Tiefseebergbau: Ein ökologischer und finanzieller Irrweg

Die ISA verhandelt weiter über den Mining Code. Während Deutschland offiziell eine Pause fordert, fließen Millionen in Abbautechnik. Gleichzeitig wächst der Widerstand – auch aus der Wirtschaft.
10.07.2026 – Ab kommenden Montag berät die Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) bis Ende Juli auf ihrer Rats- und Generalsammlung in Jamaika weiter über die Zukunft der Tiefsee. Diskutiert wird vor allem ein Mining Code, der den Tiefseebergbau regeln soll. Außerdem steht das eigenmächtige Vorpreschen der USA und einiger Industrieakteure an der ISA vorbei auf der Agenda.
Der kommerzielle Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee ist noch nirgendwo auf der Welt erlaubt. Seit Jahren fordern Experten eine vorsorgliche Pause - darunter 800 Meeresbiologen und -experten, zahlreicher NGOs sowie bisher über 43 von 169 ISA-Staaten, inklusive der EU und Deutschland. Recherchen von Greenpeace werfen nun Fragen zur Position der deutschen Bundesregierung auf.
Deutschlands Doppelrolle
Offiziell spricht sich Deutschland bereits seit 2022 für eine Pause zum Schutz der Tiefsee aus. Gleichzeitig wird aber die Entwicklung der Abbauindustrie finanziert. Das Bundeswirtschafts- und das Bundesforschungsministerium unterstützten in den letzten zehn Jahren mindestens 21 Tiefseebergbau-Projekte mit über 90 Millionen Euro an Steuergeldern. Ein Teil dieser Fördergelder floss nach dem Kurswechsel von 2022, zeigen die Recherchen von Greenpeace.
Erst 2025 bewilligte das Wirtschaftsministerium das Projekt Deep Sea Sampling 2, das Fräsgeräte für den Abbau entwickelt. Auch Forschungsdaten sollen an Investoren verkauft werden. Die Industrie schreitet schnell voran: Ein deutsch-saudi-arabisches Firmennetzwerk, an dem eine Tochterfirma der bayerischen Bauer AG mitwirkt, plant etwa den Rohstoffabbau im Roten Meer und wirbt dafür Investorengelder ein. Greenpeace fordert von der Bundesregierung, die Finanzierung der Tiefseebergbau-Technologien zu stoppen.
“Wer eine vorsorgliche Pause beim Tiefseebergbau will, muss jegliche Finanzierung für Abbau-Technik aussetzen. Nur dann schützt man die Tiefsee vor Zerstörung”, sagt Greenpeace-Meeresexpertin Daniela von Schaper.
Tiefseebergbauunternehmen verklagt ISA
Andere Teile der Industrie gehen noch deutlich agressiver vor. So versucht The Metals Comany (TMC), den Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee ohne die Zustimmung der ISA zu beginnen. Unterstützung bekommt sie aus den USA: Anfang des Jahres räumte US-Präsident Donald Trump mit einer Executive Order Unternehmen die Möglichkeit ein, Anträge für den Rohstoffabbau am Meeresboden internationaler Gewässer zu stellen. Trump setzt sich damit über die Internationale Gemeinschaft und das Völkerrecht hinweg. Denn die internationale Tiefsee und ihre Rohstoffe wurden von der internationalen Staatengemeinschaft zum gemeinsamen Erbe der Menschheit erklärt, das seit 1994 von der ISA verwaltet wird. Ein im Frühjahr 2026 von TMC gestellter Antrag wird in den USA bearbeitet, die Folgen sind noch unklar.
In Reaktion auf das Vorgehen der TMC hat die ISA Ermittlungen wegen möglicher Vertragsverstöße eingeleitet. TMC und seine Töchter NORI und TOML verklagen nun ihrerseits die ISA vor dem Internationalen Seegerichtshof in Hamburg. Ziel ist wohl, die laufenden Ermittlungen der Behörde aussetzen zu lassen und ein mögliches Einfrieren von Erkundungslizenzen verhindern. Umweltschützer fordern von den ISA-Staaten, die im Juli 2026 auslaufenden Verträge mit der TMC-Tochter NORI zu kündigen, um ein Signal für die anstehenden Verhandlungen zu setzen.
“Durch den Druck der USA und Unternehmen wie The Metals Company droht die Tiefsee zum Spielfeld der industriellen Zerstörung zu werden“, warnt Greenpeace-Meeresexpertin Daniela von Schaper. „Die Internationale Meeresbodenbehörde muss hier eine rote Linie aufzeigen. Eine konsequente Reaktion auf Alleingänge beim Tiefseebergbau durch das Aushebeln internationaler Vereinbarungen wäre, die Verträge mit den Tochterunternehmen von The Metals Company zu kündigen.”
Das Tauziehen um den Mining Code
Auch innerhalb der ISA wird mehr Tempo gefordert. Seit Jahrzehnten diskutieren Staaten, ob, und wenn ja, unter welchen Bedingungen ein Rohstoffabbau in der Tiefsee zugelassen werden soll. Der Druck stieg im vergangenen Jahr, da explizite Anträge eingegangen waren, denen die ISA eine Antwort schuldig blieb.
Staatssekretärin Leticia Carvalho plant ebenso wie bereits ihr Vorgänger Michael Lodge, die Verhandlungen über den Mining Code – ein kommerzielles Regelwerk für Tiefseebergbau – zu beschleunigen. Zu diesem Zweck soll eine Roadmap ausgearbeitet werden. Kritische Staaten und Umweltschützer betonen hingegen, dass eine Roadmap, die vor allem den Prozess beschleunigen soll, die elementaren Fragen zum Schutz der Tiefsee nicht lösen kann.
Der Inselstaat Vanuatu fordert eine wissenschaftsbasierte Evaluierung der Risiken und Folgen für die Tiefsee. Hier besteht noch viel Forschungsbedarf: Bei einer Greenpeace-Expedition in der arktischen Tiefsee entdeckten Biologen erst im Mai 2026 – wie bereits so oft – mehrere neue, noch unbeschriebene Arten. Die Tiefsee beginnt ab 200 Metern unter dem Meer und macht mehr als die Hälfte der Erdoberfläche aus. Sie gilt als das am wenigsten erforschteste Gebiet der Erde.
Das unerforschteste Gebiet der Erde
Tiefseebergbau würde den Ökosystemen nach bisherigen Erkenntnissen erheblichen Schaden zufügen. Langzeitstudien zeigen, dass sich Tiefseeökosysteme selbst nach Jahrzehnten kaum von mechanischen Eingriffen erholen. Insgesamt ist zu wenig über die Ökosysteme der Tiefsee bekannt, um umweltschonende Verfahren für einen Rohstoffabbau in der Tiefsee zu entwickeln.
Der Ozean absorbiert knapp ein Viertel der menschengemachten CO2-Emissionen und nimmt rund 90 Prozent der überschüssigen globalen Wärme auf. Dies macht die Meere zu einem entscheidenden Faktor für die globale Klimaresilienz. Tiefseebergbau birgt das Risiko, diese regulatorischen Funktionen zu stören. Zusätzlich könnten Nahrungsmittelsysteme, Fischerei sowie Küstenwirtschaften direkt oder indirekt geschädigt werden. Die Datenlage deutet darauf hin, dass Tiefseebergbau den Bergbau an Land nicht ersetzen, sondern die ökologischen Belastungen lediglich erweitern würde.
Steigender Rohstoffhunger trifft auf hohe finanzielle Risiken
Das Interesse am Tiefseebergbau hängt mit der steigenden Nachfrage nach bestimmten Metallen und Mineralien zusammen, die für Digitalisierung und die grüne Wende unabdingbar sind. Kupfer, Mangan, Kobalt und Lithium stehen alle auf der Liste strategisch wichtiger Rohstoffe der EU, die sich bisher jedoch klar gegen Tiefseebergbau positioniert hat.
Der Abbau von Rohstoffen in 3000 bis 6000 Metern Tiefe ist auch unabhängig von Umweltbedenken mit hohen und schwer kalkulierbaren Kosten verbunden. Die Abbautechnik für den kommerziellen Tiefseebergbau wird zwar seit einigen Jahren getestet. Unklar bleibt, ob sie sich langfristig wirtschaftlich umsetzen lässt. Das bestätigt auch der Report Entangled Depths: Deep Seabed Mining and the Security Paradox von Ariel Macaspac Hernandez für den WWF.
Hohe Erschließungskosten, ungeklärte Haftungsfragen und die Zurückhaltung von Finanzinstituten erhöhen das finanzielle Risiko. Der rasche technologische Wandel auf dem Batteriemarkt könnte Rohstoffbedarfe zudem entscheidend verändern. So gewinnen etwa günstige Lithium-Eisenphosphat-Akkus, die ohne Nickel und Kobalt auskommen, derzeit schnell an Marktanteilen. Angesichts langer Entwicklungszeiten drohen Investitionen in die Tiefseeinfrastruktur zu Fehlinvestitionen zu werden, schließt der Report. Julia Broich


















































