Kaukasisch-kaspischer Energiekorridor: Europa will Ökostrom künftig auch aus Zentralasien beziehen

Die Kaukasusregion soll eine Brückenfunktion für die Versorgung Europas mit erneuerbaren Energien aus Zentralasien übernehmen. Im Rahmen ihrer Global Gateway-Initiative unterstützt die EU das Vorhaben finanziell und organisatorisch.
02.06.2026 – Denkt man an Aserbaidschan, kommen einem zunächst Öl-Bohrtürme in den Sinn oder der brennende Berg Yanar Dağ nahe der Hauptstad Baku, aus dem permanent von Erdgas gespeiste Flammen lodern. Traditionell gehört das Feuerland Aserbaidschan zu Europas wichtigen Lieferanten von Öl und Erdgas. Dass es die EU künftig mit sauberem Strom aus Solar-, Wind- und Wasserkraft versorgen soll, mag überraschen, ist aber eine realistische Möglichkeit, die Ende Mai 2026 auch auf dem Burgas Connectivity Forum 2026 (BCF 2026) in Bulgariens Schwarzmeerhafenstadt Burgas erörtert wurde.
In der Kaukasus-Region wie am Kaspischen Meer seien die erneuerbaren Energien vergleichsweise noch wenig entwickelt, referierte dort Zviad Kharebava, Direktor Infrastruktur und Umwelt des Consulting-Unternehmens PMCG aus der georgischen Hauptstadt Tiflis.
Die südkaukasischen Länder Aserbaidschan und Georgien und die zentralasiatischen Staaten Kasachstan und Usbekistan hätten aber begonnen, „ihr riesiges Potenzial an Sonnen-, Wind- und Wasserkraft für ihre Elektrizitätserzeugnis zu nutzen“.
Dieses übersteige ihren Eigenbedarf bei weitem, so könnten sie „ab dem Jahr 2030 Ökostrom über den Caspian Black Sea EU Green Energy Corridor (CEGEC) in die EU ausführen“, erklärte der PMCG-Chef.
Erste erneuerbare Projekte in größerem Maßstab
Tatsächlich hat die Entwicklung von Projekten regenerativer Energieträger im Kaukasus und jenseits des Kaspischen Meers Fahrt aufgenommen. Georgien fokussiert sich noch stark auf seine traditionelle Hydroenergie, in Aserbaidschan, Usbekistan und Kasachstan aber häufen sich großmaßstäbliche Projekte der Photovoltaik und Windkraft. So baut das Unternehmen Masdar aus Abu Dhabi im aserbaidschanischen Bilasuvar das mit einer Leistung von 445 Megawatt größte Solarkraftwerk des Südkaukaus. Zum Ende des Jahres soll esans Netz gehen und knapp 180 000 Haushalte mit Strom versorgen. In den von der Regierung in Baku zu „Grünen Energiezonen“ erklärten Regionen Bergkarabach und Ost-Sangesur nahe der iranischen Grenze sollen Projekte mit einer Kapazität von insgesamt 1,6 Gigawatt realisiert werden.
In Usbekistan hat Energy China in der Region Burkhara die Windparks Bash und Dzhankeldy mit jeweils 500 Megawatt errichtet, die als die größten Zentralasiens gelten. Allerdings nicht für lange, denn Kasachstan will bis 2028 einen Windpark errichten mit einem Gigawatt Leistung. Derlei Projekte schöpfen das technisch und wirtschaftlich realisierbare Potenzial zur Nutzung regenerativer Energieträger im Kaukasus und im kaspischen Raum aber nicht annähernd aus.
Der grüne Korridor bündelt Übertragungswege zu Wasser und auf dem Land
Perspektivisch erscheint der Export grüner Elektrizität aus der sonnigen und windigen Region östlich des Schwarzen und Kaspischen Meers nach Europa daher ein lohnendes Geschäft. Voraussetzung für seine Realisierung ist aber die Schaffung eines Transportkorridors für grüne Energie. Bei ihm handelt es nicht um ein einzelnes Infrastrukturprojekt, sondern ein Bündel aus Bauvorhaben, die alle den Zweck verfolgen, die im riesigen und dünnbesiedelten Zentralasien aus nachhaltigen Energiequellen wie Wasser, Sonne und Wind generierte Elektrizität zügig und günstig zu den knapp 500 Millionen Konsumenten des europäischen Binnenmarkts zu transportieren. Ist Aserbaidschan als Makler bei dem Stromhandel auch die treibende Kraft, so kommt laut Zviad Kharebava „der technischen Infrastruktur Georgiens dabei ebenfalls eine wichtige Funktion für den Stromtransit zu“.
Bereits im Dezember 2022 vereinbarten Ungarn, Rumänien, Georgien und Aserbaidschan ihre strategische Partnerschaft im Bereich der Entwicklung und Übertragung grüner Energie und gründeten die gemeinsame Green Energy Corridor Power Company (GECO), Im November 2024 einigten sich dann die Staatspräsidenten von Aserbaidschan, Kasachstan und Usbekistan auf dem Klimagipfel COP 29 in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku zur gemeinsamen Entwicklung des Kaspischen Grünen Energiekorridors und gründeten einen Monat später die Green Corridor Alliance (GCA).
Stromleitungen zu Wasser und zu Land
Die in Baku ansässige GCA will auf dem Grund des Kaspischen Meeres eine Hochspannungsstromleitung vom kasachischen Aktau in die rund 400 Kilometer entfernte aserbaidschanische Freihandelszone Alat verlegen. Sie soll über eine Übertragungskapazität von zwei Gigawatt verfügen und ca. 2,5 Milliarden US-Dollar kosten. Die GECO plant ein knapp 1.200 Kilometer langes Hochspannungskabel durch das Schwarze Meer von der georgischen Küstenstadt Anaklia zum rumänischen Konstanza, das über eine Kapazität von 1,3 Gigawatt verfügen und drei Milliarden Euro kosten soll.
Im Rahmen ihrer Schwarzmeer-Strategie hat die EU das submarine Stromkabel von Georgien nach Rumänien in den Zehnjahres-Netzentwicklungsplan (TYNDP 2026) des Verbands Europäischer Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) aufgenommen. Im vergangenen Jahr verlieh sie ihm zudem den Status eines Projekts von gegenseitigem Interesse (PMI). Dies ermöglicht eine Teilfinanzierung des Projekts mit europäischen Fördermitteln und vereinfachte Genehmigungsverfahren.
Zuletzt verständigten sich die Energieminister von Bulgarien, der Türkei, Georgien und Aserbaidschan Mitte Mai 2026 am Rande des Istanbul Natural Resources Summit (INRES 2026) auf Maßnahmen zur beschleunigten Realisierung eines Grünen Energiekorridors über den Landweg. Der Bulgarischen Telegraphen-Agentur (BTA) zufolge beschlossen sie die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens der Übertragungsnetzbetreiber ihrer Länder, das den im Kaukasus und Kaspischen Raum erzeugten Ökostrom über das türkische Stromnetz nach Bulgarien transportieren soll.
Bei diesem Projekt übernimmt die Türkei die führende Rolle, bei den submarinen Energiekorridoren hat Aserbaidschan den Hut auf. Laut BTA soll nach dem Willen der Regierung in Ankara noch in diesem Jahr Ökostrom von Aserbaidschan auf dem Landweg über Georgien und die Türkei nach Bulgarien fließen, später auch grüner Wasserstoff. Voraussetzung dafür seien aber „noch Maßnahmen zur Angleichung technischer Standards, eine gemeinsame Infrastrukturplanung sowie geteilte Investitionsverantwortung“.
„Es wird ein Fahrplan erstellt, um beschleunigende Aktivitäten zur Umsetzung des Grünen Energiekorridors zwischen Aserbaidschan und Bulgarien zu identifizieren", zitiert BTA Bulgariens stellvertretenden Energieminister Kiril Temelkov im Anschluss an das Istanbuler Ministertreffen. Die Diversifizierung der Energiequellen und Konnektivität der Stromnetze hält er für „Schlüsselfaktoren für Versorgungssicherheit, Dekarbonisierung und bezahlbare Strompreise“. Frank Stier


















































