht: die deutsche Industrie. Denn günstiger Strom aus Erneuerbaren Energien wird für energieintensive Betriebe künftig sehr nützlich sein.

13.08.2019 – Geht es nach den Vorschlägen der Kohlekommission, wird Deutschland bis 2030 die Kohleverstromung auf insgesamt 17 Gigawatt (GW) zurückfahren. Aktuell sind es noch 41 GW. Ersetzt werden soll dieser Bedarf vor allem durch Strom aus Solar- und Windenergieanlagen. Und das wird sich positiv auf die Börsenstrompreise auswirken, wie Experten von Aurora Energy Research im Auftrag des Thinktanks Agora Energiewende errechnet haben. Um 0,5 Cent pro Kilowattstunde sinkt demnach der Börsenstrompreis im Jahr 2030 gegenüber einem Weiter-wie-bisher-Szenario. Denn einmal gebaut, liefern Wind- und Solaranlagen deutlich günstiger Strom als Kohlekraftwerke mit ihren hohen Rohstoff- und Wartungskosten. Dazu kommen bei der Verfeuerung von Kohle bis 2030 noch einmal steigende Brennstoff- und CO2-Preise dazu.

Das Weiter-wie-bisher-Szenario beschreibt dabei den Ausbau Erneuerbarer Energien auf Basis bereits implementierter Maßnahmen, der des Weiteren die Abschaltung von Kohlekraftwerken nicht vorschreibt. In diesem Szenario würde der Anteil regenerativer Energien 2030 bei knapp über 50 Prozent liegen und Kohlekraftkapazitäten noch zu über 30 GW existieren. Der Börsenstrompreis würde so bis 2030 um 9 Euro ansteigen, auf 56 Euro pro Megawattstunde.

Fünf Euro billiger wäre der Börsenstrompreis bei einer Umsetzung des Kohlekompromiss

Der Kohlekompromiss sieht jedoch 2030 einen Anteil von 65 Prozent Erneuerbarer Energien vor und die Verringerung der Kohlekraftwerkskapazitäten um 24 GW. Und das wirkt sich positiv auf den Börsenstrompreis aus, welcher bis 2030 auf 51 Euro pro Megawattstunde raufgehen würde und damit fünf Euro billiger als bei einem Weiter-wie-bisher-Szenario ist. „Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist die Versicherung der energieintensiven Industrie gegenüber hohen Strompreisen“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende.

Voraussetzung dafür sei jedoch, dass die energieintensive Industrie auch künftig von der Zahlung der EEG-Umlage befreit bleibe. Denn deren Stromverbrauch ist bislang größtenteils von Steuern, Abgaben und Umlagen befreit. Für private Stromkunden hingegen sagen die Experten eine leichte Preissteigerung von 0,4 Cent pro Kilowattstunde gegenüber dem Referenzszenario voraus. Denn für das Ziel 65 Prozent Erneuerbarer Energien 2030, sei ein zusätzlicher Modernisierungs- und Ausbaubedarf bei den Netzen vonnöten. Bei den Netzentgelten würden private Stromkunden entsprechend stärker zur Kasse gebeten. Daher empfiehlt die Kohlekommission auch private Stromkunden an anderen Stellen zusätzlich zu entlasten, sodass die Preise stabil bleiben.

Der Kohleausstieg wird wohl früher kommen

Neben dem Fokus auf die Preisentwicklung legen die Experten von Aurora Energy Research auch eine allgemeine Einschätzung zum Abschlussbericht der Kohlekommission vor. Auf dieser Grundlage macht Patrick Graichen deutlich: „Auch wenn der Kohlekompromiss erst 2038 als Enddatum nennt, dürfte der tatsächliche Kohleausstieg im Zuge der alle drei Jahre stattfindenden Überprüfungen früher kommen.“ Ab 2023 soll der Stand der Energiewende regelmäßig überprüft werden.

Bis dahin fordert Graichen, dass der aktuelle Kohlekompromiss schnellstmöglich umgesetzt werden soll und somit Emissionseinsparungen von rund 60 Prozent möglich sind. Damit könnten zumindest im Energiesektor die aktuellen deutschen Klimaziele erreicht werden. Doch allein mit den Einsparungen im Energiesektor ist es nicht getan, auch darauf machen die Experten von Aurora Energy Research aufmerksam. Vor allem im Industriesektor selbst, wie auch im Gebäude- und Verkehrssektor brauche es weitere erhebliche CO2-Einsparungen. mf