Stromversorgung: Gaskraftwerke: Teure fossile Versorgungssicherheit

Schon bei den reinen Stromgestehungskosten fallen Gaskraftwerke gegenüber Erneuerbaren Energien ab. Kommen die Kosten für das Klima hinzu, wird es richtig teuer, wie eine neue Studie zeigt.
11.03.2026 – Am 27. Februar, dem Tag vor dem Angriff der USA und Israel auf den Iran, lag der Gaspreis an der wichtigsten europäischen Gas-Handelsbörse, der niederländischen TTF, noch bei 30 Euro pro Megawattstunde (MWh). Mit Beginn des Angriffs und folgenden Sperrung der Straße von Hormus, der Meerenge zwischen Iran und Oman, durch Iranische Streitkräfte, stieg der Gaspreis immer weiter an. Rund ein Fünftel des globalen Handels für Flüssigerdgas passiert im Normalfall die nur 20 Kilometer breite Meerenge (mit einem Schiffkorridor von gerade einmal drei Kilometern Breite in jede Richtung).
LNG, das vor allem aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten zuvorderst in andere asiatische Länder wie China und Indien verschifft wird. Rund 83 Prozent des asiatischen LNG-Bedarfs geht durch die Straße von Hormus. Auch wenn europäische Länder weniger abhängig von LNG aus dem Nahen Osten sind, da asiatische Länder zu höheren Preisen aus anderen Quellen LNG beziehen müssen, treibt das auch in Europa die Gaspreise nach oben. Auf fast 70 Euro pro MWh stieg am Montag der Gaspreis an der niederländischen TTF.
Eine erneute Energiekrise bahnt sich an. Infolge des Stopps russischer Erdgaslieferungen über Pipelines nach Europa stieg der Preis an der TTF im August 2022 auf bis zu 340 Euro pro MWh an. Als hätte die Bundesregierung und insbesondere Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche den erneuten Anstieg nicht kommen sehen, plant der Bund den Zubau erheblicher Kapazitäten an Gaskraftwerken als sogenannten Back-Up für Dunkelflauten. Rund 10 Gigawatt an Gaskraftwerkskapazitäten werden voraussichtlich noch in diesem Jahr ausgeschrieben. Geht es nach Ministerin Reiche, sollen weitere bis zu 30 GW hinzukommen.
Kostenrisiko Gas
Dabei würde ein neues Gaskraftwerk gesamtgesellschaftliche Kosten von bis zu 67 Cent pro Kilowattstunde Strom verursachen, wie das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) in einer Studie im Auftrag des Ökoenergieversorgers Green Planet Energy ermittelt hat. Die durch den Krieg im Iran ausgelösten Preissteigerungen bei Öl und Gas würden erneut belegen, wie schnell Gas zum Kostenrisiko wird – auch im Stromsektor. „Energiekrisen wie 2022 lassen die reinen Stromgestehungskosten von Erdgas laut Studie auf bis zu 53 Cent/kWh ansteigen, die zusätzlichen Klimaschäden noch nicht einkalkuliert“, so Green Planet Energy in ihrer Pressemitteilung.
Schon bei nicht-internalisierten Klimaschadenskosten würden laut FÖS-Studie die Stromgestehungskosten eines neu errichteten 500 Megawatt (MW)-Gaskraftwerks mit 1.000 Volllaststunden und einem CO₂-Preis von 100 Euro pro Tonne CO₂ rund 23 Cent pro Kilowattstunde (kWh) und rund 28 Cent/kWh bei einem CO2-Preis von 150 Euro/t CO2 betragen. Der Preis bezieht sich auf die Zertifikate im Europäischen Emissionshandel (EU-ETS). Der beträgt aktuell rund 72 Euro/t CO2. Im Februar lag der Preis aber auch schonmal bei 92 Euro. Es wird erwartet, dass der Preis durch Verknappung von frei verfügbaren Zertifikaten in den kommenden Jahren deutlich steigt.
Zum Vergleich: Stromgestehungskosten von PV-Freiflächenanlagen und Windenergieanlagen an Land betragen zwischen 4,1 und 9,2 Cent/kWh. Das FÖS hat in seiner Studie derweil auch weitere grüne Technologien zur Versorgungssicherheit analysiert. So schneidet grüner Wasserstoff mit 23,5 Cent/kWh ohne die internalisierten Klimaschäden ähnlich ab wie Erdgas, Biogas wäre bei einer Spannbreite von 29,9 bis 64 Cent/kWh zunächst teurer.
Laut Umweltbundesamt deckt der europäische Emissionshandel aber nur einen Teil der Klimaschadenskosten ab. So lagen die Klimakosten pro Tonne emittierten CO2-Äquivalenten 2024 bei 300 bis 880 Euro, je nachdem wie hoch auch Schäden für künftige Generationen eingepreist werden. Kosten, die weiter steigen. 2030, wenn die in diesem Jahr ausgeschriebenen Gaskraftwerke in Betrieb gehen sollen, seien es bereits Folgekosten von 330 bis 940 Euro/t CO2.
Vor allem Methanemissionen sind bei der Erdgas-Lieferkette ein gewichtiger Faktor, der im Emissionshandel zum Großteil nicht eingepreist ist. Methanemissionen treten entlang der gesamten Erdgas-Wertschöpfungskette auf – angefangen bei Leckagen bei Förderung, Produktion und Aufbereitung, über Emissionen aus Pipelines, Verdichterstationen und Speicheranlagen sowie bei der Endnutzung durch Methanschlupf bei unvollständiger Verbrennung. Im Emissionshandel sind Methanemissionen außerhalb Europas bei Erdgasförderung und -transport nicht berücksichtigt.
Studien zeigen, dass Erdgas bereits bei Leckraten zwischen 2,4 und 3,2 Prozent seinen vermeintlichen Klimavorteil gegenüber Kohle verliert. Für durch Fracking gewonnenes Gas lässt sich die Leckrate vermutlich selbst unter optimierten Bedingungen kaum unter 3,8 Prozent senken. Unabhängige Messungen in den USA haben teils bis zu 60 Prozent höhere Methanemissionen ergeben als offiziell gemeldet.
Ein einziges Kraftwerk kann Kosten in Milliardenhöhe erzeugen
So kommt das FÖS in der Studie auf gesamtgesellschaftliche Kosten von 35 bis 67 Cent/kWh. „Unsere Analyse zeigt klar, dass neue Gaskraftwerke nicht nur hohe direkte Kosten verursachen, sondern vor allem massive Klimaschäden, die bisher unberücksichtigt bleiben. Ein einziges Kraftwerk kann bis 2045 externe Kosten in Milliardenhöhe erzeugen. In einer Zeit, in der kosteneffiziente und klimafreundliche Flexibilitätsoptionen bereitstehen, wäre ein zu starker fossiler Ausbau weder wirtschaftlich noch klimapolitisch verantwortbar“, erklärt Florian Zerzawy, Teamleiter Energiepolitik beim FÖS und Co-Autor der Studie.
Ein einziges 500-Megawatt-Gaskraftwerk stoße demnach – je nach Auslastung – bis 2045 Emissionen von 2,1 bis 8,4 Millionen Tonnen CO₂ aus und verursache Klimaschäden von 0,5 bis 7 Milliarden Euro, die bislang nicht eingepreist sind. Zudem weist das FÖS auf die erheblichen Subventionen in deutsche Gasinfrastrukturen hin.
So wird die Befüllung der Gasspeicher seit Anfang 2026 im Umfang von mehr als 3 Milliarden aus dem Klima- und Transformationsfonds finanziert. Für den Betrieb der vier schwimmenden LNG-Terminals in Brunsbüttel, Stade sowie an zwei Standorten in Wilhelmshaven erhält die Deutsche Energy Terminal (DET) staatliche Mittel von bis zu 5 Milliarden Euro. 2025 waren im Sondervermögen für Infrastruktur Ausgaben von 835 Millionen Euro für LNG-Terminals und Schiffe angesetzt. Für die geplanten 10 GW Gaskraftwerkskapazität im Rahmen der Kraftwerksstrategie könnten die staatlichen Beihilfen rund 6,6 Milliarden Euro betragen.
Zudem ist Erdgas von der Energiesteuer befreit, sofern es als Brennstoff für die Stromerzeugung in ortsfesten Anlagen mit einer elektrischen Nennleistung von mehr als zwei Megawatt verwendet wird. Das senkt die Stromgestehungskosten von Gaskraftwerken und wird dadurch mit rund 1,2 Milliarden Euro jährlich subventioniert.
„Neue Gaskraftwerke rechnen sich nur mit Milliarden-Subventionen, die am Ende die Stromkund:innen zahlen, und mit Klimakosten, die künftige Generationen tragen müssen“, erklärt Sönke Tangermann, Vorstand von Green Planet Energy. Carolin Schenuit, Geschäftsführerin des FÖS, sagt angesichts der aktuellen Krise in Nahost: „Der Krieg im Iran führt uns erneut vor Augen, wie gefährlich die Abhängigkeit von fossilen Energien ist. Die Preisschocks belasten Haushalte, Unternehmen und die gesamte Volkswirtschaft. Wer vor allem auf neue Gaskraftwerke setzt, macht Deutschland dauerhaft verwundbar. Unsere Energieinfrastruktur muss krisenfest werden. Das gelingt nur mit erneuerbaren, flexiblen und klimafreundlichen Lösungen.“ mg





















































