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Fraunhofer-StudieEnergiewende ist technisch machbar – auch gegen Widerstände

Der klimaneutrale Umbau unseres Energiesystems ist auch mit weniger Akzeptanz der Bevölkerung machbar, sagt eine neue Fraunhofer-Studie.
Der klimaneutrale Umbau unseres Energiesystems ist auch mit weniger Akzeptanz der Bevölkerung machbar, sagt eine neue Fraunhofer-Studie. (Foto: Rodion Kutsaev on Unsplash)

Eine klimaneutrale Energieversorgung ist auch mit sinkender Akzeptanz technisch und systemisch kein Problem, sagt eine neue Fraunhofer-Studie. Die Kosten der Energiewende hängen aber stark davon ab, ob die Deutschen sich für Klimaschutz engagieren.

19.02.2020 – Würden die Deutschen die Energiewende weitgehend ablehnen, wäre sie technisch noch immer machbar, aber sie würde teuer werden. Zwischen 0,4 und 2 Prozent der derzeitigen deutschen Wirtschaftsleistung schwanken die Kosten, um die CO2-Emissionen im Energiebereich bis 2050 um 95 bis 100 Prozent zu drücken. Je nachdem wie das Engagement der Deutschen in Sachen Klimaschutz aussieht.

„Aufwand und Kosten zur Erreichung der deutschen Klimaschutzziele hängen maßgeblich von den Rahmenbedingungen ab, die von Verhalten und Einstellungen der Gesellschaft geprägt werden“, so formulieren das die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE in ihrer Studie.

Ein halbes Weihnachtsgeschäft für die Energiewende

Im Schnitt würde Deutschland der Umbau des Energiesystems bis 2050 etwa 50 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Zum Vergleich: Das Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel brachte im vergangenen Jahr laut Branchenverband gut 100 Milliarden Euro. Im kostengünstigsten Fall kostet uns ein klimaneutrales Energiesystem sogar nur 15 Milliarden Euro pro Jahr.

Um die Energiewende bis 2050 zu simulieren, entwarfen die Fraunhofer-Experten vier Szenarien:

  • Szenario Beharrung: starke Widerstände gegen den Einsatz neuer Energietechniken im Privatbereich
  • Szenario Inakzeptanz: starker Widerstand gegen den Ausbau großer Infrastrukturen wie Windräder oder Stromleitungen
  • Szenario Suffizienz: gesellschaftliche Verhaltensänderungen senken den Energieverbrauch deutlich
  • Szenario Referenz: Zielerreichung wird weder gefördert noch erschwert

Kosten sinken ab 2050 rapide

Das Ergebnis: Bei einem sparsamen Umgang mit Energie (Szenario Suffizienz) benötigt Deutschland weitaus weniger Windräder und Solaranlagen, weniger neue Stromnetze und Speicher. Die Energiewende würde die besagten 15 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Im Szenario Beharrung, bei dem die größten Widerstände erwartet werden, würde ein klimaneutrales Energiesystem bis 2050 knapp 78 Milliarden pro Jahr verursachen. Allerdings sinken die Kosten nach erfolgreicher Umsetzung 2050 in den Szenarien rapide um 63 bis 75 Prozent, rechnen die Forscher vor.

In allen Szenarien gehen die Studienautoren davon aus, dass Deutschland Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe aus dem Ausland importieren muss, der dort mit Erneuerbaren Energien hergestellt werde. Derzeit sucht die Bundesregierung dafür Partnerländer in Nord- und Westafrika.

Der Energieverbrauch sinkt, Solarenergie nimmt Schlüsselrolle ein

Ein wichtiger, positiver Effekt ist der sinkende Energieverbrauch in allen Betrachtungen. Von heute 3.400 Terawattstunden fällt der Primärenergieverbrauch im Szenario Beharrung auf 2.400 und im Szenario Suffizienz sogar auf 1.700 Terawattstunden. Der Grund: In Zukunft wird es zu einer Elektrifizierung des Verkehrs (E-Autos) und Wärmebereichs (Wärmepumpen) kommen, womit die Wandlungsverluste sinken. Es wird also weniger Energie verschenkt.

Interessant ist vor allem die Rolle der Solarenergie in den vier untersuchten Szenarien. Die Fraunhofer-Forscher gehen davon aus, dass Photovoltaikanlagen auf Dächern und Freiflächen eine Schlüsselrolle im neuen Energiesystem einnehmen. Im Szenario Inakzeptanz werden kaum noch neue Windräder zugebaut und dennoch wird die Energiewende im Jahr 2050 erreicht – mit deutlich mehr Solaranlagen auf Dächern und zu höheren Kosten.

Versorgungssicherheit ist kein Problem

Vor einem Blackout oder einer Dunkelflaute muss sich dabei niemand fürchten, beteuern die Energieexperten: „Die stundenscharfe Betrachtung für die nächsten 30 Jahre zeigt, dass trotz eines sehr hohen Anteils fluktuierender Erneuerbarer Energien für die Strombereitstellung in jeder Stunde und in allen Verbrauchssektoren eine sichere Versorgung erreicht werden kann“, erklärte Prof. Hans-Martin Henning, Institutsleiter des Fraunhofer ISE und einer der Autoren der Studie. cw