DIHK: Interne Kritik an Position der Industrie- und Handelskammer zum Klimaschutz

In einem Positionspapier fordert die DIHK die deutschen Klimaziele im vermeintlichen Sinne der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu lockern. Dem widersprechen mehrere Ökoenergieversorger und Mitglieder der Kammer und liefern Argumente.
11.02.2026 – Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) kommt nicht zur Ruhe. Grund sind unterschiedliche Ansichten über den weiteren Umgang mit den deutschen und europäischen Klimazielen innerhalb der Kammer. Als Anstalt des öffentlichen Rechts und über die regionalen Vertretungen der Handelskammer, gehören der DIHK qua Gesetz alle Unternehmen und Gewerbetreibenden in Deutschland an.
So auch die Ökoenergieversorger naturstrom, Green Planet Energy und EWS Schönau. In einem offenen Brief an den Präsidenten der DIHK, Peter Adrian, kritisieren diese den Dachverband beim Thema Klimaschutz. Mit wachsender Irritation habe man die jüngsten Positionierungen zur Kenntnis genommen. „Wir möchten klarstellen, dass wir uns als Mitglieder durch diese Positionierung nicht repräsentiert fühlen“, so die Ökostromer.
Was hinter den Positionierungen steckt
Ende November vergangenen Jahres hatte die DIHK auf ihrer Vollversammlung ein Positionspapier verabschiedet, in dem der aktuelle Weg der Energiewende in Deutschland als „geprägt von zahlreichen, sich teilweise widersprechenden Zielen, staatlicher Detailsteuerung, unzureichender europäischer und internationaler Einbettung sowie fehlender internationaler Abstimmung“ beschrieben wird. Das habe „hohe Kosten und Wettbewerbsnachteile für die Wirtschaft“ zur Folge.
Das Positionspapier beruft sich dabei auf die kurz zuvor veröffentlichte Studie des Beratungsinstituts Frontier Economics „Neue Wege für die Energiewende“. Darin wird vor vermeintlichen Kosten von bis zu 5,4 Billionen Euro gewarnt sollte die aktuelle Klimapolitik fortgesetzt werden. Statt politischer Vorgaben sollen rein marktwirtschaftliche Instrumente wie ein umfassender und sektorübergreifender Emissionshandel greifen. Technologieoffen sollten auch bestehende Gasnetze länger genutzt und Carbon Capture and Storage-Systeme stärker genutzt werden.
Der Bundesverband Erneuerbare Energien erklärte nach Veröffentlichung der Studie, diese ließe sich durch „Vier V“-Effekte charakterisieren: durch Verunsichern, Verlängern, Verlagern und Verschieben würden die empfohlenen Maßnahmen den Klimaschutz gefährden. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte und neue wissenschaftliche Studien würden zeigen, dass die von Frontier Economics vorgeschlagenen Maßnahmen weder die erhofften Kosten- noch Emissionsreduktionen erbringen.
Die DIHK dagegen – übrigens Auftraggeber der Frontier Economics-Studie – schlussfolgerte Klimaziele stärker international zu koordinieren. Deutschland indes solle seine jahresscharfen Klimaziele 2030 und 2040 aufgeben, alle Emissionen in ein Handelssystem einbeziehen und diesen auch noch deutlich weicher gestalten als den bisher funktionierenden europäischen Emissionshandel für Energie und Industrie (ETS1). Dieser sei in seiner derzeitigen Auslegung und dass ab 2039 keine Zertifikate mehr zu kaufen seien, zu ambitioniert. Vielmehr solle das allumfassende Handelssystem stärker am globalen Markt und den Ambitionen anderer Länder ausgerichtet werden.
Klimaziele ja, aber
Das erste Positionspapier rief bereits deutliche Kritik unter den Mitgliedern der DIHK hervor. Mit einem zweiten – noch nicht verabschiedeten – Positionspapier will die DIHK ihre vorherige Position daher ergänzen. Es solle klargestellt werden, dass das deutsche Ziel der Klimaneutralität bis 2045 nicht generell infrage gestellt wird, sagte Sebastian Bolay, Abteilungsleiter für Klima und Energie bei der DIHK, Table.Briefings, die zuerst über die Causa berichteten.
So steht in dem neuen Entwurf, dass das 2045er-Ziel bestehen bleiben könne, wenn andere Länder ihre Anstrengungen erhöhen würden. Andernfalls könne man das deutsche Klimaneutralitäts-Ziel um zwei Jahre nach hinten verschieben oder das Emissionsbudget um 600 Millionen Tonnen CO2ausweiten.
Die Kritik aber bleibt, wie der am gestrigen Dienstag veröffentlichte offene Brief der Ökostromer zeigt. „In dem Entwurfspapier werden nach unserer Lesart Deutschlands Rolle beim Klimaschutz relativiert und die bestehenden Klimaziele grundsätzlich infrage gestellt. Diese Position ist nicht nur eine Gefahr für den Klimaschutz, sondern bedroht auch das deutsche Wirtschaftswachstum“, so naturstrom, Green Planet Energy und EWS Schönau.
Für die Verfasser des Briefs sollte die Debatte nicht länger so geführt werden, als stünden Klimaschutz und wirtschaftliche Stärke in Widerspruch. Im Gegenteil: die gemeinsamen Erfahrungen würden zeigen, dass ambitionierter Klimaschutz Motor von Innovation, wirtschaftlicher Dynamik und Transformation ist.
Dazu verweisen die Ökostromer unter anderem auf eine Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), wonach jeder investierte Euro 1,8 bis 4,8 Euro Nutzen bringe, durch geringere Energiekosten, bessere Gesundheit und weniger fossile Importe. Eine OECD/UNDP-Studie von letztem Jahr prognostiziere zudem: Strengere Klimaziele steigern das globale BIP bis 2100 um bis zu 13 Prozent.
Die Stimmen aus dem Vorstand
Oliver Hummel, Vorstandsvorsitzender von naturstrom sagt: „Klimaschutz als Gefahr für wirtschaftliches Wachstum zu framen, ist Gedankengut aus den Nullerjahren. Wir erwarten von der DIHK, dass sie jenen Unternehmen und Branchen, die in Klimaschutz investiert haben und ihn als Chance begreifen, angemessen Gehör schenkt.“
Sönke Tangermann, Vorstand von Green Planet Energy, erklärt: „Klimaschutz ist der Schlüssel zur Erneuerung unserer Wirtschaft. Er schafft Arbeitsplätze, sichert Investitionen und macht Deutschland unabhängig von fossilen Krisen. Wer Klimaschutz schwächt, handelt gegen Deutschlands wirtschaftliche Zukunft – und überlässt anderen die Märkte von morgen.“
Und Sebastian Sladek, Vorstand EWS Elektrizitätswerke Schönau, erläutert: „In diesen Zeiten globaler Unsicherheiten brauchen wir keine Rolle rückwärts, sondern Planungssicherheit, Investitionsklarheit und Innovationsmut. Wir halten es für nicht akzeptabel, dass die DIHK Aufweichungen zentraler Klimaschutzziele als vermeintliche Gesamtposition ihrer Mitglieder postuliert, obwohl diese von Teilen der Mitgliedschaft ausdrücklich abgelehnt werden.“ mg




















































