Öl und GasUngebremste fossile Expansion in Lateinamerika und der Karibik

Amazonas Regenwald
Die Ausbeutung von Öl und Gas in Lateinamerika und der Karibik ist ungebrochen, zeigt urgewald (Bild: Zdeněk Macháček / Unsplash+ Lizenz).

Die Ausbeutung von Öl und Gas in Lateinamerika und der Karibik ist ungebrochen. Die fossilen Brennstoffe ziehen eine Schneise der Zerstörung über ihren gesamten Lebenszyklus. urgewald zeigt Unternehmen und internationale Geldgeber auf.

01.10.2025 – Die fossile Ausbeutung in Lateinamerika und der Karibik geht seit dem Pariser Klimaabkommen ungebremst weiter. 190 fossile Unternehmen aus 42 Ländern erkunden oder erschließen derzeit neue Öl- und Gasquellen oder bauen neue Infrastruktur für fossile Brennstoffe in der Region. In den vergangenen 10 Jahren wurden dort über 930.000 Quadratkilometer für die Öl- und Gasförderung freigegeben. Das entspricht einer Fläche, die größer ist als Venezuela.

Im November tagt die 30. Klimakonferenz (COP30) in Belém, Brasilien, vor dem Hintergrund massiver fossiler Expansion. Getrieben wird der fossile Hunger von einer Mischung aus nationalen und internationalen Unternehmen sowie ausländischen Banken und Investoren, vor allem aus Europa, Nordamerika und Japan, zeigt eine Analyse der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald.

Der Bericht The Money Trail Behind Fossil Fuel Expansion in Latin America & the Caribbean zeigt auf, welche Unternehmen neue fossile Brennstoffvorkommen in der Region erkunden und erschließen oder neue fossile Infrastruktur wie Pipelines, Flüssigerdgasterminals (LNG) und Gaskraftwerke bauen, und wie sie sich finanzieren.

Gefährliche fossile Fördermethoden auf dem Vormarsch

An der Spitze der Exploration steht das brasilianische Fossilunternehmen Petrobras, das für 29 Prozent der Expansion von Öl- und Gasförderung in der Region verantwortlich ist. Hinter etwas mehr als der Hälfte der neuen Öl- und Gasressourcen stehen internationale Unternehmen.

Die Region ist nicht nur ein Hotspot für Biodiversität, sondern auch für riskante Förderverfahren fossiler Brennstoffe. In Lateinamerika und der Karibik erproben fossile Unternehmen besonders häufig riskante und neue Förderverfahren. Mehr als drei Viertel der Öl- und Gasexpansion in der Region wird als unkonventionell beschrieben. Über die Hälfte sind umstrittene Ultra-Tiefsee-Projekte und 22 Prozent Fracking-Projekte. Als Ultra-Tiefsee-Projekte werden Bohrungen in Tiefen von mehr als 1500 Metern Tiefe bezeichnet. Das bekannteste desaströse Beispiel eines solchen Projekts ist BPs Deep Water Horizon. In Folge einer Explosion flossen 5 Millionen Barrel Rohöl in den Golf und verschmutzten mehr als 2.000 Kilometer Küste. Fast 60 Prozent der globalen Ultra-Tiefsee-Expansion entfällt auf die Region – und inzwischen bohren sie deutlich tiefer als damals.

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Eine große Ölbohrplattform schwimmt im ruhigen Wasser einer Bucht, rechts im Bild. Im Hintergrund sind weitere Plattformen, Kräne und ein bewaldeter Hügel zu sehen. Links erstreckt sich eine lange Brücke über das Wasser unter klarem, blauem Himmel.
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Im Widerspruch zu seinem Auftreten als künftiger COP-Gastgeber, will Brasilien die heimische Öl- und Gasförderung exzessiv erweitern. Doch eine diese Woche stattfindende Auktion für die Förderung fossiler Brennstoffe stieß auf geringes Interesse.

Neue fossile Infrastruktur zerstört Landschaften

Neben neuen Öl- und Gasfeldern wird entsprechend neue Infrastruktur gebaut, um die fossilen Brennstoffe abzutransportieren. Geplant sind nahezu 8.800 km neue Öl- und Gaspipelines. Aneinandergelegt würden diese Pipelines die Länge der Strecke von Havanna bis zur Südspitze Chiles erreichen. Mit zwei Ausnahmen handelt es sich bei allen um Pipelines für fossiles Gas.

Auch die LNG-Infrastruktur wird massiv ausgebaut. 19 LNG-Exportterminals mit einer Gesamtkapazität von 97 Millionen Tonnen pro Jahr sind geplant oder befinden sich im Bau. Werden sie vollständig umgesetzt, erhöhen sie die LNG-Exportkapazitäten der Region um 470 Prozent. Der Ausbau der Importterminals liegt mit 13 und einer Gesamtkapazität von 36 Millionen Tonnen pro Jahr etwas darunter.

Internationale Banken finanzieren Klimazerstörung

Fossile Unternehmen investierten über die vergangenen drei Jahre 28,3 Milliarden US-Dollar in die Suche nach neuen Öl- und Gasvorkommen. An erster Stelle steht das Unternehmen Pemex mit 9,5 Mrd. USD, es folgen Petrobras mit 2,6 Mrd. USD, Exxon Mobil mit 1,8 Mrd. USD, und Shell mit 1,6 Mrd. USD.

Im selben Zeitraum vergaben 297 Banken 138,5 Milliarden US-Dollar an Unternehmen, die neue fossile Projekte in der Region entwickeln. Der größte Geldgeber ist die spanische Bank Santander mit 9,9 Mrd. USD, gefolgt von JPMorgan Chase mit 8,1 Mrd. USD, Citigroup mit 7,9 Mrd. USD und Scotiabank mit 7,2 Mrd. USD.

92 Prozent der Gelder stammten aus Ländern außerhalb Lateinamerikas und der Karibik, vor allem aus den USA, Kanada, Europa und China. Mit 96 Prozent liegt der Anteil institutioneller Investoren, die von außerhalb stammen, sogar noch etwas höher. Banken aus dem Globalen Norden treiben die Expansion fossiler Brennstoffe in Lateinamerika und der Karibik damit maßgeblich mit voran.  

Neue fossile Projekte gefährden das 1,5-Grad-Ziel

Seit 2021 warnt die Internationale Energieagentur (IEA), dass die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen mit dem 1,5-Grad-Ziel nicht vereinbar ist. In Lateinamerika und der Karibik planen fossile Unternehmen davon unbeeindruckt, die Öl- und Gasproduktion um 25 Milliarden Barrel Öläquivalent auszuweiten. Rund 10 Gigatonnen CO2-Äquivalente würden damit verursacht; 7,7 Prozent des weltweit verbleibenden Kohlenstoffbudgetsim Rahmen des 1,5°C-Limits, so urgewald.

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Segel setzen gegen den fossilen Rollback

Auf der Weltklimakonferenz wird die fossile Industrie eskalieren – und auf die Bewegung für Klimagerechtigkeit treffen. Die ersten Segelboote mit Aktivist*innen sind bereits auf dem Weg über den Atlantik.

Der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag hatte wiederum erst im Juli festgestellt, dass eine lebenswerte Umwelt ein Menschenrecht und damit Klimaschutz für Staaten verpflichtend ist. 2022 warnte die Weltbank, dass der Klimawandel bis 2030 extreme Armut in Lateinamerika und der Karibik verdreifachen könnte. Lokale Gemeinden und indigene Gemeinschaften protestieren gegen die voranschreitende Zerstörung ihres Lebensraums, zu dem einige der ökologisch vielfältigsten Gebiete der Welt zählen, wie der Amazonas-Regenwald.

Der Amazonas-Regenwald steht vor dem Kipppunkt

Im Amazonas-Regenwald wurden 126 Blöcke für fossile Exploration und Ausbeutung freigegeben. Sie umfassen eine Fläche von über 25 Millionen Hektar. In Peru, Ecuador, Bolivien und Kolumbien überschneiden sich Öl- und Gasfelder mit 1.647 indigenen Gebieten, darunter auch Gebiete, die indigenen Völkern gehören, die in freiwilliger Isolation leben, heißt es in dem Bericht.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden immer größere Gebiete des Regenwalds immer schneller gerodet. Der Amazonas-Regenwald liegt zu mehr als der Hälfte in Brasilien. Bolsonaros Amtszeit markierte den traurigen Höhepunkt des Kahlschlags. Forscher gehen davon aus, dass mehr als ein Fünftel des Regenwaldes bereits verschwunden ist.

Der Regenwald im Amazonas-Gebiet beherbergt 10 Prozent der Artenvielfalt unseres Planeten, darunter 400 Säugetierarten, 1.300 Vogelarten und mehr als 40.000 Pflanzenarten. Derweil entdecken Forscher jedes Jahr über 100 neue Arten. Er wird oft als grüne Lunge der Erde bezeichnet und speicherte früher große Mengen CO2. 2023 meldeten Wissenschaftler erstmals, der Amazonas-Regenwald emittiere stellenweise mehr CO2, als er aufnehmen. Satellitenbilder bestätigen dies auch im Folgejahr, besonders deutlich im südlichen Amazonas-Regenwald, wo der Wald stark geschädigt ist. Seit einigen Jahren warnen Forscher, dass der Wald langfristig kippen könnte. Es steht zu erwarten, dass dies weitreichende Rückkopplungseffekte auf das Erdklima hätte. jb

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