Herr Scherleitner, wie läuft das Geschäft bei Fronius derzeit?
Das Geschäft läuft wieder gut. Wir haben 2025 einen Gewinn erzielt und gewinnen erneut Marktanteile. Für 2026 sind wir verhalten optimistisch. Nach der Restrukturierung 2023, als wir Kapazitäten zurückfahren und rund 1.000 Stellen abbauen mussten, liegt diese schmerzhafte Phase hinter uns. Wir sind wieder stabil aufgestellt und haben neue Produkte am Markt. Das Feedback zu Reserva Pro, unsere in Europa gefertigten Batterien, ist sehr positiv.
Wie sieht es mit der Kapazitätsauslastung aus?
Unsere jährliche Wechselrichter-Produktionskapazität in Europa liegt bei 10 Gigawatt und ist derzeit deutlich darunter ausgelastet. Wir sind nicht voll ausgelastet, weil wir in den vergangenen Jahren stark in Kapazitäten investiert haben. Bei den richtigen Rahmenbedingungen könnten wir die Kapazität innerhalb von etwa einem Jahr auf 17 Gigawatt ausbauen und die dafür notwendige Infrastruktur und Belegschaft entsprechend wieder aufbauen.
Wo fertigen Sie?
In unserem Werk in Tschechien werden Komponenten und Baugruppen produziert, die anschließend an unserem Hauptsitz in Oberösterreich zu Endprodukten montiert werden. Alle Fronius-Wechselrichter sind zu 100 Prozent Made in Europe, mit einem sehr hohen Anteil europäischer Wertschöpfung.
Wie stark ist die europäische Wechselrichter-Industrie insgesamt aufgestellt?
Laut S&P Global und Zahlen des ESMC stehen in Europa mehr als 100 Gigawatt Wechselrichter-Produktionskapazität zur Verfügung. Das ist sehr bedeutend, mehr als der gesamte jährliche europäische Markt, der bei rund 60 Gigawatt liegt. Im Vergleich zur Modul-, Zell- oder Batterieproduktion ist die europäische Wechselrichter-Industrie strukturell weiterhin stark. Die Auslastung liegt bei allen Herstellern deutlich unter der Kapazität, das heißt, die Branche könnte schnell hochfahren, um die Nachfrage zu bedienen.
Wenn chinesische Hersteller Montagelinien in Europa aufbauen, begrüßen Sie das?
Wenn es nur um die Endmontage in Europa geht, ist das oft nur ein Feigenblatt. Sie trägt weniger als fünf Prozent zur gesamten Wertschöpfung bei. Die Endmontage als letzter Fertigungsschritt stärkt europäische Lieferketten, Beschäftigung oder Energiesicherheit nicht. Wenn dadurch der Eindruck entsteht, die Produkte seien tatsächlich in Europa hergestellt, ist das irreführend, denn die vormontierten Baugruppen selbst werden nicht hier gefertigt.
Die EU hat bestimmte Länder als Hochrisikoländer eingestuft. Ist diese Einstufung sinnvoll?
Ja. Die Europäische Kommission hat das sehr klar definiert: Ein Land wird als Hochrisikoland eingestuft, wenn politisch gesteuerte Cyberangriffe gegen Europa dokumentiert und von mindestens einem EU-Mitgliedstaat oder der Kommission selbst offiziell gemeldet wurden. Derzeit erfüllen vier Länder diese Kriterien. Das ist keine politisch motivierte Etikettierung, sondern eine Reaktion auf konkrete, überprüfbare Vorfälle. Solche Einstufungen können sich ändern, wenn sich die Bedrohungslage verschiebt.
Warum ist Cybersicherheit inzwischen ein so zentrales Thema bei Wechselrichtern?
Wechselrichter sind Teil der kritischen Infrastruktur. Sie lassen sich fernsteuern, aktualisieren und grundsätzlich auch abschalten. In einer geopolitischen Krise entsteht dadurch eine reale Verwundbarkeit. Wir weisen seit Jahren auf diesen Punkt hin. Bis vor kurzem war die übliche Antwort, dass solche Szenarien unwahrscheinlich erschienen, doch diese Wahrnehmung hat sich 2026 grundlegend verändert. Wenn militärische Eskalation keine abstrakte Vorstellung mehr ist, wird die Frage, wer das Energiesystem kontrolliert, sehr konkret.
Ist Cybersicherheit in der Praxis wirklich ein zentrales Kaufkriterium?
Es ist nicht das wichtigste Einzelargument, aber es hat kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Kunden entscheiden sich zunehmend bewusst für Fronius, obwohl wir teurer sind als viele chinesische Wettbewerber, weil sie einen Hersteller wollen, dem sie vertrauen können. In der Politik, insbesondere in Brüssel und in mehreren Mitgliedstaaten, sind Energiesicherheit und der Schutz kritischer Infrastruktur in den Mittelpunkt der Debatte gerückt.
Wie ist Cybersicherheit in diesem Zusammenhang zu verstehen?
Es gibt zwei Dimensionen. Die erste ist die technische Cybersicherheit, die alle Produkte gemäß dem Cyber Resilience Act und verwandten Regelungen erfüllen müssen. Die zweite ist das nicht-technische Risikoprofil: die Vertrauenswürdigkeit der Lieferkette und die Eigentümerstruktur hinter einem Produkt. Beides ist wichtig, und in der Praxis lässt sich das nicht trennen. Sichere Produkte setzen vertrauenswürdige Lieferketten voraus, und diese wiederum industrielle Kapazitäten in vertrauenswürdigen Ländern.
Lösen lokale Cloud-Server in Europa das Problem?
Nein. Der physische Standort einer Cloud entscheidet nicht darüber, wer die Zugriffsrechte hält. Der Master-Zugriff verbleibt immer beim Hersteller, sonst wären Fernwartung und Software-Updates gar nicht möglich. Die Datenhaltung in Europa ist für die DSGVO-Konformität wichtig, schränkt aber die Zugriffsmöglichkeiten von außen nicht ein. Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis.
Was genau umfasst die neue EU-Förderbeschränkung?
Projekte, die an das europäische Netz angeschlossen und über die Europäische Investitionsbank finanziert werden, müssen ab dem 1. November 2026 die Vorgaben erfüllen, mit Übergangsregelungen für bereits in Planung befindliche Projekte. Für EU-geförderte Projekte außerhalb Europas gilt eine Frist bis zum 15. April 2027. In der Praxis betrifft das derzeit vor allem Utility-Scale-Projekte und damit rund 15 Prozent des europäischen Marktes. Es handelt sich nicht um ein Verbot, sondern um eine Einschränkung der öffentlichen Förderung für Produkte aus Hochrisiko-Lieferketten. Eine klare Herausforderung ist das Fehlen formaler schriftlicher Vorgaben: Die Details wurden bislang vor allem an die Finanzierungsbanken kommuniziert und nicht transparent veröffentlicht. Schriftliche Klarheit wäre für die gesamte Branche sehr hilfreich.
Würden umfassendere Made-in-Europe-Vorgaben Solarprojekte deutlich verteuern?
Nein. Unabhängige Analysen zeigen, dass in Europa gefertigte Wechselrichter die Gesamtsystemkosten bei kleineren Anlagen um zwei bis vier Prozent erhöhen, bei Utility-Scale-Projekten noch weniger. Bei der Komponente selbst kann der Preisunterschied bei bis zu 50 Prozent liegen, auf Systemebene bewegt sich der Effekt jedoch im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Das ist ein angemessener Preis für europäische Sicherheit, Resilienz und Wertschöpfung. Österreich wendet bereits einen Made-in-Europe-Bonus an, der auch verlangt, dass die Leiterplattenbestückung in Europa erfolgt, nicht nur die Endmontage. Das ist ein bedeutsamer Schritt.
Wäre die Branche in der Lage, schnell hochzufahren, wenn die Nachfrage weiter steigt?
Ja. Fronius könnte die Kapazität innerhalb eines Jahres auf 17 Gigawatt ausbauen. Europaweit stehen bereits mehr als 100 Gigawatt Wechselrichter-Produktionskapazität zur Verfügung. Der Arbeitsmarkt hat sich wieder zugunsten der Arbeitgeber gedreht, sodass die Rekrutierung von Fachkräften in Oberösterreich wieder realistisch ist. Klare Rahmenbedingungen würden zudem Skalen- und Automatisierungseffekte freisetzen und europäische Produkte preislich zunehmend wettbewerbsfähig machen.
Wie wirken sich die jüngsten US-Importbeschränkungen für in China gefertigte Wechselrichter auf Europa aus?
Die Maßnahme betrifft alle nicht in den USA hergestellten Wechselrichter, nicht nur chinesische. Neue Produktgenerationen benötigen eine Ausnahmegenehmigung der FCC, die eine detaillierte Offenlegung von Eigentümerstrukturen, Lieferketten, Softwarekontrolle und Fernzugriffsmöglichkeiten umfasst. Hersteller müssen zudem Pläne für eine künftige Produktion in den USA vorlegen. Begründet wird das mit der nationalen Sicherheit. Das ist eine logische und konsequente Entscheidung. Für Europa bedeutet dies, dass globale Überkapazitäten zunehmend auf unseren Markt umgelenkt werden. Europa muss daher rasch mit weiteren Maßnahmen handeln, um seine Industrie und Energiesicherheit zu sichern.
Das Interview führte Hans-Christoph Neidlein























































