Sichere Energieversorgung: Effizienz als strategische Ressource begreifen

DENEFF und EIES fordern, Energieeffizienz in Industrie-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik einzubetten und warnen, dass die deutsche Importabhängigkeit längst ein strukturelles Sicherheitsrisiko darstellt.
07.09.2026 – Vor dem Hintergrund geopolitischer Risiken und anhaltender Störungen der globalen Energieversorgung und Lieferketten fordern die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF) und die European Initiative for Energy Security (EIES), Energieeffizienz als strategischen Baustein von Energiesicherheit und Resilienz zu verankern. Beide Organisationen stellten ihren gemeinsamen Policy Brief im Rahmen eines Webinars (3. September 2026) vor und argumentieren darin, dass jede eingesparte Kilowattstunde die Importabhängigkeit reduziert, kritische Infrastruktur entlastet und Deutschlands strategische Handlungsfähigkeit stärkt.
DENEFF und EIES weisen darauf hin, dass Deutschland in den Herbst 2026 mit ungewöhnlich niedrigen Gasreserven gestartet ist und die strukturelle Abhängigkeit von Energieimporten anhält. Im Jahr 2025 deckten Importe zwei Drittel des Primärenergieverbrauchs ab. Rechnerisch reichten die heimischen Energiequellen damit nur für 125 Tage des Jahres, bis zum 5. Mai 2026. Für den Rest des Jahres war das Land vollständig auf Lieferungen aus dem Ausland angewiesen.
Effizienz als „First Fuel of Security"
Das Papier positioniert Energieeffizienz als das, was die Autoren als „First Fuel of Security“ bezeichnen, also als eine Ressource, die gleichrangig neben diversifizierten Lieferrouten und strategischen Reserven stehen sollte, statt allein als klimapolitisches Anliegen behandelt zu werden. „Energieeffizienz ist weit mehr als Klimaschutz. Sie ist ein strategischer Faktor zur Reduzierung von Energieabhängigkeiten. Wer den Energiebedarf senkt, muss weniger Energie importieren, transportieren und im Krisenfall absichern“, sagt Christian Noll, geschäftsführender Vorstand der DENEFF.
Sabrina Schulz, Germany Director der EIES, ordnet die Frage in einen sicherheitspolitischen Rahmen ein. „Energieimport-Abhängigkeit ist zu einem Sicherheitsrisiko geworden. Versorgungssicherheit beschränkt sich nicht auf neue Lieferanten und Lieferrouten oder zusätzliche Reserven. Sie beginnt damit, unseren Energiebedarf strukturell zu senken. Energieeffizienz ist eine unverzichtbare strategische Sicherheitsressource für Deutschland und Europa.“
Geringerer Bedarf, resilientere Infrastruktur
Diversifizierung könne zwar die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten und Transportwegen verringern, so die Autoren, die strukturelle Importabhängigkeit lasse sich damit jedoch nicht beseitigen. Eine Senkung des Gesamtbedarfs stärke dagegen zugleich die strategische Autonomie, die Resilienz der Energieinfrastruktur und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie.
Ein geringerer Energieverbrauch entlastet insbesondere die Stromnetze. Er erleichtert den Umgang mit Störungen und reduziert den Bedarf an zusätzlicher Erzeugungskapazität, Netzausbau und strategischen Reserven. Der Policy Brief hebt auch die militärische Dimension hervor. Energieeffiziente Kasernen, Krankenhäuser und Führungszentren bleiben bei Störungen der Energieversorgung länger funktionsfähig und benötigen weniger logistische Versorgung mit Öl und Gas. Damit sinkt zugleich der Aufwand für Nachschub, der in Krisensituationen selbst zum Risiko werden kann. „Energieeffizienz schafft Handlungsspielräume in der Krise. Wenn kritische Infrastruktur weniger Energie benötigt, sinkt ihre Verwundbarkeit“, so Noll.
Schutz der europäischen Industriebasis
Parallel dazu verläuft die wirtschaftliche Argumentation. Effizienztechnologien für Industrie und Gebäude gelten weiterhin als ein Bereich, in dem europäische Unternehmen die Technologieführerschaft innehaben. Diesen Vorsprung gelte es angesichts der Ressourcenabhängigkeit Europas gezielt auszubauen, so die Autoren. Allein in Deutschland sichert die Energieeffizienzbranche mehr als eine Million Arbeitsplätze. Die jährlichen Investitionen in die energieeffiziente Modernisierung des Gebäudebestands entsprechen 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Jeder Euro, der in die Effizienzsteigerung deutscher Produktionsstandorte fließt, ist nach Einschätzung der beiden Organisationen zugleich ein Beitrag zur Stärkung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit in einer Phase steigenden internationalen Kostendrucks.
Damit verbindet sich das Argument der Sicherheit mit einer industriepolitischen Perspektive. Wer Effizienz vernachlässigt, riskiert nicht nur höhere Importrechnungen, sondern auch den Verlust technologischer Marktpositionen an internationale Wettbewerber.
„Efficiency First“ als Teil der Sicherheitsstrategie
DENEFF und EIES drängen darauf, Energieeffizienz systematisch in Energie-, Industrie-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu verankern. Zu ihren Empfehlungen gehören ein Efficiency First-Ansatz bei öffentlichen Planungs- und Förderentscheidungen, die konsequente Umsetzung des Energieeffizienzgesetzes sowie eine Energiesicherheitsstrategie, die Energieeffizienz ausdrücklich als strategische Ressource anerkennt.
Ein solcher Ansatz würde bedeuten, dass bei Investitionsentscheidungen zunächst geprüft wird, ob sich der zugrunde liegende Bedarf durch Effizienzmaßnahmen reduzieren lässt, bevor über zusätzliche Erzeugung, Netze oder Reserven entschieden wird. Die beiden Organisationen sehen darin eine wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch günstigere Alternative zur reinen Angebotserweiterung. Hans-Christoph Neidlein
























































