Fossile Energien: Gas statt Tempo bei Erneuerbaren, Karte zeigt neue Bohrpläne in Deutschland

Von der Nordsee bis zu den Alpen – im ganzen Land sollen neue Gasinfrastrukturen, wie Kraftwerke, LNG-Terminals und Förderstätten entstehen. Umweltorganisationen zeigen, auf einer interaktiven Karte, wo.
15.04.2026 – Um die Abhängigkeiten im Energiebereich zu reduzieren, wolle man als Bundesregierung – neben dem ambitionierten Ausbau Erneuerbarer Energien – auch „die Erschließung ausgewählter heimischer Gasvorkommen“ vorantreiben. So steht es im Beschlusspapier der Bundesregierung vom Wochenende, als Antwort auf die aktuelle Energiepreiskrise.
Doch um welche heimischen Gasvorkommen geht es? Gefördert wird aktuell vor allem in Niedersachsen. Rund 98 Prozent des gesamten Ertrages stammen von dort. Kleinere Förderanlagen gibt es in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Bayern. Mit rund 4,4 Milliarden Kubikmeter Fördervolumen, weist die heimische Förderung aktuell einen Anteil von rund 4,3 Prozent des gesamten deutschen Bedarfs aus.
Die Erschließung weiterer Vorkommen ist bereits in Planung und teilweise schon in konkreter Vorbereitung. Das zeigt eine neue, interaktive Karte, die aus einer gemeinsamen Arbeit von neun Umweltorganisationen entstanden ist. Das größte und medial bekannteste Projekt liegt vor der Nordseeinsel Borkum. Von niederländischer bis deutscher Seite erstreckt sich unter dem Meeresboden ein riesiges Erdgasfeld. Auf niederländischer Seite fördert der dort ansässige Energiekonzern One-Dyas bereits Erdgas aus der Tiefe. Auf deutscher Seite soll dies ebenfalls schnellstmöglich geschehen.
Dabei bekommt der Konzern offenbar Unterstützung von Niedersachsens Ministerpräsidenten Olaf Lies (SPD). Der schürte nach einem Austausch mit One-Dyas gegenüber dem Bundesumweltministerium Sorgen vor Entschädigungszahlungen, sollte das Gas-Projekt nicht vollendet werden. Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) dagegen sieht das Projekt kritisch aufgrund drohender Klima- und Umweltschäden. Ein völkerrechtliches Abkommen – ein sogenanntes Unitarisierungsabkommen – zwischen Deutschland und den Niederlanden zur grenzüberschreitenden Gasförderung steht noch aus. Aktuell beraten Bundestag und Bundesrat über den Gesetzentwurf.
Trinkwasserversorgung in Gefahr
Sehr aktiv in Deutschland ist zudem das kanadische Unternehmen MCF Energy, dass sich auf die Erschließung von Erdgasressourcen in Europa spezialisiert hat. In Reichling in der Gemeinde Landsberg am Lech, unweit von München, wurden im September 2025 Probebohrungen für ein Bohrfeld abgeschlossen, dass nur 800 Meter von der Trinkwasserquelle des Ortes entfernt ist. Der Widerstand vor Ort und von Umweltverbänden ist groß.
Weitere Erkundungen führt MCF Energy im brandenburgischen Reudnitz, sowie im baden-württembergischen Erlenwiese durch. Von anderen, teils internationalen, Energiekonglomeraten gibt es Probebohrungen im Pfullendorf, Baden-Württemberg, Mühlleite, Bayern, sowie Weißenmoor und Wisselshorst in Niedersachsen. In Wisselshorst soll zudem eine weitere Gasbohrungsanlage noch in diesem Jahr in Betrieb gehen. An dem Standort wird bereits Gas gefördert.

Erkundungsbohrungen für die künftige Förderung von Gas in Deutschland (Karte: Gemeinsam Gegen Gas)
Transparenz herstellen
Die interaktive Karte wurde von den neun Umweltorganisationen Beyond Fossil Fuels, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Deutsche Umwelthilfe (DUH), Fridays for Future, FragDenStaat, Gaswende, Greenpeace, Klimawende Köln und urgewald erarbeitet und am heutigen Mittwoch veröffentlicht. Neben Gasbohrungen für künftige Förderungen, zeigt die Karte auch weitere geplante und in Bau befindliche Gasinfrastrukturen – von Kraftwerken, über Pipelines bis hin zu Flüssigerdgas-Terminals (hier auch in Betrieb befindliche).
Die Bundesregierung treibe derzeit zahlreiche fossile Infrastrukturvorhaben voran, ohne transparent darüber zu informieren, so der Vorwurf der Umweltorganisationen. Die interaktive Karte mache erstmals den Ausbau fossiler Gasinfrastruktur in vollem Umfang sichtbar. Der Zorn richtet sich vor allem gegen Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche.
„Seit Amtsantritt treibt Wirtschaftsministerin Reiche den Ausbau fossiler Infrastruktur voran und behindert die Energiewende. Bis 2031 will die Bundesregierung Leistung in Höhe von 12 Gigawatt zubauen, davon 10 allein für Gaskraftwerke. Obwohl Alternativen längst auf dem Tisch liegen, werden Milliarden in Infrastruktur gelenkt, die die Klimakrise verschärft und die Transformation blockiert“, sagt Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH.
Moritz Leiner, Energie-Campaigner bei urgewald, sagt: „Fossile Konzerne wie RWE, EPH, Uniper, EnBW und Siemens Energy üben massiven Druck auf die Bundesregierung aus, um staatliche Subventionen für neue Gaskraftwerke zu sichern. Statt diesen teuren fossilen Backlash zu unterstützen, sollte Ministerin Reiche den Ausbau eines erneuerbaren und global gerechten Energiesystems voranbringen.“
Schon jetzt fließen erhebliche Subventionen in deutsche Gasinfrastrukturen. So wird die Befüllung der Gasspeicher seit Anfang 2026 im Umfang von mehr als 3 Milliarden aus dem Klima- und Transformationsfonds finanziert. Für den Betrieb der vier schwimmenden LNG-Terminals in Brunsbüttel, Stade sowie an zwei Standorten in Wilhelmshaven erhält die Deutsche Energy Terminal (DET) staatliche Mittel von bis zu 5 Milliarden Euro. 2025 waren im Sondervermögen für Infrastruktur Ausgaben von 835 Millionen Euro für LNG-Terminals und Schiffe angesetzt.
Zudem ist Erdgas von der Energiesteuer befreit, sofern es als Brennstoff für die Stromerzeugung in ortsfesten Anlagen mit einer elektrischen Nennleistung von mehr als zwei Megawatt verwendet wird. Das senkt die Stromgestehungskosten von Gaskraftwerken und wird dadurch mit rund 1,2 Milliarden Euro jährlich subventioniert. Für die geplanten 10 GW Gaskraftwerkskapazität im Rahmen der Kraftwerksstrategie könnten die staatlichen Beihilfen rund 6,6 Milliarden Euro betragen.
Ambitionierter Erneuerbaren Ausbau, Fehlanzeige
Und der im Beschlusspapier vom vergangenen Wochenende angekündigte ambitionierte Ausbau Erneuerbarer Energien? Die Eckpunkte zum neuen Gebäudemodernisierungsgesetz, und geleakten Entwürfe – namentlich Netzpaket und EEG-Novelle – aus dem Wirtschaftsministerium weisen in eine andere Richtung.
Auch ein Entwurf zur Novellierung des Energieeffizienzgesetzes sorgte jüngst für harsche Kritik. Ausgerechnet in der Phase geopolitischer Unsicherheit werde das Gesetz als Instrument für die Energieunabhängigkeit Deutschlands massiv geschwächt, so die Kritik der DENEFF, der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz. So sollen unter anderem die Einsparverpflichtungen für Bund und Länder ersatzlos gestrichen werden, die zur Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtline notwendig sind.
Ein breites Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen ruft für den kommenden Samstag zu Großdemonstrationen in Berlin, Hamburg, München und Köln auf. Unter dem Motto „Erneuerbare Energien verteidigen“ fordert das Bündnis auf, sich den Plänen aus Wirtschaftsministerium und Bundesregierung entgegenzustellen. mg






















































