Fossile Versicherung: Entlastungsmaßnahmen für Fossile bremsen den Klimaschutz aus

Der Iran-Krieg treibt die Energiepreise in die Höhe. Staatliche Hilfen wirken oft wie eine fossile Versicherung und bremsen Klima- und Energiewende. Dabei sind sie der einzige Weg, um die fossile Abhängigkeit zu beenden.
10.04.2026 – Der Iran-Krieg lässt Preise fossiler Brennstoffe erneut explodieren und staatliche Entlastungsmaßnahmen sind wieder in der Diskussion. Dazu gehören etwa die Senkung der KfZ-Energie- oder Stromsteuer, eine höhere Pendlerpauschale, ein Deckel für Kraftstoffpreise, eine Übergewinnsteuer, ein Tempolimit sowie Direkthilfen über den neu eingerichteten Direktauszahlungsmechanismus. All diese Maßnahmen unterstützen an verschiedenen Enden, doch sie wirken sich auch ganz unterschiedlich auf die Anreizmechanismen des Marktes aus.
Besonders bei Fossilen haben viele staatliche Preisabfederungen fatale Nebenwirkungen, bestätigt eine Analyse Gezielt entlasten, fossile Importabhängigkeit verringern des vom Bundesforschungsministerium geförderten Kopernikus-Projekts Ariadne. Breite Entlastungen, wie sie während der Energiekrise 2022/2023 stattfanden, wirken wie eine implizite Versicherung gegen Preisrisiken. So wird zwar kurzfristig der finanzielle Druck gedämpft, aber langfristig die ökonomischen Anreize für den Umstieg auf klimafreundliche Technologien untergraben und die Abhängigkeit von fossilen Importen zementiert.
Teure Absicherung zulasten der Allgemeinheit
Bei der letzten Energiekrise beliefen sich die Kosten für Entlastungen aufgrund hoher Erdgaspreise auf 55 bis 187 Milliarden Euro. Die Kosten wurden mit der Gasspeicherumlage auf die Allgemeinheit umgelegt und seit Beginn des Jahres aus dem Klima- und Transformationsfonds finanziert. Die Forschenden des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), der Universitäten Potsdam und Würzburg sowie des ifo Instituts definieren den Effekt dieser Maßnahmen als eine Art Dauersubvention. Bei einem Ereignis, das statistisch alle 20 Jahre eintritt, entspräche dies bei Erdgas einer Entlastung von 15 bis 40 Euro pro Tonne CO2 und bei Kraftstoffen von etwa 14 Euro pro Tonne CO2.
„Weil Haushalte und Unternehmen darauf vertrauen können, dass der Staat in Krisen einspringt, werden die Kosten derartiger Preisrisiken auf die Allgemeinheit abgewälzt und nicht von den Nutzerinnen und Nutzern fossiler Energie getragen“, erklärt Matthias Kalkuhl vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Hauptautor des Kurzdossiers.
Der privatwirtschaftliche Anreiz, in Elektroautos, Wärmepumpen oder heimische erneuerbare Energien zu investieren, sinkt dadurch. Aktuell machen fossile Importe 67 Prozent des deutschen Primärenergieverbrauchs aus – ein Volumen von rund 80 Milliarden Euro, was etwa 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht.
Direkthilfen greifen nicht in den Marktmechanismus ein
Maßnahmen wie pauschale Einmalzahlungen, Direkthilfen oder progressive Einkommensteuersenkungen werden als besonders effektiv bewertet. Der entscheidende inhaltliche Vorteil ist, dass sie die Preisbildung am Energiemarkt unberührt lassen. Da jede verbrauchte Einheit weiterhin zum hohen Marktpreis abgerechnet wird, bleibt der finanzielle Anreiz zum Energiesparen voll erhalten. Geringverdiener werden so vor Liquiditätsengpässen bewahrt, ohne dass der Staat den eigentlichen Energieverbrauch subventioniert. In diese Kategorie fällt auch eine allgemeine Reduktion der Stromsteuer, da sie die fossilen Preissignale etwa beim Heizen oder Tanken nicht verwässert.
Preisverzerrende Instrumente schaffen eine fossile Versicherung
Die direkte Senkung von Energiesteuern wie der Tankrabatt oder ein Deckel für Kraftstoffpreise werden als kostspielige Fehlsteuerungen eingeordnet. Inhaltlich führen sie zu einem Überkonsum, da der Sparanreiz schwindet. Da das Angebot an fossilen Energieträgern starr ist, landet ein Großteil der Entlastungssumme – bis zu 72 Prozent – direkt bei den Öl- und Gasproduzenten im Ausland. Deutsche Steuerzahler finanzieren somit indirekt die Übergewinne der Exporteure. Diese Interventionen verzerren das Preissignal und beheben nicht die Ursache der Abhängigkeit.
Hybride Kompensationsmodelle schaffen ein dynamisches Anreizproblem
Instrumente wie die Gaspreisbremse versuchen, finanziell zu unterstützen, ohne den Sparanreiz zu zerstören, indem sie die Entlastungshöhe am Vorjahresverbrauch orientieren. Theoretisch ermöglicht dies eine präzise Entlastung, ist in der Praxis aber besonders bei Kraftstoff kaum umsetzbar. Eine Senkung der KfZ-Steuer entlastet zwar Autofahrer allgemein, aber nicht besonders betroffene Gruppen, die ihren Kraftstoffverbrauch schwer senken können. Eine Anpassung der Pendlerpauschale wirkt wiederum nur verzögert und erfasst nicht alle notwendigen Pendeldistanzen.
Zudem entsteht ein dynamisches Anreizproblem: Wenn Haushalte und Firmen auf dauerhafte staatliche Kompensation vertrauen, sinkt die Motivation für langfristige Investitionen in klimafreundliche Alternativen wie Wärmepumpen oder Elektroautos.
Das Verursacherprinzip stärken
Um den Teufelskreis aus Preisrisiko und staatlicher Rettung zu durchbrechen, empfehlen die Experten eine politische Kurskorrektur. Ein zentraler Hebel sei die Senkung der Stromsteuer. Dies würde Strom im Vergleich zu fossilen Brennstoffen günstiger machen und etwa den Wechsel von der Gasheizung zur Wärmepumpe ökonomisch forcieren.
Zudem plädieren die Forschenden dafür, Entlastungen konsequent mit dem Verursacherprinzip zu koppeln. Entlastungsmaßnahmen sollten nach überwundener Krise durch höhere Abgaben auf Erdgas und Erdöl refinanziert werden. Klima- und Menschenrechtsorganisationen fordernd zudem eine Übergewinnsteuer, um Krisengewinne abzuschöpfen, sowie ein Tempolimit, um den Konsum und damit die fossile Abhängigkeit schnell zu reduzieren.
Nur wenn das Preisrisiko bei den fossilen Energieträgern verbleibt, entsteht der notwendige Druck für langfristige Investitionen in die Dekarbonisierung. Energiesicherheit und Unabhängigkeit sind langfristig nur durch einen Ausstieg aus Fossilen und den konsequenten Ausbau Erneuerbarer Energien zu machen. Julia Broich






















































