Flexibles Stromsystem: Weniger Gas, mehr dezentrale Lösungen

Weniger Fokus auf Gas, mehr auf dezentralen Erneuerbaren: Die Integration flexibler dezentraler Energielösungen könnte Milliarden an Mehrwert schaffen und Verbraucher entlasten, zeigt eine Studie des Unternehmensberaters Roland Berger.
02.10.2025 – Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant 20 GW neue Gaskraftwerke, die flexibel einspringen sollen, wenn nicht ausreichend Erneuerbarer Strom produziert wird. Die Kapazitäten seien notwendig für die Versorgungssicherheit und eine kosteneffiziente Energiewende, so ihr Argument.
Aus dem von ihrem Ministerium in Auftrag gegebenen Monitoringbericht ist die Notwendigkeit derart hoher neuer Gaskapazitäten allerdings kaum zu schließen. Eine am Dienstag vorgestellte Studie des Unternehmensberaters Roland Berger im Auftrag von Enpal zeigt nun die wirtschaftlichen Vorteile eines flexiblen Energiesystems auf, das dezentrale Erneuerbare Energielösungen wie Photovoltaikanlagen mit Batteriespeicher, Wärmepumpen und Elektromobilität integriert und systemdienlich nutzt.
Das Fazit: Die Integration dezentraler Energielösungen könnte bis 2045 einen volkswirtschaftlichen Mehrwert von bis zu 255 Milliarden Euro für Deutschland schaffen. Dies entspricht einer potenziellen jährlichen Wertschöpfung von bis zu 13 Milliarden Euro. Dezentrale Lösungen sind demnach die kostengünstigste Alternative für die Versorgungssicherheit, Gas rückt in den Hintergrund.
Dezentrale Energielösungen ausschöpfen
Ein zukunftsfähiger Energiemix braucht der Analyse von Roland Berger nach drei gleichwertige Säulen: Den weiteren Ausbau erneuerbarer Großanlagen, flexible Backup-Kapazitäten und die flächendeckende Integration dezentraler Energielösungen. Ein besonderer Fokus liegt auf letzteren, da sie die Gesamtkosten des Energiesystems reduzieren und zugleich die regionale Wertschöpfung stärken.
„Dezentrale Energielösungen zeigen viele Vorteile. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zu einem gesamtkosteneffizienten und weniger von fossilen Erzeugungsformen abhängigen Energiesystem. Die Studie zeigt, dass gerade im Bereich der Dezentralen Energielösungen ein noch nicht ausgeschöpftes Potenzial liegt, um die Kosten der Energiewende deutlich zu reduzieren. Wir haben bereits eine führende Branche in Deutschland - wenn wir jetzt noch die richtigen Weichen stellen, können wir in den nächsten Jahren einen echten Unterschied machen,“ sagt Marc Sauthoff, Senior Partner Civil Economics, Energy & Utilities bei Roland Berger.
Die systemische Integration dezentraler Lösungen könnte Infrastrukturkosten und Eingriffe ins Stromnetz – etwa durch Redispatch – deutlich reduzieren. Energiekosten für Privathaushalte und KMUs könnten durch Eigenversorgung und flexible Verbrauchsanpassung im Mittel um rund die Hälfte sinken. Gleichzeitig könnte der Ausbaubedarf der Verteilnetze bis 2045 um bis zu 40 Prozent gesenkt werden und rund 100.000 zusätzliche Arbeitsplätze in und um den Erneuerbaren Energiesektor entstehen.
Den Rahmen für ein flexibles Stromsystem schaffen
Dieses volkswirtschaftliche Potenzial kann jedoch nur realisiert werden, wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen entsprechend angepasst werden. Das neu gegründete Unternehmensbündnis New Energy Alliance – dem unter anderem Enpal, 1KOMMA5°, LichtBlick, Volkswagen Charging (Elli), und Octopus Energy angehören – hat die Studie mitherausgegeben und fordert eine systemdienliche Neugestaltung der Energiewirtschaft.
„Dezentrale Lösungen und New Energy reduzieren die Infrastrukturkosten und unsere geopolitische Abhängigkeit massiv. Entscheidend ist, dass Erzeugung und Verbrauch intelligent zusammengeführt werden. Fürs Gas heißt das: Erst alle Flexibilität aktivieren! Wer heute ein starres Stromnetz plant, ohne Flexibilisierung und intelligente Steuerung, braucht mehr Residuallast und treibt den Netzausbau in die Höhe. Die Kosten dafür trägt die Allgemeinheit. Wenn wir dagegen Flexibilität nutzen, sinkt der Strompreis für alle sofort. Die Lösungen sind da – jetzt müssen wir in die Umsetzung kommen“, sagt Philipp Schröder, CEO & Co-Founder 1KOMMA5°.
Zu den Forderungen der New Energy Alliance gehören unter anderem faire Netzentgelte, der beschleunigte Ausbau digitaler Netzinfrastruktur, die Förderung von Technologien wie bidirektionalem Laden sowie ein klarer regulatorischer Fokus auf die sektorübergreifende Integration von Strom, Wärme und Mobilität. Der Ausbau der erneuerbaren Energien sollte zudem gemäß den aktuell im EEG vorgesehenen Ausbaupfaden fortgeführt werden. Im Zuge ihres 10-Punkte-Plans hatte Reiche angekündigt, die Ausbauziele zu drosseln. jb


















































