Erneuerbare günstiger: Gutachten widerspricht Reiches Mär von hohen Energiewende-Systemkosten

Wegen vermeintlich zu hohen Kosten, will Wirtschaftsministerin Reiche den Erneuerbaren Ausbau bremsen und lieber Gaskraftwerke zur Versorgungssicherheit fördern. Zahlen eines neuen Gutachtens sprechen eine völlig andere Sprache.
29.04.2026 – Eine Energiewende, die Systemkosten ignoriere, habe keine Zukunft. Und Klimaschutz ohne Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit sei politisch und wirtschaftlich nicht tragfähig, so Bundeswirtschaftsministerin (BMWE) Katherina Reiche letzte Woche in Berlin. Entwürfen aus ihrem Ministerium zufolge, plant Reiche den Erneuerbaren Ausbau an mehreren Stellen auszubremsen.
Im sogenannten Netzpaket etwa sollen, im Rahmen eines neu einzuführenden Redispatch-Vorbehalts, Erneuerbare Anlagen zwar weiterhin einen unverzüglichen Netzanschluss bekommen, aber nur wenn die Betreiber bis zu zehn Jahre auf Entschädigungen bei Abregelungen verzichten würde. Darüber hinaus sieht der Entwurf aus dem Wirtschaftsministerium vor, dass Netzbetreiber von den Projektierern sogenannte Baukostenzuschüsse verlangen dürfen. Beim Entwurf zur EEG-Novelle stört sich die Erneuerbaren Branche vor allem an der Streichung der Vergütung von Strom aus Photovoltaikanlagen, die weniger als 25 Kilowatt Leistung haben.
Für Reiche verursacht die Energiewende zu hohe Kosten, insbesondere weil der Netzausbau nicht mit dem Erneuerbaren Ausbau Schritt halte. Zur Versorgungssicherheit setzt Reiche stattdessen vor allem auf neue Gaskraftwerke. Von Montag- auf Dienstagnacht hat das BMWE die formale Verbändeanhörung zum Gesetzentwurf zur Sicherung der Versorgungssicherheit Strom und zur Bereitstellung neuer Kapazitäten, kurz StromVKG, eingeleitet.
Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), erklärt dazu: „Mit maßgeschneiderten Kriterien, die direkt aus der Feder der Gas-Lobby stammen, will Katherina Reiche Batteriespeicher aus den anstehenden Ausschreibungen für neue Kapazitäten im Strommarkt ausschließen. Das Gesetz ist damit ein großes Geschenk an die Gas-Lobby. Statt neuer Hürden für die Energiewende brauchen wir einen technologieoffenen Ansatz: Wer niedrige Strompreise möchte, muss im Wettbewerb entscheiden lassen, welche Technologie besser geeignet ist.“
Hohe Systemkosten widerlegt
Dass die Energiewende vermeintlich hohe Systemkosten verursache, widerlegen DUH und der Wirtschaftsverband Windkraftwerke anhand eines gemeinsam in Auftrag gegebenen Gutachtens. Ersteller des Gutachtens ist Ralf Bischof, Geschäftsführer des energiewirtschaftlichen Beratungsinstituts RBID GmbH. Bischof war einer der Gründer der naturstrom AG sowie zwischenzeitlich Geschäftsführer des Bundesverbandes Windenergie.
In dem Gutachten zeigt Bischof auf, dass auch unter Einbeziehung der Kosten für Netzausbau und Batteriespeicher, Erneuerbare Energien deutlich günstiger sind als der Neubau von Gaskraftwerken. So werden in dem Gutachten die offiziell angesetzten Kosten der Netzbetreiber einbezogen, die für die Integration der Erneuerbaren Energien ins Stromsystem mit dem Netzausbau nötig sind. Plänen der Verteilnetzbetreiber zufolge sind das bis 2045 rund 263 Milliarden Euro, für die Übertragungsnetze 156 Milliarden Euro. Daraus ergeben sich durchschnittliche Netzkosten von rund 2,6 Cent pro Kilowattstunde über alle erneuerbaren Technologien hinweg.
Beim Thema Speicher wird in dem Gutachten für das Stromsystem angenommen, dass Speicherkapazität proportional zur installierten Leistung von Wind- und Solaranlagen aufgebaut wird – insgesamt rund 560 Gigawattstunden. Dann würden die Speicher mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen: Die zeitliche Verschiebung von Stromerzeugung, Glättung von Lastspitzen sowie Beitrag zur gesicherten Leistung. Die Investitionskosten würden hier nach heutigen Maßstäben rund 200 Euro pro Kilowattstunde betragen. Werden die Kosten verursachungsgerecht auf die erneuerbaren Erzeugungsarten verteilt, würden sich im Durchschnitt etwa 1,6 ct/kWh ergeben.
In der Folge kommt das Gutachten für Erneuerbare Energien auf folgende Gesamtkosten für 2027 neu erbaute Anlagen:
- Freiflächen PV-Anlagen: ca. 10,9 ct/kWh
- Kleine PV-Dachanlagen: ca. 11,9 ct/kWh
- Wind an Land: ca. 11,2 ct/kWh
Da halten selbst die im Gutachten untersuchten modernen Gaskraftwerke mit einem Wirkungsgrad von 60 Prozent nicht mit. Untersucht wurden dabei die Preise für Gas vor dem Iran-Krieg (am 15.01.2026) und während des Iran-Krieges (am 18.03.26). Es ergeben sich in der Folge Gesamtkosten für 2027 neu erbaute Gaskraftwerke von 28,9-31,1 ct/kWh.
Besonders relevant seien laut Gutachten die laufenden Brennstoffkosten: Die Beschaffung von fossilen Energieträgern verursache in Deutschland jährlich Kosten in der Größenordnung von 60–80 Milliarden Euro. In Krisenzeiten könne dies sogar noch höher ausfallen. Diese Ausgaben seien dauerhaft erforderlich und überstiegen die zusätzlichen Systemkosten für Netze und Speicher im erneuerbaren Stromsystem deutlich. Externe Kosten wie die Subventionierung von LNG-Terminals oder die Sicherung von Transportwegen seien darin noch nicht enthalten.
Auch seien Unternehmen mit weiter steigenden Investitionskosten für neue Gaskraftwerke konfrontiert. Diese würden mit ca. 2.200 Euro pro Kilowattstunde zu Buche schlagen. Auch die geringe Auslastung von nur ca. 1.100 Vollbenutzungsstunden sei bei den Kosten für neue Gaskraftwerke, die als Back-Up bereitstehen sollen, relevant.
Der ambitionierte Ausbau der Erneuerbaren Energien ist wirtschaftlich vorteilhaft und sichert uns gegen Importabhängigkeiten ab
Lothar Schulze, Wirtschaftsverband Windkraftwerke
Lothar Schulze ist Vorstandsvorsitzender vom Wirtschaftsverband Windkraftwerke. Er sagt: „Die Kostenrisiken fossiler Energieerzeugung sind angesichts der aktuellen Krise fast eine Binsenweisheit. Dennoch gab es bisher keine Quantifizierung der Systemkosten im Vergleich. Unser Gutachten schafft die Faktengrundlage für energiepolitisch vernünftige Entscheidungen. Der ambitionierte Ausbau der Erneuerbaren Energien ist wirtschaftlich vorteilhaft und sichert uns gegen Importabhängigkeiten ab.“
Dagegen würde der Ausbau von Gaskraftwerken dafür sorgen, dass hohe Gaspreise direkt auf die Strompreise durchschlagen. Dies würde jegliche Bemühungen um niedrige Energiekosten für Verbraucher und Industrie konterkarieren. Auch technisch gebe es keine belegbaren Gründe für ein Abbremsen des Ausbaus. Die konsequente Umsetzung von Netzoptimierungsmaßnahmen könne die Transportkapazitäten unserer Stromnetze um 50 Prozent erhöhen. Redispatch-Abregelungen könnten schnell auf ein Minimum zurückgeführt werden, so Schulze weiter.
Die Kraftwerksstrategie zur Versorgungssicherheit soll mit Milliarden subventioniert werden. Bislang sieht es so aus, als soll das Geld nach dem Willen des Wirtschaftsministeriums vor allem in neue Gaskraftwerke fließen. Mit der Vorgabe, mindestens 10 Stunden ohne Unterbrechung Strom in Höhe der installierten Leistung einspeisen zu können, bevorzugt das Netz zunächst die fossilen Kraftwerke und nicht Batteriespeicher. Zudem müssen mindestens die Hälfte der wesentlichen Bauteile der zu bauenden Anlagen im Europäischen Wirtschaftsraum gefertigt werden – für Batteriespeicher schwer zu erfüllen. Deren wesentliche Bauteile sind Batteriezellen, die überwiegend in Asien gefertigt werden.
Seit Montagnacht ist der entsprechende Gesetzentwurf, die StromVKG, in der Verbändeanhörung. Die haben bis zum 05. Mai Zeit für eine Antwort. Nach Auswertung der Stellungnahmen kann das Bundeskabinett den Entwurf als Regierungsentwurf beschließen, woraufhin es dann an Bundesrat und anschließend Bundestag zu Stellungnahmen und Lesungen geht. Die Zeit drängt. Denn die ersten Auktionen für Kraftwerke zur Versorgungssicherheit sollen schon Anfang September erfolgen. mg






















































