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Fossile FalleDie nächste Energiekrise ist bereits da

Leere Öl- und Gastanker
Der Iran-Krieg treibt Ölpreise und Heizkosten nach oben, doch während Haushalte hohe Zusatzkosten stemmen müssen, machen fossile Konzerne Millionen-Übergewinne (Bild: Getty Images / Unsplash+ Lizenz).

Der Iran-Krieg treibt Öl- und Gaspreise hoch, Europas Gas-Speicher sind leer, und gleichzeitig machen fossile Konzerne Millionen-Übergewinne. Doch statt den Fossil-Ausstieg zu beschleunigen, setzt die Bundesregierung weiter auf fossile Abhängigkeit.

30.03.2026 – Der Iran-Krieg lässt Öl- und Gaspreise nach oben schnellen. Experten warnen, dass selbst im Falle einer raschen Deeskalation und Öffnung der Straße von Hormus keine schnelle Entspannung in Sicht ist. Anlagen müssen repariert und Lieferungen nachgeholt werden, was Gas und Öl auf dem Weltmarkt noch über Monate verknappen dürfte.

„Nicht nur die Energiepreise für kurzfristige Lieferungen sind gestiegen, sondern auch die Kontrakte für den Winter 2026/27. Die Marktteilnehmer gehen also davon aus, dass die Krise auch im Winter noch andauern wird“, erklärt Andreas Löschel, Professor am Lehrstuhl für Umwelt- und Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit, Ruhr-Universität Bochum. Die Märkte gehen damit noch von einem bestmöglichen Szenario aus, berichtet der Economist. Die Realität des nun mehr als einen Monat andauernden Krieges berge jedoch das Risiko weiterer Infrastrukturzerstörungen.

Heizen mit Fossilen wird teuer

Sollte der Ölpreis für den Rest des Jahres auf dem Niveau von Mitte März verharren, würden die Gesamtkosten für Ölimporte nach Deutschland um gut 20 Milliarden Euro steigen, zeigt eine Analyse des Branchenexperten Steffen Bukold im Auftrag von Greenpeace.

Für Haushalte würde dies im Durchschnitt eine zusätzliche Belastung von knapp 496 Euro pro Jahr bedeuten. Die Kosten verteilen sich jedoch ungleichmäßig und treffen Nutzer fossiler Systeme besonders hart. So müssen Bewohner eines Einfamilienhauses mit Ölheizung mit einer jährlichen Mehrbelastung von 923 Euro rechnen, während für Fahrer eines Diesel-Pkw bei durchschnittlicher Fahrleistung Zusatzkosten von 835 Euro anfallen.

Trotz dieser drastischen Kostensteigerungen plant die Bundesregierung derzeit, den Einbau fossiler Heizungen wieder zu erleichtern. Auch auf EU-Ebene setzt sie sich dafür ein, den schnellen Umstieg auf E-Autos zu bremsen und die Zulassung von Verbrennungsmotoren über die bisher beschlossenen Fristen hinaus zu verlängern. Der Kurs der Bundesregierung steht nicht nur im Widerspruch zum Klimaschutz, sondern auch zur Versorgungsicherheit der Bürger.

“Wer noch mit Öl heizt oder einen Verbrenner fährt, steckt in einer fossilen Falle”, sagt Greenpeace-Sprecher Matthias Lambrecht. “Öl und Gas sind nicht nur schlecht fürs Klima, sie sind auch ein immer größeres Risiko für eine sichere und bezahlbare Energieversorgung. Statt Menschen vorzugaukeln, Öl und Gas hätten eine Zukunft, sollte die Bundesregierung den Menschen mit klaren Anreizen helfen, sich möglichst schnell aus dieser Falle zu befreien. Wenn Wirtschaftsministerin Katherina Reiche jetzt die Erneuerbaren ausbremst und Gasheizungen fördert, torpediert sie damit die deutschen Klimaziele und sorgt für künftig unkalkulierbare Heizrechnungen. Der Bundeskanzler sollte seiner Wirtschaftsministerin dringend daran erinnern, dass sie nicht länger für einen fossilen Konzern arbeitet, sondern für das Wohl des Landes und seiner Menschen.“

Hohe Übergewinne auf Kosten der Verbraucher

Neben den reinen Rohstoffpreisen belasten auch die ausgeweiteten Gewinnmargen der Mineralölkonzerne die Verbraucher. Preise an den Zapfsäulen stiegen deutlich stärker als die zugrundeliegenden Rohölpreise, zeigt eine weitere Greenpeace-Analyse. In Deutschland verdienen die Konzerne seit Beginn des Irankriegs täglich zusätzliche 21 Millionen Euro an den gestiegenen Spritpreisen. Davon entfallen allein 17,9 Millionen Euro pro Tag auf Diesel und 3,2 Millionen Euro auf Benzin.

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Angesichts dieser erheblichen Übergewinne fordert Greenpeace eine deutsche und Germanwatch eine europäische Übergewinnabgabe für fossile Konzerne. Germanwatch nimmt dabei auch die Industrie in den Blick. Der Schlüssel für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit liege dem Draghi-Bericht nach im Abbau der Importabhängigkeit durch Investitionen in nachhaltige Technologien und erneuerbare Energien.

„Die Abhängigkeit der EU von importiertem Öl und Gas macht Europa verwundbar, steigert die Risiken für Kriege und die Klimakrise, treibt die Energiepreise in die Höhe und gefährdet so auch die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie“, sagt Lutz Weischer, Leiter des Berliner Büros von Germanwatch.

Auswirkungen auf den europäischen Strommarkt

Die fossile Krise wirkt sich bereits auf die Strompreise in der gesamten EU aus. So sind die Kosten für mit Gas erzeugten Strom in der EU infolge der Preissprünge um über 50 Prozent gestiegen, zeigen Analysen des Think Tanks Ember. Die Anfälligkeit der Strompreise variiert dabei stark zwischen den Mitgliedstaaten. In Spanien beeinflusste Gas den Strompreis im bisherigen Jahr 2026 in 15 Prozent der Stunden, während dieser Wert in Italien bei 89 Prozent lag. Die gestiegenen Brennstoffkosten für Gaskraftwerke sind inzwischen fast doppelt so hoch wie die CO2-Kosten im Rahmen des EU-Emissionshandels. Insgesamt verursachten fossile Importe in der EU allein in den ersten zehn Tagen des Konflikts zusätzliche Kosten in Höhe von 2,5 Milliarden Euro.

„Erneut hat ein globaler Konflikt die Gaspreise in die Höhe schnellen lassen. Importabhängige Regionen könnten dramatische wirtschaftliche Folgen erleben“, sagt der Ember-Analyst Chris Rosslowe. „Sauberer Strom in Kombination mit Elektrifizierung ist der einzige Weg, um sich in dieser und in künftigen Krisen gegen plötzliche Gas- und Strompreissteigerungen zu schützen.“

Risiko fossile Importabhängigkeit

Fördermengen in stabilen Partnerländern wie Norwegen und Großbritannien sinken, während geopolitische Risiken weiter zunehmen. Die USA nutzen unter Präsident Trump fossile Energien inzwischen offen als politisches Druckmittel und drohten jüngst damit, LNG-Exporte in die EU auszusetzen, sollte Brüssel kein vorteilhaftes Handelsabkommen schließen. Andere Exportregionen wie Libyen und der Irak gelten als krisenanfällig, während Kasachstan weiterhin von russischen Pipelines abhängig bleibt.

Deutschland beziehe quasi kein Erdgas aus der Golfregion und auch für den Rest Europas machen Öl- und Gaslieferungen aus dem Persischen Golf nur einen kleinen Teil der Importe aus, erklärt Franziska Holz, Professorin und Stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin. Dennoch seien Auswirkungen auf die europäischen Importe möglich, weil sich Handelsflüsse verschieben.So sei zu erwarten, dass nicht vertraglich gebundenes LNG, insbesondere aus den USA und aus Russland, vermehrt in den asiatischen Raum anstatt nach Europa geliefert wird. Wie hoch die Zahlungsbereitschaft für mehr US-LNG-Exporte dort sei, lasse sich bisher nur abschätzen.

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„Die mögliche Reduktion des LNG-Angebots kommt für Deutschland und Europa in einer herausfordernden Zeit, in der die sehr leeren Erdgasspeicher befüllt werden müssen“, sagt Holz „Die Speicher sind im EU-Durchschnitt zu 28,5 Prozent und in Deutschland im Durchschnitt zu 22 Prozent befüllt. Das sind ungewöhnlich niedrige Füllstände; nur Anfang 2018 waren die Füllstände noch niedriger.“

Die letzte Energiekrise zu Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat jedoch bereits gezeigt, dass es auch Einsparpotentiale gibt. „Alle Vorschläge zur Reduzierung des Gasverbrauchs sollten wieder stärker ins Bewusstsein gebracht werden“, fordert Löschel. „In der längeren Frist gibt es mit Wärmepumpe und E-Mobilität häufig sinnvolle Möglichkeiten, den Gas- oder Spritverbrauch durch Elektrifizierung zu senken. Bei hohen fossilen Preisen lohnt sich das und macht auch resilienter gegen zukünftige Schocks.“

Raus aus der fossilen Abhängigkeit

Zuletzt wurden in der EU Stimmen laut, die ein Aussetzen des Emissionshandels forderten, um die Energiepreise zu senken. Auch Preisdeckel sind in der Diskussion. „Das würde das Gegenteil bewirken: mehr statt weniger Abhängigkeit von fossilen Energien“, so Weischer. „Die EU-Regierungschefs müssen jetzt die Weichen so stellen, dass die EU schneller von fossilen Brennstoffen unabhängig wird.“

Europas Industrie brauche im Moment nichts dringender als Investitionssicherheit. Über hundert Unternehmen haben sich in den letzten Tagen an die Regierungschefs gewandt, weil sie darauf angewiesen seien, dass der Emissionshandel weiterhin einen robusten und verlässlichen Rahmen bilde, in dem sich ihre Investitionen in saubere Technologien der Zukunft rechneten.

„Ganz falsch wäre es, nun am CO2-Preis herumzudoktern“, stimmt Löschel zu. „Dadurch wird das sinnvollste Instrument für marktwirtschaftlichen Klimaschutz zerstört, welches wir nach der Krise dringend brauchen werden – für den Klimaschutz, aber auch für die Reduzierung von Abhängigkeiten. Wenn die Leute denken: ‚Wenn es hart auf hart kommt, wird der Staat schon eingreifen und fossile Energien wieder günstig machen‘ – dann kommen wir gar nicht weg von Öl und Gas.“ Vielleicht sei das auch das grundlegendste Problem im Umgang mit der Energiekrise 2022 und in der augenblicklichen Diskussion. Julia Broich

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