DIHKInterne Kritik an Position der Industrie- und Handelskammer zum Klimaschutz

Ein bewaffneter Polizeibeamter in Schutzkleidung steht hinter rot-weißen Absperrgittern vor einer modernen Glasfassade. Der Beamte hält ein transparentes Schutzschild vor sich, auf dem Farbspritzer in Grün, Blau und Rosa zu sehen sind; dieselben Farbflecken sind auch auf der Glasfassade verteilt, offenbar von Farbbeuteln oder Farbeiern. Die Situation wirkt angespannt und deutet auf eine Demonstration oder Protestaktion hin. Hinter dem Polizisten ist der Eingangsbereich eines großen Gebäudes zu sehen. Auf der Glasfassade steht gut lesbar der Schriftzug „Haus der Deutschen Wirtschaft“. Daneben sind mehrere Organisationslogos angebracht: „BDA“, „BDI“ und „DIHK“. Weitere Personen befinden sich im Hintergrund, teilweise hinter den Absperrungen. Das Bild zeigt eine urbane Protestszene bei Tageslicht mit starkem Polizeiaufgebot vor einem wirtschaftspolitisch bedeutenden Gebäude.
Haus der deutschen Wirtschaft in Berlin. Schauplatz viele Proteste, wie hier 2014. Im Haus sitzen, neben dem DIHK, auch der Bund der Arbeitgeber (BDA) und der Bund der Industrie (BDI) (Bild: Montecruz Foto: Libertinus, flickr, Wikimedia, CC BY-SA 2.0)  

In einem Positionspapier fordert die DIHK die deutschen Klimaziele im vermeintlichen Sinne der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu lockern. Dem widersprechen mehrere Ökoenergieversorger und Mitglieder der Kammer und liefern Argumente.

11.02.2026 – Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) kommt nicht zur Ruhe. Grund sind unterschiedliche Ansichten über den weiteren Umgang mit den deutschen und europäischen Klimazielen innerhalb der Kammer. Als Anstalt des öffentlichen Rechts und über die regionalen Vertretungen der Handelskammer, gehören der DIHK qua Gesetz alle Unternehmen und Gewerbetreibenden in Deutschland an.

So auch die Ökoenergieversorger naturstrom, Green Planet Energy und EWS Schönau. In einem offenen Brief an den Präsidenten der DIHK, Peter Adrian, kritisieren diese den Dachverband beim Thema Klimaschutz. Mit wachsender Irritation habe man die jüngsten Positionierungen zur Kenntnis genommen. „Wir möchten klarstellen, dass wir uns als Mitglieder durch diese Positionierung nicht repräsentiert fühlen“, so die Ökostromer.

Was hinter den Positionierungen steckt

Ende November vergangenen Jahres hatte die DIHK auf ihrer Vollversammlung ein Positionspapier verabschiedet, in dem der aktuelle Weg der Energiewende in Deutschland als „geprägt von zahlreichen, sich teilweise widersprechenden Zielen, staatlicher Detailsteuerung, unzureichender europäischer und internationaler Einbettung sowie fehlender internationaler Abstimmung“ beschrieben wird. Das habe „hohe Kosten und Wettbewerbsnachteile für die Wirtschaft“ zur Folge.

Das Positionspapier beruft sich dabei auf die kurz zuvor veröffentlichte Studie des Beratungsinstituts Frontier Economics „Neue Wege für die Energiewende“. Darin wird vor vermeintlichen Kosten von bis zu 5,4 Billionen Euro gewarnt sollte die aktuelle Klimapolitik fortgesetzt werden. Statt politischer Vorgaben sollen rein marktwirtschaftliche Instrumente wie ein umfassender und sektorübergreifender Emissionshandel greifen. Technologieoffen sollten auch bestehende Gasnetze länger genutzt und Carbon Capture and Storage-Systeme stärker genutzt werden.

Mehr zum Thema

Ein Mann in dunklem Anzug, weißem Hemd und grauer Krawatte sitzt an einem Konferenztisch und spricht in ein Tischmikrofon. Er gestikuliert mit beiden Händen und blickt konzentriert nach vorne. Vor ihm liegt ein Tablet sowie ein Dokument. Auf einem weißen Namensschild auf dem Tisch steht in schwarzer Schrift: „W. HOEKSTRA“. Im Hintergrund sind weitere Personen unscharf zu sehen, ebenfalls an Tischen sitzend, in einem modernen Sitzungsraum mit gelblich-orangefarbenen Wänden. Die Szene wirkt wie eine formelle Anhörung oder Sitzung in einem politischen oder europäischen Institutionenkontext.
Europäische Union

Wie die EU-Kommission CO2-Entnahmen fördern will

Brüssel legt einen freiwilligen Zertifizierungsstandard für CO2-Entnahmen aus Luft und biogenen Prozessen vor. Der Markt soll stärker gefördert werden. Doch an der Methodik gibt es Kritik und viele Fragen bleiben offen.

Der Bundesverband Erneuerbare Energien erklärte nach Veröffentlichung der Studie, diese ließe sich durch „Vier V“-Effekte charakterisieren: durch Verunsichern, Verlängern, Verlagern und Verschieben würden die empfohlenen Maßnahmen den Klimaschutz gefährden. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte und neue wissenschaftliche Studien würden zeigen, dass die von Frontier Economics vorgeschlagenen Maßnahmen weder die erhofften Kosten- noch Emissionsreduktionen erbringen.

Die DIHK dagegen – übrigens Auftraggeber der Frontier Economics-Studie – schlussfolgerte Klimaziele stärker international zu koordinieren. Deutschland indes solle seine jahresscharfen Klimaziele 2030 und 2040 aufgeben, alle Emissionen in ein Handelssystem einbeziehen und diesen auch noch deutlich weicher gestalten als den bisher funktionierenden europäischen Emissionshandel für Energie und Industrie (ETS1). Dieser sei in seiner derzeitigen Auslegung und dass ab 2039 keine Zertifikate mehr zu kaufen seien, zu ambitioniert. Vielmehr solle das allumfassende Handelssystem stärker am globalen Markt und den Ambitionen anderer Länder ausgerichtet werden.

Klimaziele ja, aber

Das erste Positionspapier rief bereits deutliche Kritik unter den Mitgliedern der DIHK hervor. Mit einem zweiten – noch nicht verabschiedeten – Positionspapier will die DIHK ihre vorherige Position daher ergänzen. Es solle klargestellt werden, dass das deutsche Ziel der Klimaneutralität bis 2045 nicht generell infrage gestellt wird, sagte Sebastian Bolay, Abteilungsleiter für Klima und Energie bei der DIHK, Table.Briefings, die zuerst über die Causa berichteten.

So steht in dem neuen Entwurf, dass das 2045er-Ziel bestehen bleiben könne, wenn andere Länder ihre Anstrengungen erhöhen würden. Andernfalls könne man das deutsche Klimaneutralitäts-Ziel um zwei Jahre nach hinten verschieben oder das Emissionsbudget um 600 Millionen Tonnen CO2ausweiten.

Die Kritik aber bleibt, wie der am gestrigen Dienstag veröffentlichte offene Brief der Ökostromer zeigt. „In dem Entwurfspapier werden nach unserer Lesart Deutschlands Rolle beim Klimaschutz relativiert und die bestehenden Klimaziele grundsätzlich infrage gestellt. Diese Position ist nicht nur eine Gefahr für den Klimaschutz, sondern bedroht auch das deutsche Wirtschaftswachstum“, so naturstrom, Green Planet Energy und EWS Schönau.

Für die Verfasser des Briefs sollte die Debatte nicht länger so geführt werden, als stünden Klimaschutz und wirtschaftliche Stärke in Widerspruch. Im Gegenteil: die gemeinsamen Erfahrungen würden zeigen, dass ambitionierter Klimaschutz Motor von Innovation, wirtschaftlicher Dynamik und Transformation ist.

Dazu verweisen die Ökostromer unter anderem auf eine Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), wonach jeder investierte Euro 1,8 bis 4,8 Euro Nutzen bringe, durch geringere Energiekosten, bessere Gesundheit und weniger fossile Importe. Eine OECD/UNDP-Studie von letztem Jahr prognostiziere zudem: Strengere Klimaziele steigern das globale BIP bis 2100 um bis zu 13 Prozent.

Mehr zum Thema

Satellitenaufnahme einer großflächigen Solaranlage in einer Wüstenlandschaft. Tausende rechteckige, dunkelblaue Solarmodule sind in geometrischen Blöcken angeordnet und durch helle Sandflächen, Wartungswege und technische Zufahrten voneinander getrennt. Die Anlage erstreckt sich über ein sehr großes Gebiet und ist von trockener, sandfarbener Umgebung ohne Vegetation umgeben. Die Perspektive ist senkrecht von oben, wodurch die strukturierte, rasterartige Anordnung der Photovoltaikfelder deutlich sichtbar wird.
Analyse von BloombergNEF

Erneutes Rekordjahr an Investitionen in die Energiewende

Seit Jahren steigen die Investitionen in die grüne Transformation. So auch 2025. Und dass trotz schwieriger wirtschaftlicher Lagen und politischer Widerstände etwa in China und den USA.

Die Stimmen aus dem Vorstand

Oliver Hummel, Vorstandsvorsitzender von naturstrom sagt: „Klimaschutz als Gefahr für wirtschaftliches Wachstum zu framen, ist Gedankengut aus den Nullerjahren. Wir erwarten von der DIHK, dass sie jenen Unternehmen und Branchen, die in Klimaschutz investiert haben und ihn als Chance begreifen, angemessen Gehör schenkt.“

Sönke Tangermann, Vorstand von Green Planet Energy, erklärt: „Klimaschutz ist der Schlüssel zur Erneuerung unserer Wirtschaft. Er schafft Arbeitsplätze, sichert Investitionen und macht Deutschland unabhängig von fossilen Krisen. Wer Klimaschutz schwächt, handelt gegen Deutschlands wirtschaftliche Zukunft – und überlässt anderen die Märkte von morgen.“

Und Sebastian Sladek, Vorstand EWS Elektrizitätswerke Schönau, erläutert: „In diesen Zeiten globaler Unsicherheiten brauchen wir keine Rolle rückwärts, sondern Planungssicherheit, Investitionsklarheit und Innovationsmut. Wir halten es für nicht akzeptabel, dass die DIHK Aufweichungen zentraler Klimaschutzziele als vermeintliche Gesamtposition ihrer Mitglieder postuliert, obwohl diese von Teilen der Mitgliedschaft ausdrücklich abgelehnt werden.“ mg

Neuen Kommentar schreiben


Name: *
E-Mail: *
(wird nicht veröffentlicht)
Nicht ausfüllen!


Kommentar: *

max 2.000 Zeichen