Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne)Hitzeflaute in Europa – Stromsystem muss flexibler werden

Eine Solaranlage als Carport, darunter eine Ladestation und Elektroautos
E-Fahrzeuge können tagsüber Strom einspeichern und abends teilweise ins Netz ausspeichern. Dieses enorme Potenzial muss erschlossen werden durch intelligentes Laden. (Foto): naturstrom AG/Michael Kefer

Tagsüber werden Solarstromanlagen abgeregelt, abends fehlt der Strom, teure konventionelle Kraftwerke müssen einspringen – es mangelt an Speichern und Flexibilität. Um Preisspitzen während der Hitzeflaute zu vermeiden, fordert der bne Gegenmaßnahmen.

02.07.2026 – Seit dem 18. Juni wurden 39 Viertelstunden mit Börsenpreisen von über 300 Euro pro Megawattstunde (€/MWh) registriert, der Höchstwert lag bei 747 €/MWh. Diese Marktergebnisse in den Abendstunden zeigten damit vor allem eines, so der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne): Deutschland braucht mehr Flexibilität durch Speicher und intelligente Verbraucher, damit aus kurzfristigen Angebotsengpässen keine extremen Preisspitzen entstehen.

Mehr zum Thema

Zwei Menschen auf einer Windradgondel
Deutsches Energiesystem – Fraunhofer-Studie

Poleposition für Strom

Ein Systemwechsel im Zuge der Energiewende ist keine Frage der technisch-ökonomischen Machbarkeit. Auf den politischen Willen kommt es an, so das Fazit einer zur Intersolar Europe veröffentlichten Fraunhofer-Studie.

Um Preisspitzen während der Hitzeflaute zu vermeiden, sind aus Sicht des bne kurzfristig folgende Maßnahmen erforderlich:

  • 1. Großspeicher schneller ans Netz bringen
    Batteriespeicher können Preisspitzen innerhalb von Sekunden dämpfen. Sehr viele Unternehmen wollen Speicher bauen und die Speicherhersteller könnten sofort liefern. Was fehlt sind Netzanschlusszusagen der Verteilnetzbetreiber. Netzanschlüsse und Genehmigungen müssen deutlich beschleunigt werden, damit die bereits geplanten Speicherkapazitäten schnell verfügbar werden.
  • 2. Heimspeicher in den Markt integrieren
    Mehr als 20 GWh private Batteriespeicher können und müssen, systematisch in Markt- und Netzprozesse eingebunden werden. Dazu sind in erster Linie geeignete regulatorische Rahmenbedingungen erforderlich, etwa eine schnelle Umsetzung der MiSpeL Verordnung. Fehlanreize müssen abgebaut und die Digitalisierungsstrategie auf Geschwindigkeit und Kundennutzen ausgerichtet werden.
  • 3. Intelligentes Laden zum Standard machen.
    Rund 100 GWh Speicher rollen auf deutschen Straßen und jeden Tag werden es mehr. Die Fahrzeuge könnten tagsüber Strom einspeichern und abends teilweise ins Netz ausspeichern. Dieses enorme Potenzial muss erschlossen werden durch intelligentes Laden. Das benötigt Smart-Meter sowie Prozesskompetenz in der Datenverarbeitung der Verteilnetzbetreiber. Perspektivisch sollte bidirektionales Laden zum Standard werden, es würde massiv helfen, um Preisspitzen zu dämpfen.
  • 4. Smart-Meter-Rollout endlich beschleunigen
    Ohne intelligente Messsysteme bleibt Flexibilität weitgehend ungenutzt. Smart Meter sind die Voraussetzung dafür, dass Speicher, Wärmepumpen, Wallboxen und andere steuerbare Verbraucher automatisch auf Preissignale reagieren können. Der Smart-Meter-Rollout muss deshalb konsequent auf Geschwindigkeit, Vereinfachung, Standardisierung und Massentauglichkeit ausgerichtet werden.
  • 5. Netze digitalisieren
    Neben dem bekannten Smart-Meter Rollout braucht es vor allem eine umfassende Digitalisierung der Netze selbst. Nur so kann der Netzzustand flächendeckend online in Echtzeit überwacht werden. Ein solches digitalisiertes Netz ist die Grundvoraussetzung für eine fortgeschrittene Flexibilisierung. Millionen dezentraler Speicher und Erzeugungsanlagen müssen intelligent mit der Netzauslastung koordiniert werden.
  •  6. Dynamische Netzentgelte flächendeckend einführen
    Die aktuell laufende Netzentgeltreform (AgNes-Prozess) muss zu schneller dynamisierten Entgelten führen, so dass die Netznutzer auf den aktuellen Netzzustand reagieren können. Es braucht ambitionierte und sanktionsbasierte Zielvorgaben für Netzbetreiber, die dynamischen Netzentgelte in der Praxis endlich nutzbar zu machen*. Fast kein Netzbetreiber kann das aktuell – trotz bestehender gesetzlicher Vorgaben und Fristen. (* Modul 3 des § 14a EnWG, eingeführt am 1. April 2025, verpflichtet Netzbetreiber, zeitvariable Netzentgelte für steuerbare Verbrauchseinrichtungen (Wärmepumpen, Wallboxen, Batteriespeicher über 4,2 kW) anzubieten. In der Praxis ist diese bei fast keinem Netzbetreiber nutzbar. Netzbetreiber kommen in großem Umfang hier ihren Pflichten nicht nach)
  • 7. Dynamische Stromtarife flächendeckend verfügbar machen
    Preissignale wirken nur, wenn sie auch bei den Verbrauchern ankommen. Dynamische Stromtarife müssen deshalb von allen Lieferanten einfach, transparent und zuverlässig angeboten werden können. Dann werden Verbraucher belohnt, wenn sie ihren Stromverbrauch in Zeiten niedriger Preise verlagern, wodurch Preisspitzen reduziert und das Stromsystem insgesamt entlastet wird.

Mehr zum Thema

Windräder an einem Container-Hafen
Renewables-Based Economy Tracker REN21

Rekordwachstum bei Erneuerbaren Energien, doch Strukturwandel hinkt nach

Erneuerbare Energien wachsen im Rekordtempo und haben Potenzial, die Weltwirtschaft neu zu gestalten – mehr Energiesicherheit, Resilienz und Wohlstand. Doch politische Rahmenbedingungen, Finanzierungsstrukturen und Infrastruktur bremsen aus.

Fazit des bne

Die aktuellen Preisspitzen zeigen keinen Mangel an Strom, sondern einen Mangel an Flexibilität. Mit einem beschleunigten Ausbau von Speichern, Digitalisierung, intelligenten Tarifen und flexiblen Marktprozessen lassen sich solche Preisspitzen deutlich reduzieren – und gleichzeitig die Kosten für Verbraucher senken.

Anmerkung des bne: Die Parallelen zurfrüheren Pressemitteilung „Pfingsten sind Negativstrompreise zu erwarten. Diese sieben Gegenmaßnahmen muss die Regierung jetzt umsetzen“ sind keineswegs zufällig, da die Problemstellung vergleichbar ist. Sie haben seitdem offenbar an Dringlichkeit gewonnen: Sowohl negative Strompreise als auch extreme Preisspitzen sind Ausdruck der anhaltenden Netzkrise durch dieselben strukturellen Flexibilitätsdefizite im Stromsystem.

Neuen Kommentar schreiben


Name: *
E-Mail: *
(wird nicht veröffentlicht)
Nicht ausfüllen!


Kommentar: *

max 2.000 Zeichen