Energiewende und Wirtschaft am BodenseeDie Unruhe wächst in Hinblick auf die Energiepolitik der Bundesregierung

Ein Mann mit Brille spricht in ein Mikrofon, Joachim Plesch, Vorstand vom Energieunternehmen Gorfion Green Energy
„Die Energiewende muss effizienter geschehen“ – Joachim Plesch, Vorstand vom Energieunternehmen Gorfion Green Energy, bei den Energiewelten 2025. (Foto: Thorben Nuding Bildproduktion)

Die Wirtschaft ist in Aufruhr, auch am Bodensee. Die Sorge um Arbeitsplätze in Handwerk und Industrie treibt ihre Vertreter an die Mikrofone. Und sie reden Klartext angesichts der energiepolitischen Vorhaben der Bundesregierung.

09.02.2026 – Unschöne Erinnerungen kommen hoch. Rund 80.000 Arbeitsplätze waren Anfang der 2010er-Jahre in Deutschland weggefallen, vor allem in der Produktion von Solarzellen und Modulen – die findet heute weitgehend in Fernost statt. 2026 könnte sich dies in ähnlicher Form wiederholen, sollten die Pläne der Bundesregierung Realität werden. Betroffen wäre vor allem das Handwerk in Photovoltaik, Heizungs- und Klimatechnik. So befürchtet es das Konstanzer Wirtschaftsnetzwerk SolarLago im Rahmen einer Pressekonferenz.

Es sei richtig: „Die Energiewende muss effizienter geschehen“, betonte Vorstand Joachim Plesch vom Energieunternehmen Gorfion Green Energy, in der Stoßrichtung gleichlautend mit dem Monitoringbericht, den eine Expertenkommission letztes Jahr für das Wirtschaftsministerium erstellt hatte. Doch mit diesem Befund hören die Gemeinsamkeiten mit Ministerin Katherina Reiche schon auf. Denn: „Sie macht leider genau das Gegenteil von dem, was im Bericht steht“, erklärt Plesch. Statt erneuerbare Energien, Speicher und ein resilientes Netz auszubauen, setze sie vor allem und vorrangig auf Gas.

Was passiert künftig im Stromsektor? Plesch zeigt ein Energie-Chart von Montag bis Mittwoch der vergangenen Woche. Sonniges Wetter, viel PV-Strom. Nun sind die Gaspreise in die Höhe geschossen, und ein vom Gas bestimmter Börsenstrompreis verteuert den Strombezug in den Randzeiten. „Wir sehen: Eine Fixierung auf Gas gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten führt dazu, dass die Industrie, die in dieser Zeit produzieren musste, immensen Schaden genommen hat.“ 12 Uhr mittags sieht es anders aus, der Börsenstrompreis lag hier bei wenigen Cent pro Kilowattstunde – dank des günstigen Solarstroms. Ein Mehr an leistungsstarken Speichern und damit eine bessere Verteilung über den Tag verteilt hätten die Preise deutlich runtergebracht, allein: die gibt es aber noch nicht (genügend). Für die Wirtschaft Hindernis Nummer eins: teures Gas.

Hindernis Nummer zwei: Verlieren Betreiber mit dem von Reiche geplanten Netzpaket den Vorrang für ihre EE-Anlagen, ist unklar, wie lange sie auf den Netzanschluss warten müssen. Die Folge: Unsicherheit für Investoren. Und Gift für die Wirtschaft, die günstigen Strom braucht.

Der Tod vieler Handwerksunternehmen

Nächstes Hindernis: die EEG-Novelle. Eine geplante Direktvermarktung für PV-Strom aus kleinen, privaten Anlagen – das ist „faktisch nicht möglich“, erklärt Plesch. Fraglich sei, wie die angesichts des fehlenden Rollouts intelligenter Zähler (3-4 Prozent Smart Meter-Verbreitung in Deutschland) mit einer Strombörse überhaupt kommunizieren sollen. Die Kleinanlagen würden so zu reinen Eigenverbrauchsanlagen. Hinzu kommt: Wer aufgrund der in Baden-Württemberg geltenden Solarpflicht eine PV-Anlage installieren muss, für den verteuern sich mit diesem Gesetz die Baukosten, die Amortisation verschlechtert sich. „Diese EEG-Novelle wird der Tod von vielen Handwerkern im PV-Bereich sein“, sagt Plesch. „Wir sehen jetzt schon erste Insolvenzen.“

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Energiewende wird torpediert

Die Biotreppe im geplanten Gebäudeenergiegesetz – noch ein Hindernis. Der zu erwartende Wettbewerb um das rare Gut Grüngas werde ebenfalls zu einem Anstieg der Gaspreise führen. Plesch: „Was brauchen wir, um Grüngas zu produzieren? Vor allem grünen Strom.“ Wenn dessen Anstieg aber gebremst wird, beiße die Katze sich in den eigenen Schwanz. Die Energiewende soll effizienter werden – aber „die Ministerin arbeitet konträr zu ihren eigenen Plänen“, so Plesch.

„Eine faszinierende Schere zwischen dem, was man sagt und dem, was man tut“, nennt dies Eric Rüland, Geschäftsführer beim Speicherhersteller RCT Power. Die vielen Damokles-Schwerter führten zu einer großen Unsicherheit in der Industrie.

Stadtwerke Konstanz: „Müssen Projekte wieder hinterfragen“

Gordon Appel, Geschäftsführer der Stadtwerke Konstanz, sieht die Verunsicherung auch bei Endkunden. „Im letzten Quartal 2025 war die Wärmepumpe im dezentralen Bereich die stärkste Technologie.“ Eigentlich hätten viele Bürgerinnen und Bürger fleißig mitgewirkt, um sich unabhängiger zu machen von fossilen Rohstoffen. „Das wird jetzt erheblich torpediert.“ Die Stadtwerke würden, so Appel, ihre Wärmenetz-Projekte nun kritisch und ergebnisoffen hinterfragen müssen.

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Schlusswort von Bene Müller, Geschäftsführer beim Singener Projektentwickler Solarcomplex. Vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage stelle sich die Frage: „Wie oft müssen wir eigentlich die immer gleichen Erfahrungen machen, bis wir die Lektion gelernt haben?“ Die Lektion laute: „Wir müssen raus aus Öl und Gas.“ Die vorgesehen Beimischungen im Rahmen einer Biotreppe werden dauerhaft nicht in dieser Menge vorhanden sein. „Da muss ich an der Wirtschaftskompetenz unserer Wirtschaftsministerin zweifeln. Sie müsste eigentlich eine Grundregel unserer Wirtschaft kennen, nämlich dass der Preis von Angebot und Nachfrage bestimmt wird.“ Es sei vorprogrammiert, dass der Preis für die Beimischungen in die Höhe steigt. „Eine Ungeheuerlichkeit.“ Man werde das als deutsche Volkswirtschaft zu bezahlen haben. Auch für die Wärmeprojekte seines Unternehmens sei die Botschaft aus Berlin, Öl- und Gasheizungen einzubauen, absolut fatal. „Ich hoffe, dass man sich zusammenschließt und diesem Irrsinn Einhalt gebietet.“ Benedikt Brüne

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